27. Januar 2015

"Hip Hop ist zum BWLer-Sport geworden."

Interview geführt von

Am 9. Januar veröffentlichte Swiss mit seiner Band Die Andern das Album "Grosse Freiheit". Warum er mit dem Ergebnis rundum zufrieden ist, was Punk für ihn bedeutet, wie er sich als Wortführer von Missglückte Welt fühlt und noch viel mehr verrät uns der Hamburger im Interview.

Swiss' aktuelles Werk verbindet Sprechgesang mit punkigen Tönen, seine Fans nennt der Halbschweizer liebevoll "Zekkn". Mit der "Schwarz Rot Braun"-EP vergangenen Herbst kündigte sich die musikalische Neuorientierung Richtung Punk bereits an. Spuckte Swiss auf "Nur Einer Kann Befehlen" oder seinem "Wixxxtäpe" noch große Töne, dominieren jetzt leise Selbstzweifel. Aber dazu später mehr.

Wie gehts dir gerade, zehn Tage nach der Albumveröffentlichung?

Mir gehts sehr gut. Es ist natürlich immer stressig, ein Album rauszubringen. Aber langsam merk' ich, dass ich chillen kann und bin sehr zufrieden mit der Resonanz! Alle sagen, dass das bis jetzt mein bestes Album ist. Die Release-Party war auch 'ne richtige Sause, einfach überragend.

Du hast das ganze Album in drei Monaten fertiggestellt. Bist du rundum zufrieden mit dem Ergebnis?

Tatsächlich ja! Normalerweise bin ich eher der Schreibblockaden-Typ, ich habs nicht so mit Deadlines. Aber ich hör' das Album und es gibt nicht einen Song, den ich als Lückenfüller bezeichnen würde. Es lief sogar bei uns im Tourbus und wir hatten nicht die Schnauze voll davon. Es läuft bei mir!

Ihr wart als Vorgruppe von J.B.O. unterwegs. Wie hat das Publikum auf euch reagiert?

Sehr unterschiedlich. In Gießen ist es ein bisschen eskaliert, da hab' ich den Leuten irgendwann meinen nackten Arsch gezeigt (lacht). Wir haben dann auch extra lang gespielt und immer noch 'nen Song drangehängt. Es gab aber auch richtig super Auftritte, zum Beispiel in Saarbrücken, Erfurt, Frankfurt ... da wurden wir echt gefeiert, mit "Zugabe, Zugabe". Das war insgesamt schon 'ne riesen Erfahrung.

Eure eigene Tour wurde von Januar auf Oktober verschoben. Woran lags?

Ich war einfach so tot nach dem Album, der Tour, und im Frühjahr habe ich auch noch meinen Germanistik-Magister gemacht. Und dann sofort nochmal zehn Termine spielen ... das wär' für die Leute undankbar geworden, die hätten auch gemerkt, dass ich total auf Kante gehe. Jetzt mache ich erst mal zwei Monate Urlaub ... nein, Spaß. Wir spielen ziemlich viele Festivals diesen Sommer. Wir leben ja auch von der Live-Show, das ist unser Ding. Ansonsten müssen noch ein paar Videos gedreht werden und vielleicht kauf' ich mir einen Hund ... mal schauen.

Wenn du schon dein Studium ansprichst: Was wärst du gerne geworden, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?

Das Studium habe ich einfach nur der Sache wegen gemacht, nicht wegen eines speziellen Berufswunsches. Am Ende des Tages geht es um Sprache, das ist einfach mein Ding. Aber erst mal bin ich froh, dass ich jetzt von der Musik leben kann und mir keinen Kopf machen muss. Das geht hoffentlich noch ganz lange so.

"Die 'Grosse Freiheit' ist für mich der Tod"

Reden wir über dein Album "Grosse Freiheit". Fühlst du dich frei?

(Überlegt) Auf dem Album schwimmt ja auch ein Sarg. Die "Grosse Freiheit" ist für mich auch der Tod, die Erlösung von der missglückten Welt. Ich versuche auf jeden Fall immer, für meine Freiheit zu kämpfen, aber so richtig frei im Kopf bin ich schon wegen meiner eigenen Dämonen nicht. Mir ist es einfach wichtig, etwas zu hinterlassen, das mich überdauert. Das Album ist wie eine Art Punkt, den ich hinter mein Leben setzen kann, weil ich tierisch stolz darauf bin. Für manche ist der Sinn des Lebens viel zu reisen, viel Geld zu haben oder so viel Sex zu haben wie möglich. Aber ich will einfach nicht von der Erde gehen, ohne etwas hinterlassen zu haben.

"Grosse Freiheit" klingt im Gegensatz zu deinen früheren Sachen sehr punklastig. Was gibt dir Punk, das du beim Rap vermisst?

