25. Januar 2013

"Und dann kommt so ein kleiner Fucker daher ..."

Interview geführt von

In Deutschland sind sie noch Newcomer, in Frankreich schon etabliert. Dass man den Bandnamen bald auch hierzulande kennt, dafür soll ihr zweites Album "Nobody's Hotter Than God" sorgen.Paris im Dezember 2012. Die ganze Welt hat sich auf Weihnachten eingestimmt. Die ganze Welt? Nein. Ein unerschrockener Haufen Franzosen pilgert in den Osten der Stadt, um im Club Maroquinerie eine Band zu feiern, die bei unseren Nachbarn als das nächste dicke Ding gehandelt wird. Die Rede ist von Soma, einer Formation, die - ganz im Gegensatz zu den Gepflogenheiten Frankreichs - auf Englisch singt. Und das auch noch weitgehend ohne hörbaren Akzent. Um sich von den Live-Qualitäten der Jungs zu überzeugen und um ihnen einmal ein Mikrofon unter die Nase zu halten, folgten wir Somas Einladung in die französische Hauptstadt. Vor dem ausverkauften Konzert im schnuckligen Kellerclub traf laut.de auf den sichtlich gut gelaunten Sänger Lionnel Buzac und auf Gitarristen Sébastien Claret.

Was ich lustig und auch ein wenig faszinierend fand, war, dass ich bei der Recherche im Netz nur sehr wenig über euch finden konnte.

Lionnel: Ja, das kann ich mir vorstellen. Wahrscheinlich bist du über Metal-Bands gestolpert, oder?

Auch. Ich müsste euch aber eigentlich noch den Titel der Promo-Verweigerer verleihen, denn weder auf der CD oder im Booklet findet sich ein Hinweis auf eure eigene Homepage.

Sébastien: Es gibt sie aber, glaube mir. Okay, sie ist noch nicht so alt, bei uns lief das bislang eher über MySpace oder Facebook. Aber wenn du im französischen Google suchst, stößt du relativ schnell auf uns.

Ich habe euch schon gefunden, keine Angst. Es ging mir eher darum, aufzuzeigen, dass ihr euren Bandnamen wirklich nicht nach Marketing-Gesichtspunkten ausgesucht habt.

Sébastien: Nein, ganz sicher nicht, da hast du Recht. Soma ist kein sehr kommerzieller Name. Aber wir haben ja auch nicht angefangen, Musik zu machen, um das große Geld zu verdienen. Wir haben Pages auf MySpace und Facebook. Die eigene Homepage ist noch relativ jung, drei Monate.

Wenn man in Deutschland an französische Musik denkt, kommen einem eher Chansons in den Sinn oder Elektro-Kram der Sorte Daft Punk. Rockmusik, noch dazu auf Englisch gesungen, kommt nicht wirklich vor. Woran liegt das?

Lionnel: Weißt du, hier in Frankreich hat englische Rockmusik keine so große Lobby. Im Radio läuft das auch nicht so prominent. Da wird eher französischsprachige Musik protegiert. Das ändert sich jetzt nach und nach. Es kommen immer mehr Bands hoch, die genau das machen. Wir arbeiten dran.

Du denkst an Phoenix, oder?

Lionnel: Ja, auch.

Waren sie so etwas wie die Wegbereiter?

Sébastien: Ganz sicher. Ohne sie wäre französische Rockmusik nicht auf diesem Niveau. Sie haben auch uns angestachelt, besser zu werden. Bei euch in Deutschland sind die Voraussetzungen ja besser. Wenn man bei euch das Radio anmacht, läuft wenigstens internationale Musik. Das bekommst du hier so gut wie nicht zu hören.

Seid ihr jetzt so etwas wie die zweite Generation französischer Bands, die englisch singen?

Lionnel: Wenn du das so sagen willst, ja. Wirklich vergleichen lassen sich die Bands nicht. Aber es tut sich was. Es scheint immer normaler zu werden, dass hiesige Combos auch englisch singen.

Gibt es diese Radioquote immer noch? Dass nur ein beschränkter Prozentsatz dessen, was im Radio läuft, nichtfranzösich sein darf?

Lionnel: Ja ja, das ist so.

Selbst wenn die Band aus Frankreich kommt?

