laut.de-Kritik

Mit Zuckerschock in die Spielwarenabteilung.

Review von

"Oczy Mlody" beginnt instrumental. Als bloßes Geräusch. Als Sample, das schon bald mit zupackenden Stichen in einem auf Hochglanz polierten Klangteppich vernäht wird. Dazu Beat. Beat. Beat. Und wir hören jede Nuance in der blubbernden Tonsuppe, die uns wärmend umschmeichelt und sich im Anschluss mit dem ersten wirklichen Song vermengt. Auch in "How" schmeckt alles nach Batteriesäure und Space Opera, wir erkennen Vogelgezwitscher und absichtliche Störgeräusche und irgendwo dazwischen tänzelt Wayne Coyle wie eine Schamane ums abgespacte Lagerfeuer der Popmusik. Als Hörer bin ich sofort gefangen, mittendrin im magnetischen Anziehungsfeld des Wahnsinns.

Auf dem Presseportrait zu "Oczy Mlody" präsentieren sich die Flaming Lips im ikonischen Droogs-Look der Jugendbande aus Stanley Kubricks Alltime-Classic "Clockwork Orange". Das passt und passt nicht und passt eben doch. Wie alles im Flaming Lips-Kosmos. Die reine Aussage erscheint deutlich: Die Flaming Lips stehen für Chaos und surrealen Wahnsinn, aber eben auch für futuristische Ästhetik bei gleichzeitiger Verehrung der alten Helden. Während sich in Alex DeLarge und seiner Gang die aufgezeigten Eigenschaften in einem destruktiven Konglomerat der Gewalt entlädt, kanalisieren Coyle und seine Mannen den Wahnsinn in buntem Kreativitäts-Schaum. "Oczy Mlody", das zeigen bereits die ersten Songs wie das völlig wahnsinnige "There Should Be Unicorns", schäumt oberflächlich vor wohlig warmer Hippie-Utopie, die in digitalen Traumwelten mit zerfahrener Botschaft auseinanderdriften. "And if the police show up we will give them so much money that they can retire from their shitty, violent jobs and live the greatest life they’ve ever lived. And we will be high. And the love generator will be turned up to its maximum." Die Baseball-Keule entpuppt sich als Luftballon, den sich alle Beteiligten irre lachend über die Schädeldecken zimmern.

Der Versuch, diese neue Platte im umfassenden Werk der Band zu verordnen, scheitert an der schieren Unberechenbarkeit derselbigen und desselbigen. Wie ein Oktopus, der in einem zu kleinen Aquarium festgehalten wird, wedelt die Flaming Lips-Diskografie mit ihren glitischigen, saugbereiten Armen, von denen keiner dem nächsten gleicht. Speziell im vergangenen Jahrzehnt erschien Wayne Coyle final von allen guten Geistern umtanzt und umflüstert und initiierte die merkwürdigsten Tribute-Alben und Compilations – nicht selten an der Seite von Miley Cyrus. WTF staunen wir da in seltsamer Internetmanier, als uns klar wird, dass das letzte wirkliche Release "The Terror" bereits vier Jahre zurückliegt und damals mit krautigen bis psychedelischen Acid-Tropfen um sich spritzte. Ein Ticken "Terror" steckt auch in "Oczy Mlody" (das sei polnisch für: Augen der Jugend), die genauere DNA-Analyse verrät indes eine poppige Artverwandtschaft zu den Jahrtausendwendern "The Soft Bulletin" und "Yoshimi Battles The Pink Robots". Und ja: Das sind gute Nachrichten.

Markant erscheint vor allem die Wiederentdeckung des Songformats. Auch wenn die Scheibe immer noch wie aus einem weichen Guss erscheint (und dabei in bester Dali-Manier dahin schmilzt), funktionieren die einzelnen Bausteine doch in sich geschlossen – auch wenn es keine klaren Hits zu verzeichnen gibt. Das zeigen beispielsweise das märchenhaft überdrehte "One Night While Hunting For Faeries And Witches And Wizards To Kill" und das Chrom-schillernde "Galaxy I Sink", die gemeinsam den grandiosen Mittelteil der Platte formen. Hier, am Wendepunkt des Werks, bemerken wir, wie viele volltrunkene Assoziationen durch das Album schwirren. Vorneweg, offensichtlich: Pink Floyd. Dazu Kraftwerk. Radiohead. Terry Gilliam. Kanye West. Sufjan Stevens. Max Ernst. Moderat. Futurama. Bon Iver. Die Beatles. Syd Barrett. A$ap Rocky. Die letzten Beiden hatte Coyle übrigens selbst in den Ring geworfen. Fakt ist: Die Flaming Lips waren schon irre, als es noch nicht als schick galt.

Das zwölf Songs starke Gesamtwerk hält durchgehend die Spannung oder eben Nicht-Spannung. "The Castle" gehört zu den konkreteren und ruhigeren Liedern des vorliegenden Fantasiewesens und lässt die Hörer vor dem großen Finale noch ein einmal durch seine ruhige, fast zärtliche Komposition durchatmen. Das kann man von dem nervös zuckelnden "Almost Home" nicht behaupten, dass erst in der zweiten Hälfte zur melancholischen Yoga-Übung reift. Das abschließende "We A Family" setzt dem ganzen mit Pixel-Intro und Miley Cyrus auf der Gästeliste die Krone auf. Was für ein Stück: Traum und Alptraum und Aufwach-Moment in einem.

Beim Durchhören von "Oczy Mlody" fühlt man sich ein wenig wie ein Kindergartenkind, das sich zunächst in bester All-You-Can-Eat-Manier im Süßigkeitenshop vollfressen darf und im Anschluss daran, und angeheizt von der anhaltenden Überzuckerung, die Spielwarenabteilung plündert. Alles ist interessant und andersartig und neu. Es glänzt und glitzert und ballert aus allen Rohren auf uns ein, bis man selbst den Überblick verliert und sich rückwärts ins Bällebad fallen. So ergibt sich eine erschöpfende aber nie langweilige Hörerfahrung – aber eben auch die Gefahr einer totalen Überreizung. Auch wenn die Flaming Lips mittlerweile mehr als 30 Jahre auf dem Buckel haben, offenbart ihr Ansatz, das eigene Werk stetig in bunten Farben zu übermalen und in Brand zu setzen, eine massive und faszinierende Spannung für uns Rezipienten.

Trackliste

  1. 1. Oczy Mlody
  2. 2. How??
  3. 3. There Should Be Unicorns
  4. 4. Sunrise (Eyes Of The Young)
  5. 5. Nigdy Nie (Never No)
  6. 6. Galaxy I Sink
  7. 7. One Night While Hunting For Faeries And Witches And Wizards To Kill
  8. 8. Do Glowy
  9. 9. Listening To The Frogs With Demon Eyes
  10. 10. The Castle
  11. 11. Almost Home (Blisko Domu)
  12. 12. We A Family

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