laut.de-Kritik

Was läuft schon nach Plan?

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Wäre alles wie geplant gelaufen, wir sprächen nun über Sinéad O'Connors zehntes Album mit dem Titel "The Vishnu Room". Aber was läuft im Leben der Irin schon nach Plan?

Stattdessen ließ sie sich in letzter Minute, als die Uhren bereits dreizehn schlugen, von der Ban Bossy-Kampagne der Facebook-Topmanagerin Sheryl Sandberg inspirieren. Diese möchte mit ihrer Aktion junge Frauen ermutigen, sich mehr zuzutrauen und Führungspositionen zu übernehmen. Nur aufgrund der neuen Promobilder, die der Plattenfirma so gut gefielen, dass sie sie unbedingt als Cover verwenden wollten, gab es überhaupt die Möglichkeit, den Namen letztendlich in "I'm Not Bossy, I'm The Boss" zu ändern. Ein weiteres Kapitel, das verdeutlicht, wie sprunghaft und teilweise auch zerfahren Sinéad O'Connors Aktionen ausfallen können.

In der breiten Öffentlichkeit existiert sie schon längst nur noch als Abziehbildchen ihrer selbst, dem Gespött der Leute preisgegeben. Wenn man über sie spricht, springen einem die Skandälchen und skurril anmutenden Episoden ihres Lebens nur so um die Ohren: die Glatze, ein zerrissener Papst, 16 Tage Ehe, eine später dementierte bipolare Störung, Mileygate, eigenwillige Tattoos, Depressionen, Selbstmordversuche sowie der mehrfache Rückzug aus dem Musikbusiness, dem in regelmäßigen Abständen ein Comeback folgte. Eine exzentrische Einzelgängerin, eine notorische Querulantin, eine Drama-Queen, letztendlich einfach eine Geistesgestörte. "Die meisten Menschen halten mich sogar schlicht für verrückt", erzählt die Sängerin. "Dabei sage ich nur meine Meinung. Ich bin nicht immer diplomatisch."

Ihre Musik spielt bei dieser Außendarstellung seit Jahren nur noch eine untergeordnete Rolle. Eine Entwicklung, an der die laute, zerklüftete und ungeschminkte Person auch selbst Schuld trägt. Dass sie neben ihrem Prince-Hit "Nothing Compares 2 U" so viel mehr zu bieten hat, geht gerne unter. Sie arbeitete unter anderem mit Peter Gabriel, U2, Brian Eno, Massive Attack, Jah Wobble, Sly & Robbie, Ian Brown und Moby zusammen. Ihre Longplayer "The Lion And The Cobra", "I Do Not Want What I Haven't Got" und vor allem "Universal Mother" kann ich jedem nur wärmstens ans Herz legen. Voll unerschrockener Ehrlichkeit, Mut und Komplexität gehört sie zu den besten Sängerinnen und Songwriterinnen ihrer Generation. Eine ganz besondere Stimme, die selbst in ihren lautesten Momenten anmutig und zerbrechlich, in ruhigen Augenblicken wütend und sarkastisch klingt.

Im Umfeld ihres 2012 veröffentlichten, achtbaren Comebacks "How About I Be Me (And You Be You)?" war sie noch deutlich von Medikamenten aufgedunsen und von Depressionen gezeichnet. Zwei Jahre später hört und sieht man ihr auf "I'm Not Bossy, I'm The Boss" den zurückgekehrten Lebenswillen an. "Ich wollte ein Pop-Album machen, überhaupt das erste Pop-Album meiner Karriere - auch wenn natürlich Grunge, Blues, Gitarren-Rock tragende Elemente auf dem Album sind." Dieses Vorhaben ist ihr gelungen. Leider geht in diesem teilweise sehr glatten Umfeld ein nicht unerheblicher Teil der Mischung aus Verletzlichkeit und Aggression verloren, der ihr Werk bisher so besonders machte. Über weite Strecken beraubt sich Sinéad O'Connor ihrer eigenen Stärken.