Sébastien: Ja, das bezieht sich auf die Sprache. Aber das ist ja nicht das einzige Problem. Wenn man sich als Band entschließt, auf Englisch zu singen, steht man in Frankreich automatisch in großer Konkurrenz mit anderen Gruppen, die den gleichen Ansatz verfolgen, weil das Stück des Kuchens der im Radio dafür vorgesehen ist, eben sehr klein ausfällt. Aber Gott sei Dank gibt es das Internet. Es gibt mittlerweile viele Webzines, die sich speziell mit dieser Szene auseinandersetzen. Es kommen zwar immer noch Leute auf uns zu, die fragen, warum wir nicht auf Französisch singen, aber für uns fühlt sich das sehr natürlich an. In zehn Jahren wird das hoffentlich auch für alle normal sein.

Euer musikalischer Ansatz ist ja dergestalt, dass ihr eher von der Melodie her denkt.

Sébastien: Ja, ganz klar. Bei uns ist die Melodie der Ausgangspunkt. Wenn die nicht stimmt, lassen wir die Ideen schnell wieder sein. Wir arbeiten da auch ganz fokussiert.

Gebt ihr mir Recht, wenn ich eure Einflüsse im New Wave verorte und ein wenig Rhythmus der Gang Of Four dazu mixe - und Franz Ferdinand?

Lionnel: Kann ich mit leben, ja. Von der Melodielastigkeit her stimmt das auf jeden Fall. Obwohl ich uns nicht rückwärtsgewandt sehe. Wir spielen aktuelle Rockmusik, sehr energetisch und mitreißend, aber nicht unbedingt auf dem Retro-Zug.

Sébastien: Ich liebe New Wave! Ich bin ein großer Fan der 80er-Sachen. Ultravox, The Cure und diese Sachen. Das hat mich alles geprägt und fließt auf die ein oder andere Art und Weise in unseren Sound ein.

"Und dann kommt so ein kleiner Fucker daher ..."

Heute habt ihr ja einen relativ anstrengenden Tag hinter euch. Interviews am laufenden Band. Nervt das schon?

Sébastien: Wo denkst du hin? Erstens gehört das zum Job und zweitens waren heute nur Journalisten aus Deutschland da. Ihr bereitet euch wenigstens auf Interviews vor. Nicht wie die Typen hier in Frankreich. Die setzen sich hin und fragen: "Ihr heißt Soma? Aha, okay, und warum nennt ihr euch Soma?" So Fragen eben. Da ist das mit euch etwas angenehmer.

Und warum nennt ihr euch Soma? Scherz beiseite. Könnt ihr von eurer Musik eigentlich leben?

Lionnel: So langsam aber sicher ja, seit zirka einem Jahr. Bislang war es so, dass ein Release den nächsten finanziert hat. Wir machen in diesen Zeiten sicher nicht den großen Reibach mit Alben-Verkäufen, aber es hilft definitiv, den eigenen Namen etwas bekannter zu machen.

Tangieren euch illegale Downloads?

Lionnel: Da gibt es auch innerhalb der Band unterschiedliche Meinungen. Ich finde, die Tatsache, dass Musik überall frei verfügbar ist, führt dazu, dass Musik eher konsumiert als gehört wird. Nur, weil es umsonst ist, scheint es normal zu sein, dass man 30.000 Songs auf dem Rechner hat und sich alles zieht. Wenn ich ein Lied im Radio höre, das mich anspricht, finde ich es toll, zum Plattenladen zu gehen und die CD in Händen zu halten. Ich mag das.

Sébastien: Da bist du aber der einzige, ha ha! Ist doch so. Früher war das schon so, dass man sich gleich ein Album gekauft hat, wenn man was Nettes im Radio gehört hat. Aber heutzutage ist das doch schon längst passé. Man hört sich doch keine Alben mehr an. Songs ja, aber kein Album im Ganzen. Vielleicht lieg' ich ja komplett falsch damit, aber ich beobachte das um mich herum. Ich weiß auch nicht, ob das gut oder schlecht ist, aber es scheint gang und gäbe zu sein.

Lionnel: Ich habe zehn Jahre gebraucht, um mir die Queen-Discografie anzueignen. Zehn Jahre! Und dann kommt so ein kleiner Fucker daher und lädt sich das in 30 Sekunden runter ... Es ist so, dass wir ein Minimum an Alben verkaufen müssen, um uns zu finanzieren. Ohne Album-Verkäufe kann man zum Beispiel nicht die Aufnahmen weiterer Alben finanzieren,

Euer Album "Nobody's Hotter Than God" ist ja in relativ kurzer Zeit entstanden.

