3. April 2006

"Sido rappt über Drogen? Cool!"

Interview geführt von

Mike Skinner hat das Achtziger-Revival bis zur Perfektion vollendet und führt es uns nun vor: Sein neongelbes Hemd und das zu große hellblaue Jacket sind einfach nicht zu überbieten. Im Gegensatz zu seinem Outfit ist der Rapper im Gespräch komplett aufgeräumt und up to date. Und keine Angst, auf dem neuen Album schwenkt er auch nicht zum Electroclash um.Seit zehn Uhr morgens sitzt Mike Skinner nun schon in diesem Kölner Hotelzimmer, lässt hinter sich den unermüdlichen Regen auf die Scheiben pladdern. Als wir die Suite betreten, witzelt er gerade mit dem Fototeam, das sich vor uns mit dem Vorzeigerapper Großbritanniens beschäftigte. Sichtlich fasziniert von deren Equipment überlegt Skinner: "Ich bin im falschen Business". Dann wendet er sich an uns.

"Sollen wir den Fernseher ausschalten?" Was beim ersten Hinsehen wie eine Super RTL-Kindersendung aussah, entpuppt sich beim späteren Durchhören der Aufnahmen als Doku über die Beatles. Telly ausschalten wird allerdings ein schwierigeres Unterfangen, als erwartet: Dieses Luxus-Ding hat keinen Knopf - man braucht die Fernbedienung, um es auszubekommen - und die ist nicht auffindbar. Skinner (die Songs aus dem TV mitträllernd), Butscher, Schiedel und die Promoterin machen sich auf die Suche. Es dauert ein Weilchen, bis das gute Teil auf dem großen Tisch der schicken Suite zwischen Zeitschriften und eklig alten Keksen wieder auftaucht.

Skinner ist extrem gut gelaunt. Und das, obwohl er schon seit sechs Stunden Interviews gibt. Er begutachtet die künstlichen, mit Perlen besetzten Blumen auf dem Glastisch vor den zwei Leder-Couchen, auf die wir uns fürs Interview gesetzt haben: "Das ist ranzig, das sieht verfault aus. Sehen aus, als würden die Dinger schnell Feuer fangen. Würden sicher schön brennen." Ok, wir wechseln lieber schnell das Thema.

Wenn man deine Videos, deine Cover u.s.w. anschaut fällt auf: Immer spielen Mobiltelefone eine zentrale Rolle. Wie wichtig sind Handys in deinem Leben?

Sie sind der Mittelpunkt meiner Existenz. Ich liebe Technik und ich habe gerade mit so vielen Sachen zu tun, da ist es einfach unumgänglich, dass ich jederzeit mit jedem Kontakt aufnehmen kann.

Was ist dann das Wichtigste, das du mit deinem Handy machen kannst? Ist es noch die Kommunikation?

Ja! Ich war jetzt zwei Monate in New York, und da habe ich erst richtig bemerkt: Es spielt überhaupt keine Rolle mehr, wo du dich aufhältst, du kannst inzwischen von überall aus arbeiten.

Was hast du denn in New York gemacht?

Ich habe da zwei Monate gelebt. Ich musste raus aus London. Ich habe in England Werbung für Reebok gemacht, und die war einfach überall zu sehen, auf Bussen und so. Also habe ich beschlossen, dass es das Beste wäre, wenn ich nicht im Land wäre, so lange diese Werbung geschaltet ist.

Also war dein Aufenthalt in New York komplett privat?

Ja, es war super!

Hat man dich denn in New York auch erkannt?

Ein bisschen. Aber nicht so oft wie in England. Das ist da noch nicht so verrückt wie in England.

Was war denn das Verrückteste, das dir mal passiert ist?

Nur das Übliche, Kreischen ... Naja, und das passiert ja auch nur rund um Gigs, dass die Leute nach mir schreien. Vor allem, wenn ich auf die Bühne komme, geht's ab. Aber wenn ich durch die Stadt laufe, fangen die Leute nicht an zu kreischen. Was sehr gut so ist.

Aber in Japan, da geht's bestimmt ziemlich ab, oder?

Naja, so bekannt bin ich da noch nicht. Aber da gibt es immer Leute, die schon am Hotel stehen, wenn du ankommst, was ziemlich komisch ist. Das passiert sonst nirgends auf der Welt.

Vielleicht eine alte Frage, aber wir hatten gerade eine Diskussion darüber: Wo kann man dich einordnen? Machst du Hip Hop oder doch eher schon Elektro? Wo siehst du dich selber?

Für mich ist das britischer Rap. Wenn man sich selbst zu strikt definiert, beschränkt man sich damit auch. Also versuche ich, mich nicht zu beschränken. Aber ich denke, es ist Rap. Allerdings nicht so, wie man ihn bisher kannte.

Was sich ja auch Grime nennt. Alle Grime-Künstler, die man hier in Deutschland kennt, kommen aus London. Gibt es denn gar keine im Rest von England?

