laut.de-Kritik

Wirkt im Jahr 2017 merkwürdig angestaubt.

Review von

Beim jungfräulichen Blick auf die Playlist der neuen Shins-Scheibe stößt ein Songtitel direkt ins Auge. "So Now What"! Schließlich hat der Song nunmehr drei Jahre auf dem Buckel und war bereits 2014 Teil des Soundtrack des recht belanglosen Zach Braff Films "Wish I Was Here". Merkwürdig! Es ist ja keinesfalls verwerflich, ein, zwei Tage altes Essen aufzuwärmen, aber nach einer Woche sollte man es sich schon zweimal überlegen, ob man die Mikrowelle nochmal anwirft.

Dementsprechend hinterlässt die Entscheidung, diese Komposition von Richard Swift (mittlerweile sogar ein Ex-Mitglied der Band) auf die Platte zu packen, einen faden Beigeschmack. Nicht weil der Song schlecht wäre, keineswegs, das Teil ist grundsolide, ein wenig weinerlich vielleicht, aber auch angenehm eingängig. Aber es scheint doch nahezu unmöglich, dass ein so begabter Ohrwurm-Schreiber wie James Mercer in den vergangenen fünf Jahren keinen passenden Ersatz auf Augenhöhe kreiert hat. Irgendwas scheint faul zu sein.

Achtung, steile These: Die Shins sind überschätzt! Und damit meine ich die allseits beliebten "Oh, Inverted World"-Shins, die "Chutes Too Narrow"-Shins und die 'Dieser Song wird dein Leben verändern'-Shins. Also alle Shins eben, die eigentlich als unangreifbar und über jeden Zweifel erhaben gelten. Genau genommen war es wohl jene heute legendäre Szene in "Garden State", die die Band zu mehr machte, als sie eigentlich war. Nicht falsch verstehen: Wir glaubten alle an die Magie dieser scheinbar perfekten Außenseiter-Band und ließen uns brav von ihr umschmeicheln und einlullen.

Doch die aktive Kraft, Leben zu verändern, besaßen Mercer und Co. rückblickend nur bedingt. Dafür war ihr Wohlfühl- und Herzschmerz-Indie wohl schlicht zu harmlos und offenkundig schön. Richtig spannend, das zeigt die Erfahrung, wirds aber erst, wenn dir der Boden unter den Füßen wegbricht. Erste Risse im perfekten Gebilde offenbarte das gemeinhin von der Fanschar eher verschmähte, aber immerhin für den Grammy nomierte "Port Of Morrow". Fünf Jahre später erscheint nun "Heartworms" und James Mercer hat nicht nur die komplette Mannschaft ausgetauscht, sondern auch die angedeuteten Risse im Konzept fachmännisch gekittet. Wir kehren zurück zum schnörkellosen Zach Braff-Indie. So schön. So langweilig.

Und ja, ich würde lügen, wenn ich an dieser Stelle behaupten würde, dass mir angesichts der vertonten Zeitreise des Openers "Name For You", dem glockenklaren "Rubber Ballz" oder dem träumerischen "Fantasy Island" nicht warm ums Herz geworden wäre. Zu vertraut klingen die verspielten Melodien, für die Mercer erstmals seit Jahrzehnten auch als Produzent verantwortlich zeichnet. Zu angenehm eigenartig und vertraut klingt das Organ des Shins-Chef. Trotzdem fühlt sich der Genuss dieser Platte merkwürdig an. Denn auch wenn die 00er und 10er-Jahre irgendwie zu einem Brei verschwimmen, gehört dieser Shins-Sound, den die Band hier auf dem Präsentierteller ausstellt, irgendwie doch ins vergangene Jahrzehnt und wirkt auch deshalb 2017 merkwürdig angestaubt und spleenig. Trotz Mikrowelle: Es wird nicht richtig warm.

Es klingt beinahe so, als hätte es "Port Of Morrow" und die spannende Hälfte von "Wincing The Night Away" nie gegeben. Deshalb erscheint der Vergleich zum Star Wars-Franchise irgendwie passend: "Star Wars 7: Das Erwachen der Macht" orientierte sich so extrem an der verehrten 80er-Jahre Triologie, dass er komplett vergaß (oder bewusst darauf verzichtete) etwas Neues zu erschaffen. Alle experimentellen Ausflüge wirken recht harmlos und durchgerechnet. Mercer und sein Bandprojekt gehen hier den Weg des geringsten Widerstandes – und plötzlich macht auch "So Now What"-Sinn.

"Heartworms" ist eine gute Scheibe. Im Vergleich zu unzähligen Indie-Releases sogar ein sehr gutes und wahrscheinlich auch besseres Werk als der dröge Vorgänger. Wirklich. Und Mercer präsentiert mit "Painting A Hole", "Cherry Hearts" und "Dead Alive" auch einige sperrige, meist elektronisch an- und eingehauchte Nummern. Aber die schiere und vielbeschriebene Magie scheint vollends verflogen, auch wenn die Shins beinahe krampfhaft versuchen, ebendiese wieder aufleben zu lassen. Es fehlt an Pioniergeist. An offenem Mut. An Weiterentwicklung. Und all das braucht es in der Kunst, sonst drehen wir uns im Kreis. Wie eine "Garden State"-DVD.

Trackliste

  1. 1. Name For You
  2. 2. Painting A Hole
  3. 3. Cherry Hearts
  4. 4. Fantasy Island
  5. 5. Mildenhall
  6. 6. Rubber Ballz
  7. 7. Half A Million
  8. 8. Dead Alive
  9. 9. Heartworms
  10. 10. So Now What
  11. 11. The Fear

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