Sébastien: Ja, die Energie bei uns stimmt. Wir schreiben und nehmen relativ einfach Songs auf. Es muss auch nicht immer hundert Prozent alles stimmen. Wir spielen viel herum und reichen die Instrumente auch mal weiter.

In der Pressepromo stand etwas davon, dass ihr Multiinstrumentalisten seid.

Lionnel: Wir sind keine besonders guten Techniker, was das betrifft. Aber bei diesem Album fanden wir es einfach cool, die Instrumente zu tauschen und auch Fehler zu machen. Manchmal entstehen so die witzigsten Dinger. Wenn einer von uns einen gewissen Drive ins Spiel bringt, muss das nicht vom besten Instrumentalisten umgesetzt werden. Vielmehr versuchen wir, dieses spezielle Etwas auch in die Aufnahmen rüber zu retten. Das kann ruhig auch mal etwas schräg klingen. Einige Songs von uns sind so entstanden.

Die Aufnahmen zum Album gingen in 23 Tagen ja recht geschmeidig vonstatten.

Lionnel: Oh, ja. Da kam ein Track nach dem anderen. Wir üben zwar viel und intensiv, aber wenn wir im Studio sind, muss das alles nicht bis ins letzte Detail ausgefeilt sein. Wir nehmen das Zeug live auf. Am besten in einem Take. Es sollte ja so sein, dass da vier Typen im Studio stehen und einer den Aufnahmeknopf drückt und gut. Keine Spielereien und überproduziertes Zeug. Nur wir und unsere Instrumente.

Ihr kommt aus der Provinz. Ist es da schwer, sich in Frankreich durchzusetzen, wo sich doch alles sehr auf die Hauptstadt fokussiert?

Lionnel: Das kannst du laut sagen. Speziell die Pariser sind ein sehr verwöhntes Publikum und brauchen echt lange, um mal aus sich heraus zu gehen. Wenn man die aber in der Tasche hat, ist es richtig geil. Das Problem mit Paris ist einfach, dass hier alle wichtigen Leute sitzen. Du kommst um diese Stadt kaum herum. Ist ja auch ganz nett, aber wohnen wollte ich hier nicht.

Scheint so eine Art Berlin-Syndrom zu sein

Lionnel: Ist das dort auch so?

Vielleicht nicht ganz so schlimm, aber wohnen wollte ich dort auch nicht.

"Das Reeperbahn-Festival war der Hammer"

Im Januar erscheint eure Platte auch in Deutschland. Welche Hoffnungen verbindet ihr damit?

Lionnel: Es ist auf jeden Fall eine große Chance, schließlich ist Deutschland ein wichtiges Land in Europa und ein großer Markt. Hoffentlich gefällt unsere Musik den Leuten dort.

Habt ihr schon so etwas wie eine Tour geplant?

Sébastien: Spruchreif ist noch nichts, aber wir wollen unbedingt in Deutschland spielen.

Wart ihr schon einmal dort?

Sébastien: Zweimal. Auf dem Reeperbahn-Festival. Das war der Hammer. Da kamen wir richtig gut an. Das Publikum ist schon nach zwei Akkorden mitgegangen. Das gibts hier nicht. Hier musst du die Leute bei jedem Song von neuem abholen. Kann sein, dass man es dann in der Mitte der Show geschafft hat, dass sie ein wenig aus sich raus gehen. Aber nicht zu Beginn. Wahrscheinlich ist das auch bei euch von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Beim zweiten Gig in Berlin war das ein wenig anders. Da spielten wir in einem recht kleinen Club. War zwar auch gut, aber nicht ganz so enthusiastisch.

Lionnel: Das ist für uns noch komplett Neuland. Wir haben keine Ahnung, was die Deutschen so hören, welche Bands angesagt sind und so weiter ...

Aber ein guter Rocksong bleibt ein guter Rocksong, das dürfte überall auf der Welt gelten.

Lionnel: Ja klar, ich hoffen, den Deutschen gefällt unsere Platte.

Ich wünsche euch, dass das so bleibt. Ihr kommt ja aus Istres. Das ist zufälligerweise die Partnerstadt des Kaffs, in dem ich wohne.

Sébastien: Radolfzell! Ha, ha! Ja, in Istres gibt es eine große Straße, die Avenue Radolfzell. Das ist ja lustig!

Kommt mich mal besuchen!

Warum nicht?

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