Doch, es gibt auch welche in Manchester und Birmingham und so, aber das meiste, was auch veröffentlicht wird, ist gewöhnlich aus London. In London ist man so nah am Siedepunkt. Die Sachen kommen meist aus London, das ist eine ziemlich kreative Stadt. Aber es kommt mir so vor, als hätte es selbst in London gerade erst richtig angefangen, dieser wirklich, wirklich gute britische Rapsound.

"Das könnte Gwen nicht singen."


Du hast ja dein eigenes Label The Beats mit super Künstlern drauf, vor allem Kano ...

Dankeschön!

Was kommt da als nächstes?

Da gibt es Professor Green, der gerade auf den Bahamas war, um an den World-MC Battle-Championships teilzunehmen. Er wurde zweiter. Von ihm kommt ein Album. Wir haben auch einen Typen, der sich Example nennt.

Sind die Künstler, die du signst, auch alle aus London?

Ja.

Das ist doch der Punkt: Es ist einfacher, Leute wahrzunehmen, die du in deiner Umgebung triffst. Oder schaust du gezielt auch nach Künstlern aus anderen Teilen Englands, zum Beispiel aus deiner Heimatstadt Birmingham?

Hm, es gibt anscheinend nicht so viele individuelle Leute da draußen, die ich schon gehört habe. Und in London ist das ja auch eine richtige Szene. Du siehst die Leute ihr Zeug machen, du bekommst ihre Mixtapes und so. Aber mir gefällt die Idee, dass ich jemanden aus Birmingham signen könnte.

Du machst ja auch The Beats-Partys ...

Standard, die Partys von uns heißen Standard. Der Club heißt Plan B, wie der Rapper. Die Partys laufen ziemlich gut. Aber ich möchte die Partys in Zukunft ein bisschen nach draußen in die Vororte verlegen. Ich glaube, dass sie da draußen sehr viel mehr geschätzt werden. In der Stadt ist es gerade ... es ist gut, aber es ist schwierig, authentische Leute in die Clubs zu bekommen. Die beste war die Weihnachts-Party. Wir haben jeder fünf Platten gespielt und Leo The Lion, der Typ, der auf meinen und Kanos Platten singt, hat Madonna und Britney Spears gespielt, und alle Leute dort waren eher harte Typen. Aber am Schluss haben sie alle mitgesungen. Skinner singt Britneys "... Baby One More Time". Es war ja auch Weihnachten.

Auf deiner Homepage gibt es ein Mixtape von dir. Legst du denn öfter auch selber auf?

Ich habe einmal aufgelegt. Vor Jahren. Aber wir haben gerade einen Podcast aufgenommen. Darauf findest du vieles von dem Zeug, an dem ich gerade arbeite. Ich denke, du musst einfach im iTunes nach The Beats-Podcast suchen. (Nicht nötig, wir haben ihn bereits für euch gefunden.)

Und was bekommt man da so zu hören?

Es ist viel Musik von uns ... und wie wir Scheiße labern. Unser Office heißt Jeffrey Camp Insurance, wir haben dieses Büro in West London für unser Plattenlabel gemietet. Da war mal eine Versicherungsgesellschaft mit dem Namen Jeffrey Camp Insurance dirn. Und wir haben das Schild nie ausgewechselt. In dem Podcast rappen, reden und lachen wir über Jeffrey, weil eben immer noch nicht The Beats über unserem Büro steht. Jetzt ist Jeffrey Camp eben unser Alter Ego.

Zurück zu deinem Album: Da kommen ja die altbekannten Leute aus der Londoner Grime-Szene vor. Du hast für dein letztes Album ja einen Track mit Chris Martin aufgenommen ...

Ja, das war für "Dry Your Eyes", ist leider nie rausgekommen.

Ich habe den Song im Internet in der Version mit Chris gehört. Der ist großartig, warum hat der's nicht aufs Album geschafft?

Es war auf seinen Wunsch. Chris mag den Klang seiner Stimme darauf nicht.

Hattest du für dieses Album auch ähnliche Kollaborationen im Kopf, die dann doch nicht stattgefunden haben? Irgendwelche Künstler, die nicht aus der Grime- oder Hip Hop-Szene kommen?

Ich bin eigentlich ziemlich fokussiert. Ich wollte schon seit Jahren ein Rap-Label führen. Das ist, was mich wirklich interessiert. Ich mag schon verschiedene Musikrichtungen, aber ich bleibe selber lieber bei dem Rap-Ding.

Aber bevor die Platte kam, wurde viel über mögliche Kollaborationen geredet. Und als das Album dann da war, fand man darauf gar keine.

