laut.de-Kritik

Indie-Rock, fett ausproduziert.

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Ja, dankeschön, ich habe es mich schon lange gefragt. Wie Indie-Rock wohl klingen würde, wenn er mal richtig fett ausproduziert ist, und ich meine hier nicht das überdrehte Punkbesteck der Idles oder das neuerdings discoide Retro-Rock-Menü von Royal Blood, die das bekanntlich sehr gut hinbekommen. Sondern eine Indie-Band der reinen Lehre, eine mit Jangle-Gitarren und dröseligen Percussions, wie die Smiths halt.

The Goon Sax heißt die Band, die vermutlich bislang wenigen ein Begriff ist und die uns diese 500.000 Euro-Frage nun mit "In The Stone" beantwortet. Unglaublich satt und voluminös eröffnen Schlagzeug und Bass, bevor Sänger Louis Forsters tonlose Trademark-Indie-Stimme erklingt. Danach übernimmt Schlagzeugerin Riley Jones den (Engels-) Gesang, im Refrain vereinigen sich beide, längst spürt man, dass hier einiges geboten wird, da knallt auch schon die Refrainzeile rein: "Didn't have to sound so disappointed when I called / If you had ever saved my number in your phone."

Selten eine so überzeugende Vorstellung einer Newcomer-Band gehört, die zwar nach zwei Alben keine mehr ist, mit dem frisch unterzeichneten Matador-Deal nun aber weltweit neu startet. Die richtigen Handynummern haben sich die drei Australier offenbar auch besorgt und die Adressaten reagierten alles andere als disappointed: Geoff Barrows (Portishead, Beak>) öffnete umgehend sein Studio in Bristol und hinterm Mischpult saß praktischerweise gleich John Parish, der mit Aldous Harding und Dry Cleaning in jüngerer Zeit bewies, dass er nicht vorhat, sich auf seinen PJ Harvey-Lorbeeren auszuruhen.

Auch das Trio nutzt die Gelegenheit: "Mirror II" ist abwechslungsreicher, als es der Opener andeutet, und das Zeugnis von drei gleichberechtigten Songwriter- und Sänger*innen. Die Grundmelancholie britischer Prägung ist die Basis, auf der munter herum experimentiert wird - mit Cello, Saxofon oder auch einem Gitarrensolo, das in Wirklichkeit Forsters Stimme ist, verfremdet über ein Distortion-Pedal und Autotune. Textlich geht es um das Wichtige im Leben, den Furor und die Fesseln der Liebe und ihre kurzen magischen oder auch länger tragischen Momente, die natürlich schon tausendmal besungen wurden, weswegen sich The Goon Sax schon ein wenig anstrengen und etwa auf Zeilen kommen wie "You are the sweetest Baclava".

Die Millionenfrage wiederum müsste man Louis Forster stellen: Wie kommt man damit klar, dass Vater Robert - wenn auch in überschaubaren Fachkreisen - als Lichtgestalt im praktisch gleichen Musik-Genre verehrt wird? Aus nachvollziehbaren Gründen äußert er sich dazu weniger gerne, man darf aber annehmen, dass er die Musik der Go-Betweens zumindest nicht komplett scheiße findet. Väterliche Abkapselungstendenzen à la Julian Lennon sind jedenfalls nicht erkennbar. Irrwitzigerweise sind es strukturell aber eher die Songs von James Harrison, die Papa Forsters leicht schräges Songwriting-Erbe illuminieren.

Harrisons vergleichsweise höherer, oft schiefer Flattergesang erinnert in Kombination mit den DIY-Schrammelgitarren an Velvet Underground oder Jonathan Richman, doch kaum fühlt man sich in einem Song angekommen und wähnt sich auf Kurs, finden The Goon Sax eine neue Weggabelung. "Carpetry" ist Harrisons bestes Stück, es beginnt, als coverten Goon Sax Libertines' "Love On The Dole"; der Song entwickelt dann dank repetitiver Melodie einen eigenen Sog und erfüllt die hohe Erwartungshaltung.

Psychedelic Rock-Liebhaberin Riley steuert in "Desire" dreamy Drone-Pop bei, die imposante Synthie-Sammlung von Geoff Barrows kommt besonders im hymnischen 80s-Track "Psychic" zur Geltung, während Forster mit "Bathwater" sein Highlight präsentiert. Ein atonales Saxofon à la Stooges belebt die vermeintlich ruhige Komposition, die Forster ursprünglich auch so vorgesehen hatte. Im Bandgefüge kam dann der etwas krude Upbeat-Part dazu. Richtig strange wird es aber erst, wenn Forster plötzlich "krank und heil / krank und heil" grölt. Schließlich ist er mit seiner Familie ja in Regensburg aufgewachsen. Schön auch, dass er uns zuliebe auf Bayerisch verzichtet hat.

In "Til Dawn" klingt er mit Riley gemeinsam dann endgültig wie Vater Forster und Amanda Brown in den Go-Betweens, und selbst ohne diese Assoziation wäre der Song eine einzige Freude. "Mirror II" ist eines der Top-Alben in 2021, da lege ich mich fest. Und jetzt erstmal Schampus mit Lachsfisch.

Trackliste

  1. 1. In The Stone
  2. 2. Psychic
  3. 3. Tag
  4. 4. Temples
  5. 5. The Chance
  6. 6. Bathwater
  7. 7. Desire
  8. 8. Carpetry
  9. 9. Til Dawn
  10. 10. Caterpillars

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