laut.de-Kritik

Vertonte Liebesbriefe zwischen Traum und Realität.

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Darf man von Phil Spector produzierte und komponierte Musik noch hören? Sollte man das Werk von seinem Schöpfer trennen? John Lennon schwärmte seinerzeit vom "größten Produzenten aller Zeiten", unter seiner Regie entstand "Imagine", mit den Beatles arbeitete Spector zusammen an Let It Be. Ab den späten 1970ern geht es bergab, Spector trinkt, wird gewalttätig und bedroht immer wieder Menschen an seiner Seite. 2003 wird er wegen Mordes an der Schauspielerin Lana Clarkson verhaftet und verurteilt, danach sitzt er bis zu seinem Tod im Januar 2021 im Gefängnis.

Man müsste eine Menge Platten aussortieren, wenn man Spector komplett boykottieren wollte. Darunter auch das einzige und immer noch grandiose Studioalbum der wunderbaren The Ronettes "Presenting the Fabulous Ronettes Featuring Veronica" von 1964. Das sollte man aber dann doch bitte behalten und die drei Damen weiterhin ehren. Denn die Klanggewölbe eines Phil Spectors bleiben einzigartig. Seine Popstücke leben vom intensiven Einsatz von Audioeffekten und möglichst vielen Instrumenten, die gleichzeitig eingespielt werden. Diese Überorchestrierung oder auch "Wall Of Sound" genannt, wurde auch von vielen anderen Musikern und Komponisten übernommen, wie zum Beispiel bei den Klassikern Pet Sounds und Smile von The Beach Boys.

Veronica 'Ronnie' Bennett, ihre Schwester Estelle Bennett und Cousine Nedra Talley gründeten bereits 1959 in New York ihre Band Darling Sisters. Damals wechselte die Besetzung mehrfach, letztendlich bleibt es aber bei Veronica, Estelle und Nedra. Schon als kleine Mädchen wollten die drei Girls unbedingt in einer Band spielen. Großmutter Bennett war die erste Zuhörerin und bestärkte die Girls in ihrem Vorhaben. Sie nahmen fleißig Tanz- und Gesangsunterricht. Nach dem sie bei einem Talentwettbewerb gewannen, waren sie auf verschiedenen Bühnen unterwegs. 1961 veröffentlichen sie unter dem Namen Ronnie And The Relatives ihre erste Single "I Want A Boy" auf Copix Records. Der ersehnte Erfolg bleibt aber aus.

Zwei Jahre später wird Phil Spector auf sie aufmerksam und nimmt The Ronettes, benannt nach der Lead-Sängerin Ronnie Bennett, auf seinem Plattenlabel Philles Records unter Vertrag. Die Chemie zwischen den jungen Sängerinnen und dem Produzenten stimmt soweit, aber es dauert, bis Spector mit den Aufnahmen zufrieden ist. Manisch zieht er seine Soundstruktur durch, bis sie schließlich in sein ganz eigenes Klanguniversum passt. Das Studio ist dabei immer voll besetzt. Unter vier Gitarristen und vier Keyboardern läuft da gar nichts, und es müssen auch mindestens zwei Bassisten und zwei Schlagzeuger am Start sein.

Bei den Ronettes steht "Be My Baby" für diese Sounddichte, und mit diesem Song entwickelt er einen Pop-Klassiker, der bis heute verzückt. Brian Wilson ist ein sehr großer Fan von diesem Stück, eingespielt von der damals besten Studioband, der Wrecking Crew aus Los Angeles. Die hat auch schon u.a. mit Tina Turner, The Beach Boys und Sonny & Cher aufgenommen.

"Be My Baby" ist ein außergewöhnliches Liebeslied, für immer zeitlos, und es füllt auch heute noch weltweit die Tanzflächen. 1963 geschrieben von Phil Spector, Jeff Barry und Ellie Greenwich. Gleich zu Beginn, dieser charakteristische Schlagzeug-Beat (Bumm, Bumm, Bumm, Tschak - Bumm, Bumm, Bumm, Tschak) und vor allem die melodischen Gesangs-Harmonien, die man auch von den Herren The Beach Boys kennt und liebt. Der Song landet in den amerikanischen und englischen Charts, leider nie auf Platz 1. Dafür aber 1987 auf dem Filmsoundtrack zu "Dirty Dancing", womit es noch mal eine Welle der Begeisterung auslöst.