Nicht das einzige Potenzial, das sie auf "I'm Not Bossy, I'm The Boss" verschwendet. Die Frauen, die O'Connor im Titel noch als Boss darstellt, definiert sie ihren Texten plötzlich nahezu ausschließlich über ihre Beziehung zu Männern, selten über ihren Glauben an Gott. Ihrer schneidenden Stimme, die einst deutlich und zerfetzend im Mittelpunkt stand, nimmt sie mit mehreren disharmonisch übereinander gelegten Gesangsspuren die Dringlichkeit. Zudem zieht die bisher so direkte Sängerin eine absichernde Trennwand zwischen sich und ihre Hörer. "Heutzutage schreibe ich keine autobiographischen Lieder mehr. Ich schreibe Figurenlieder. Diese Figuren repräsentieren in keiner Weise meine eigenen Erfahrungen."

Gut der Hälfte der neuen Stücke wohnt unüberhörbar der rosige Wille des Pop inne. Allen voran steht das einnehmende "Take Me To Church". Hier kommt die vierfache Mutter einem Single-Hit so nah, wie es ihr im Jahr 2014 nur möglich ist. Eingängig und euphorisch singt sie von der heilenden Kraft der Selbstliebe. "So get me down from this old tree / Cut the rope and all from me / Sat me on the floor / I'm the only one I should adore!"

Sexualität spielt auf "I'm Not Bossy, I'm The Boss" eine große Rolle. In der musikalisch leicht berechenbaren Masturbations-Fantasie "Dense Water Deeper Down" vergnügt sich die Protagonistin in Ermangelung ihres Traummannes mit einem Kissen. Der hymnische Opener "How About I Be Me", der eigentlich schon für die Vorgänger-Platte gedacht war und dieser sogar den Namen gab, ist angeblich der einzige autobiographische Song des Longplayers. Ursprünglich als Reggae-Version aufgenommen und nur in Jamaika veröffentlicht, packt ihn O'Connor nun in ein für sie sehr typisches und angenehmes Soundgewand ohne große Überraschungen. Im Text setzt sie sich mit den irischen Medien auseinander, die sie nach einigen Artikeln zum Thema Liebeskunst mit wütenden Protesten überzogen. "I want to make love like a real full woman / And live like a real full woman, every day / Don't stop me talking bout love."

Je weiter sich die irische Künstlerin in der zweiten Hälfte vom Pop entfernt, desto aufwühlender geraten die Resultate. "Harbour", der spannungsgeladene Höhepunkt der Scheibe, beginnt als ruhige Meditation, um im weiteren Verlauf in blutverschmierten Alternative Rock überzugehen. Noch einmal lässt sie den Esprit früherer Werke aufleben. "8 Good Reasons" macht es schwer, an die Mär der Figurenlieder zu glauben. Zu nah bewegt sich der Text an der eigenen Karriere, den eigenen Depressionen und Selbstmordversuchen. "I had a dream one night / You know it felt alright / You know it actually felt quite nice / … / You know I don't much like life / I don't mind admitting that it ain't right / You know I love to make music / But my head got wrecked by the business."

Leicht hüftsteif, jedoch mit wendigen Akkordwechseln nähert sich O'Connor in "James Brown" dem Funk, kann ihren irischen Wurzeln jedoch nie ganz entfliehen. Mit dem Namensgeber hat das Unternehmen zwar wenig gemein, gehört aber auch dank der Mithilfe von Seun Kuti, des Vaters Sohn, dennoch zu den spaßigsten Momenten auf "I'm Not Bossy, I'm The Boss".

Mit "Streetcars" reißt Sinéad auf der Zielgeraden die selbst errichtete Mauer doch noch ein. In seiner Intensität erinnert der Song an Großtaten wie "Troy", "Three Babies", "Black Boys On Mopeds" oder "Scorn Not His Simplicity", ohne ganz deren Klasse zu erreichen. Minimalistisch stellt der emotionale und spirituelle Track die Stimme der Sängerin komplett in den Mittelpunkt. Über einem "A Streetcar Named Desire"-Querverweis singt sie von der Einsicht, dass Liebe und Verlangen zwei unterschiedliche Dinge sind. Im Moment dieser Erfahrung stellt sie sich ganz unter den Schutz des Heiligen Geistes.