Punk hat einfach noch diese Wut, weißt du? Dieses Pure, Wütende, gegen das Establishment. Eigentlich waren Hip Hop und Punk Geschwister, beides Subkulturen mit der Einstellung "Wir machen nicht mit". Aber Hip Hop in seiner heutigen Form ist so ein BWL'er-Sport geworden, bei dem es nur darum geht, wer die meisten Alben verkauft. Aber weil ich die Musik natürlich trotzdem liebe, habe ich versucht, das so ein bisschen zu verbinden. Privat höre ich aber am liebsten meine alten Helden, also Ton Steine Scherben, die "Dreigroschenoper" von Kurt Weill, Beatles, Stones ...

Findest du eigentlich, dass man als 'Punk' politisch aktiv sein muss? Oder was genau bedeutet das für dich?

Also ich finde, man muss gesellschaftlich aktiv sein. Mit meiner Musik versuche ich den Leuten einfach zu zeigen, dass es auch einen anderen Weg gibt als Schule oder Ausbildung und dann Geld verdienen. Viele macht das einfach gar nicht glücklich, aber sie machen es trotzdem, weil es in der Gesellschaft so verankert ist. Das einzig Schöne, was die sich dann gönnen, ist ein schickes Auto oder ein toller Urlaub. Ich finde es am wichtigsten, dass man jeden Tag damit glücklich ist, was man macht!

Hast du je darüber nachgedacht, in eine andere Gesellschaft auszuwandern?

(Überlegt) Hab' ich schon, ja. In manchen Ländern sind die Leute einfach relaxter, da ist das Miteinander wichtiger, der Zusammenhalt und das Familiäre. Aber in jedem Land, in dem man seine Freunde hat und etwas machen kann, in dem man einen Sinn sieht, lässt es sich gut aushalten. Ich bin halt auch ein Hamburg-Kind.

Vor kurzem hast du in Facebook ein längeres Statement darüber verfasst, dass dir der Charteinstieg total egal sei. Auf der anderen Seite hast du aber sehr fleißig Werbung gemacht und vorher zum Beispiel mehrmals die iTunes-Charts gepostet. Ich finde, das hat sich etwas widersprochen.

Nein, also ... ich hab' ja schon total viele Free-EP's oder –Alben rausgehauen. Für mich war einfach wichtig, dass die Leute, die das schon seit Jahren feiern, auch checken, dass sowas nicht immer geht. Wir sind mittlerweile eine Band, es müssen Video-Leute bezahlt werden ... ich wollte einfach, dass da Unterstützung von Allen kommt. Das ist immer so ein schmaler Grat, auf dem sich ein Künstler bewegen muss.

"Ich glaube nicht, dass ich die Tabletten in den Griff bekomme."

Ihr habt euch mit der Zeit eine sehr treue Fanbase aufgebaut. Gefällst du dir in der Rolle des Anführers oder Vorbildes?

Natürlich ist man eine Art Leitfigur für manche Leute, weil man so viel von sich preisgibt. Aber unser Spruch heißt ja: "Wir sind alle gleich, wir sind alle Sterne". Bei Missglückte Welt soll es eben nicht um einen Star gehen, sondern um das Miteinander. Ich sehe mich da eher als Sprachrohr.

Fällt es dir eigentlich schwer, dein Innenleben so stark nach außen zu kehren?

Das ist schwierig. Wenn ich ganz unten bin und in dem Moment ein Lied schreibe, bei dem ich es schaffe, meine Gefühle ganz genau auszudrücken, dann ist das wie eine Art Therapie. In dem Moment bist du einfach tierisch ehrlich, wie zu einem Tagebuch.

Du hast mal gesagt, dass Kunst immer provozieren muss. Kann sie nicht auch einfach nur unterhalten?

Nee, Kunst und Kultur allgemein haben eine Aufgabe, finde ich. Das muss was bewegen, sonst kannst du dir auch gleich "Frauentausch" auf RTL II angucken. Wenn man den Leuten die ganze Zeit nur sagt, was sie sowieso schon denken, funktioniert das nicht. Deshalb muss man eben provozieren.

Was du zum Beispiel sehr offen thematisierst, ist deine Tablettensucht. Besteht die Chance, dass du das in den Griff bekommst?

Das passiert ja immer auf verschiedenen Levels, mal ist es schlechter und mal besser. Ob ich das grundsätzlich irgendwann in der Griff kriege, glaube ich nicht ... weiß ich nicht. Wenn du einmal Alkoholiker oder Raucher warst, bist du immer einer.

Auf "Asche Zu Staub" singst du: "Manche Leute sind geboren für den letzten Platz". Empfindest du dich selbst als 'Underdog', obwohl du jetzt quasi kommerziell erfolgreich bist?

Total, das war schon immer so. Ich gegen die Welt. Ich hatte nie Sympathie für die Leute, die tierisch erfolgreich und dabei Arschlöcher waren. Ich liebe einfach die unsicheren, unpopulären Leute und sehe mich dort zugehörig. Unglückliche Menschen sind oft sehr sensibel und machen sich viele Gedanken. Ich glaube schon, dass diese Melancholie irgendwo genetisch bedingt ist. Das heißt nicht unbedingt, dass man wirtschaftlich auf dem letzten Platz ist, sondern es einfach nicht schafft, glücklich zu werden.

In deiner Rap-Zeit kamst du ziemlich selbstbewusst rüber, jetzt scheinen die Selbstzweifel zu überwiegen?