Die zweite Single "Baby, I Love You" ist ebenso eine catchy Pop-Soul-Nummer. Lässiges Schlagzeug und immer wieder dieser swingende Background-Gesang und die einzigartige Klangfarbe von Leadsängerin Ronnie prägt auch "So Young".

1964 gehen The Ronettes in Großbritannien auf Tour. Hier spielen sie mit den Beatles und treffen auch Bands wie Rolling Stones. Schon bald erobern die amerikanischen Damen die englischen Herzen und können locker mit der Konkurrenz von der Insel mithalten. "Walking In The Rain" ist ihr nächster Hit, mit dem sie 1965 auch einen Grammy gewinnen. Das ist schließlich der Anlass für Spector, ein komplettes Album aufzunehmen. Endlich!

"Presenting the Fabulous Ronettes Featuring Veronica" ist das erste und bleibt auch leider das einzige Album der drei Damen aus New York. Aber mit Hilfe von Phil Spector formen The Ronettes eine neue Ära der Popmusik. "Presenting the Fabulous Ronettes Featuring Veronica" besticht mit unbeschwerten Melodien, viel Soul und den besonders großartigen Stimmvolumen. Eine Art Pop-Rhythm & Blues-Soul-Mischung vom Feinsten.

Auch "Do I Love You?" überzeugt mit einer wunderbaren, eingängigen Melodie und den wunderschönen Gesängen. Es reiht sich ein Song nach dem anderen auf dieser Platte, die alle in die Top-Liga gehören. Für die ersten Plätze in den Charts hat es zwar nie gereicht, aber dennoch gehören The Ronettes neben anderen bedeutenden Girlgroups, wie The Supremes oder The Shangri-Las, zu den populärsten Bands der mittleren 1960er.

1967 löst sich das Trio auf. Lead-Sängerin Ronnie macht solo weiter und heiratet ein Jahr später Phil Spector. Anfangs geht es noch um große Gefühle. Ihre Lieder lesen sich wie Liebesbriefe, zartschmelzende Zuneigungs-Botschaften aus einer romantischen Verbindung zwischen Genie und Wahnsinn. "Chapel of Love" ist auch so ein Song, der von Jeff Barry, Ellie Greenwich und Phil Spector geschrieben wurde. Darin geht es um die große Aufregung am Hochzeitstag. Da ist er wieder, dieser Traum vom ewigen Glück und man wird nie mehr einsam sein. Das Lied wurde von vielen anderen Künstlern aufgenommen. 1964 wird er erst The Dixie Cups berühmt.

Bei Ronnie hält das Eheglück nicht lange an. Schon bald bekommt sie die bitterböse Seite von Phil Spector zu spüren. Eine mehr als toxische Beziehung zwischen Liebe, Gewalt und Wahnsinn. In ihrer 1990 erschienen Biografie ("Be My Baby: How I Survived Mascara, Miniskirts, and Madness, or My Life as a Fabulous Ronette") beschreibt sie später, dass sie von Spector misshandelt und bedroht wurde. 1972 flüchtete sie aus der gemeinsamen Villa in Südkalifornien.

Phil Spector stirbt am 16. Januar 2021 nach einer Infektion mit dem Coronavirus im Gefängnis in Kalifornien. Knapp ein Jahr später folgt die traurige Nachricht, dass Ronnie Spector an Krebs gestorben ist. Ruhe in Frieden, liebe Ronnie. Deine Stimme bleibt unvergessen und wird noch viele Musiker und Musikerinnen inspirieren.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Walking In The Rain
  2. 2. Do I Love You
  3. 3. So Young
  4. 4. Breakin' Up
  5. 5. I Wonder
  6. 6. What'd I Say
  7. 7. Be My Baby
  8. 8. You, Baby
  9. 9. Baby I Love You
  10. 10. How Does It Feel?
  11. 11. When I Saw You
  12. 12. Chapel Of Love

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