Ich wollte auf dem Album schon mit ein paar Leuten zusammen arbeiten. Aber es war eine Zeitfrage. Und die Songs waren so persönlich. Ich konnte keine Stelle finden, an der es gepasst hätte. Ich wusste nicht, wie ich das machen sollte. Ursprünglich sollte Gwen Stefani auf "When You Wasn't Famous" dabei sein. Das hätte gut funktioniert, denn sie ist ja mit einem berühmten Typen zusammen. Aber dann hätte ich den Text ändern müssen, ich singe da ja "When you try to pull a girl". Das könnte sie nicht singen. Sie müsste "When he tries to get with a girl" singen. Denn sie würde sicher nicht "pull" sagen. Und dann wurde es Januar und ich dachte mir: 'Weißt du was, ich hab da jetzt keinen Bock mehr drauf, ich will einfach nur noch die Platte rausbringen.' Ich hatte die Platte echt satt. Ich wollte einfach nur noch weitermachen, anfangen, an einer neuen Platte zu arbeiten.

Hast du wirklich schon begonnen, an einer neuen Platte zu arbeiten?

Ich schreibe an den ersten Songs fürs neue Album. Ich habe vor ca. einer Woche ziemlich viel daran gearbeitet. Dann hat's mich gelangweilt ... Ich mache gerade einen Song mit Wiley, dem Rapper. Wiley ist zurück, das ist die große Geschichte ... deshalb hoffe ich, dass der Song gut wird.

Drogen nehmen, rumhängen, Frauen ficken.


Im Gegensatz zu seiner Aussprache bei unserem Gespräch kommt der Akzent von Mike auf seinen Songs meist sehr hart durch, was es schwer macht zu verstehen, wovon er singt.

Wenn du deine Texte schreibst, denkst du währenddessen manchmal daran, dass viele Leute am Schluss gar nicht verstehen, worum es in deinen Songs überhaupt geht?

Ja, es ist ein schmaler Grat ... Auf dem letzten Album zum Beispiel kamen die Informationen wesentlich langsamer rüber. In England meinten die meisten Leute dann, es sei zu langsam gewesen. Deshalb musste ich sie wieder etwas schneller machen. Wahrscheinlich solltet ihr euch die Lyrics einfach runterladen.

Ich hab schon danach gesucht, aber noch keine zum neuen Album gefunden!

Ich werde sie online stellen. Gut, dass ihr mich daran erinnert habt.

Mike zückt sein wichtigstes Gadget, das Handy, und setzt sich sofort einen Reminder.
"Lyrics for ...", murmelt er dabei.

Du hast bereits erwähnt, dass deine Lyrics sehr persönlich sind. In einem Interview hast du das unter anderem damit begründet, dass du den Boulevardmedien so die Angriffsfläche nimmst. Glaubst du nicht, dass sie gerade an den privaten Punkten weiter sticheln?

Ja, vielleicht, so läuft's halt. Das wird irgendwann normal, wenn du da selbst drin steckst. Aber du bleibst trotzdem in deiner eigenen kleinen, normalen Welt. Wir reden nicht über das, was in den Zeitungen steht. Wir reden einfach über das, was gerade so passiert. Das nimmt alles keinen wirklich großen Platz in meinem Leben ein. Ich schau immer mal wieder, was die Zeitungen sich schon wieder für einen Scheiß ausgedacht haben, lege die Zeitung dann wieder weg und rede weiter über die alltäglichen Dinge.

Du kennst ja bestimmt den deutschen Rapper Sido: der, der eine Coverversion von "Blinded By The Lights" gemacht hat. Wie ist das zustande gekommen?

Er hat das auf eigene Faust gemacht und es mir dann zugeschickt. Ich hab mir gedacht, dass das sicher gut ist für meine Bekanntheit auf dem deutschen Markt.

Weißt du, dass er hier in Deutschland recht kontrovers diskutiert wird?

Nein, warum?

Viele Leute meinen, er stelle Drogen ein bisschen zu positiv dar, würde die Kids verführen. Einige seiner Songs wurden gerade zensiert.

Wirklich? Wovon erzählt der denn?

Drogen nehmen, rumhängen, Frauen ficken.

Cool! He's my kind of Rapper!

Hast du ihn denn mal getroffen?

Nein, hab ich nicht. Hört sich auch ein bisschen furchterregend an ...

Naja, ich glaube er kann eigentlich ein ganz netter Typ sein.

Er ist also ein großer, knuddeliger Plüschhase ...

Seine Beats finde ich ziemlich gut, aber über seine Lyrics kann man sich streiten.

Immerhin spricht er darüber, Mädels zu ficken und Drogen zu nehmen, das ist besser als bei den meisten anderen.

Schönes Schlusswort, Danke fürs Interview und viel Spaß beim Konzert heute Abend!

Beim Gruppenfoto nach dem Interview erzählen wir Skinner noch von der berühmt-berüchtigten Sido-Maske. Er möchte unbedingt auch so eine haben. Vielleicht hat er ja die Chance, den Berliner Rapper am nächsten Tag bei seinem Konzert in der Hauptstadt zu treffen ... und ihm unter Umständen die Maske abzuschwätzen.

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