Mit "I'm Not Bossy, I'm The Boss" schafft O'Connor ein solides zehntes Album, das aber im Schatten von "How About I Be Me (And You Be You)?" steht. Von der Tiefe ihrer frühen Werke bleibt sie nach wie vor weit entfernt. Viele Songs, die sich allesamt mit ganzer Kraft jeglichem Zeitgeschehen verweigern, bleiben zu zerfahren und skizzenhaft. Doch auch wenn sie im kreativen Bereich ihre besten Zeiten hinter sich hat und nicht mehr zu alten Kräften zurück findet, lohnt sich ein kleiner Ausflug in die wundersame Welt der Sinéad O'Connor allemal.

Trackliste

  1. 1. How About I Be Me
  2. 2. Dense Water Deeper Down
  3. 3. Kisses Like Mine
  4. 4. Your Green Jacket
  5. 5. The Vishnu Room
  6. 6. The Voice Of My Doctor
  7. 7. Harbour
  8. 8. James Brown
  9. 9. 8 Good Reasons
  10. 10. Take Me To Church
  11. 11. Where Have You Been?
  12. 12. Streetcars

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5 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 4 Jahren

    Ganz schlechter Versuch, so auszusehen, wie Natalie Portman in "Léon - Der Profi".
    1/5

    • Vor 4 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 4 Jahren

      Nur das Sinéad O'Connor schon 1987 so aussah und Natalie Portman die Rolle erst 1994 spielte. Natalie Portman war zu dem Zeitpunkt gerade 6 Jahre jung.
      Siehe http://goo.gl/sDglNn
      Warst Du 1987 überhaupt schon geboren?
      Das wäre nämlich die einzige Entschuldigung...

    • Vor 4 Jahren

      Ne die zweite und viel wahrscheinlichere Entschuldigung wäre, dass er trollt. Bist noch nich allzu lange hier nehm ich an? ;)

    • Vor 4 Jahren

      @bluesshoe,

      es ging mir dabei um die Frisur. Und natürlich war das nicht ganz ernst gemeint.

      Und falls das alles nicht als Entschuldigung taugt: Ich bin 88er Jahrgang. :D

    • Vor 4 Jahren

      @Der_Dude: Lange ist relativ: Ab 22. Dezember 2007, also knapp 2 Jahre vor Dir. Allerdings kommentiere ich quasi nie, denn der Quark um den hier teilweise Fights ablaufen ist es nicht wert. ;)

      @Morpho: Ok, dann seist Du entschuldigt. :D
      Und ich dachte jemand, der den Oz kultig findet, wird sicher etwas älter sein.

    • Vor 4 Jahren

      '88 hm?
      soso?
      Zufall?
      ICH GLAUBE NICHT!!

  • Vor 4 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 4 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 4 Jahren

    Also ich hab dem Ganzen mal 1 Stern gegeben, weil die nicht so einen geilen Arsch wie Nicki Minaj hat, allgemein eher ungeil ist, keine RAPS macht und auch keine Raps machen sollte...Female-MC, weißt Bescheid.

  • Vor 4 Jahren

    Schrecklich durchgeknallte Tussi, die den Schuss nicht gehört hat.

  • Vor 4 Jahren

    Es ist nicht die Person die dieses Album ausmacht ich halte persönlich nichts von einem Personenhype, sondern dieses cold abstract music project. Das was hier als irisch bezeichnet wird empfinde ich eher als Countrystyle. Your Green Jacket und vor allem the voice of my doctor erinnern doch eher an eine country scheibe aus south carolina ,.... insgeamt ein interessantes "Pop" Album was sich dann doch eher als rock-country mix erweist und es sehr interessant macht. Es muss nicht immer der depressive Grunge sein. Wer allerdings eine aufgebürstete Kesha oder ähnliches erwartet ist hier sowieso falsch. Hier geht es um Musik. Wohlgemerkt kein "alles sind austauschbar" Geplänkel