Als Rapper ist es ja immer so, dass das Image zum Habitus wird und du dich so stumpf präsentieren musst. Das hat mir irgendwann nicht mehr gefallen und ich hab' gemerkt: Das bin ich nicht. Ich habe einfach diese Zweifel, was meine Persönlichkeit betrifft. Ich bin sehr zufrieden und dankbar dafür, ein Album gemacht zu haben, auf dem ich das alles ausdrücken konnte.

Gutes Schlusswort! Ich danke dir.

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3 Kommentare mit 15 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Hip Hop ist soweit viel als Punk. Und Punk hat genau eine, sehr politische, weil liberale Aussage: Don't tell me what to do

    • Vor 3 Jahren

      "soweit viel als Punk", was meinste?

      Aber ich habe da auch schon immer große Parallelen gesehen - und je nachdem was man so hört gibt es diese immernoch.

    • Vor 3 Jahren

      oh, "viel mehr" sollte es heißen. Hip Hop ist wesentlich kreativer, nach vorne gerichteter und so auch mehr als nur dagegen sein. Der Kern des Punk ist ja eher rein destruktiv.

    • Vor 3 Jahren

      Ah, jetzt verstehe ich. Ja, das stimmt. Die Punk-Variante im Rap ist nur eine Spielart von vielen (bei denen es dann "nur noch" latent mitschwingt).

    • Vor 3 Jahren

      Geh "London Calling" hören und sag' das dann nochmal.

    • Vor 3 Jahren

      That's not punk. Hip Hop ist auf einer Stufe mit Rock (oder gar mit Blues als Urvater) und Klassik. Punk dagegen auch nur eine Spielart des Rock. Und mir ging es weniger um die Musik als vielmehr um die Attitüde und Seele.

    • Vor 3 Jahren

      Was für ein Mumpitz...

    • Vor 3 Jahren

      No true scotsman, was? Und welche Formen von Musik "Urformen" sind, ist mir ziemlich egal - nur weil etwas ursprünglicher ist, ist es nicht automatisch besser (im Umkehrschluss sind bloße Spielarten nicht automatisch schlechter).

    • Vor 3 Jahren

      Ich würde sogar sagen, dass Punk nur aus "Seele" besteht, mit der musikalischen Qualität im Genre jagt man höchstens Vögel vom Dach.
      Der Rest ist eine sehr willkürliche Herleitung über künstliche Genrebegriffe, demnach ist Hip Hop auch nur eine Spielart des Rezitativs.

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      Okay, neuer Versuch: Hip Hop ist ja keine Musikrichtung, gell. Hip Hop durchdringt das Leben viel mehr als ihr euch Kleingeister überhaupt vorstellen könnt. Punk ist ebenfalls eine Lebenseinstellung und Modelabel, aber im Gegensatz zu Hip Hop eben limitiert auf ein oder zwei Lebensgefühle. Hip Hop gründet eigene Business-Zweige und eigene künstlerische Ausdrucksformen, um genau die Freiheit zu erlangen, die Punk immer propagandiert aber nie eingelöst hat.

    • Vor 3 Jahren

      Oh ja, Hip Hop ist die große befreiende Kulturkraft des 21. Jahrhunderts, die das Versprechen der Aufklärung endlich einlösen wird - erzähl dir das ruhig weiter, falls es dich glücklich macht, aber für mich klingt das danach, als würdest du dir aus purem Wunschdenken einen Begriff von Hip Hop machen, der an die Eier legende Wollmilchsau erinnert.

    • Vor 3 Jahren

      Welche Scheißplatte liegt denn auf dem Tisch, dass es dir so die Manieren verhagelt? Kleingeistigkeit predigen aber mal schön undifferenziert über eine unbestreitbar wichtige Subkultur/Musikrichtung rutschen, nur um eine andere daran hochzuziehen. Den Werbeslogan zur Freiheit übergehe ich dabei mal geflissentlich.

    • Vor 3 Jahren

      Ich wollt schon sagen, eigtl kennt man dich als ernstzunehmenden Reszensent, aber was du hier von dir gibst ist, vor allem wenn die 75 das Geburtsjahr beschreibt, ziemlich lächerlich.

    • Vor 3 Jahren

      Ich nehme nur Bezug auf die Aussage oben. Mich nervt dieses Rap muss wieder mehr Punk sein-Getue. Da reagiere ich allergisch. Aber ihr habt recht, ich werde meine Gedankengänge an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit differenzierter darstellen. Und nicht vergessen, ich liebe Punk, Metal etc. Aber Hip Hop als Kultur is something completly different.

    • Vor 3 Jahren

      "Mumpitz", war es. Daher die Kleingeistigkeit. Und Santiago hat schon recht und kommt meiner Definition schon recht nahe.

  • Vor 3 Jahren

    Als ob debile Rapkinder jemals ein anständiges Fach wie die Betriebswirtschaft meistern könnten. So ein Trottel.

  • Vor 3 Jahren

    Swiss? Kenn ich nicht. Soll sich ficken.