laut.de-Kritik

Dieses Mixtape wird deine Oma töten.

Review von

Der Untergrund ist so interessant wie schon lange nicht mehr. Es ist ja nur logisch, dass in einer von Hip Hop und Pop übersättigten Klanglandschaft mit genau diesen Genres auch abseits des Mainstreams experimentiert wird. Das bescherte uns in den letzten Jahre zahlreiche, oft schon nicht mehr nachzuverfolgende Entwicklungen, die den ohnehin schon unübersichtlichen Pool an Subgenres zu einem endlosen Ozean an kreativen und immer abstrakter werdenden Ideen ausweiteten.

Immer extremere Varianten finden ihren Weg in die von Natur aus zugänglichen Genres und definieren sie in einem Rahmen aus, wie man ihn sonst höchstens aus den Untiefen des Metal-Subgenre-Sumpfes kennt. Verglichen mit Metal verläuft die Entwicklung besonders im Hip Hop aber gegensätzlich. Weg vom Bombast, von der Geradlinigkeit, von der Konformität und hin zur Exzentrik, zur Weirdness und, mit einem Auge auf die Vergangenheit gerichtet, letzten Endes auch hin zur Zukunft.

Das zwängt Parallelen auf, die in der Vergangenheit schon oft gezogen wurden. Mumble Rap erinnerte 2017 mit seiner No Fucks Given-Attitüde und DIY-Ansatz an den rotzigen Punk der 70er und 80er, die wiederkehrende, sich immer höher auftürmende Welle des Rap-Metal atmet gleichermaßen die Goth-Ästhetik der 90er als auch die Nu Metal-Edgyness der frühen 2000er und Künstler wie Young Thug oder Ecco2k lassen mit ihrer androgynen Art und theatralischen Stimmeinsatz den Glam-Metal wieder aufleben.

Dass diese Entwicklungen keine Einbahnstraße sind, beweist nun ein Künstler wie Sematary, der die Vorstellungskraft, was mit diesem Genre machbar ist, im Blutrausch vollends in ihre Einzelteile zerlegt, begräbt und draufpisst. Es ist fast irrwitzig zu denken, dass er sich auf dem Papier ein Genre mit Künstlern wie Nas oder Jay-Z teilt, wenn er in Sound und Ästhetik doch eigentlich mehr mit dem kratzigen und dämonischen Black Metal der frühen 90er gemein hat. In gewisser Art und Weise ist sein Mixtape "Rainbow Bridge 3" tatsächlich das zeitige Äquivalent zu dem, was ein paar Teenager, die zu viel Horrorfilme schauten, damals in den norwegischen Wäldern verzapften.

Sematary unterscheidet sich jedoch insofern von den skandinavischen Satansbraten, als dass er sich der absoluten Lachhaftigkeit des Ganzen durchaus bewusst ist. Um das zu verstehen, genügt im Grunde schon der Blick aufs Cover. Da steht, flankiert von zwei handzahmen Höllenhunden, ein verschwitzter, blasser Teenager, der so aussieht, als würde er nach Frittenfett und Axe-Deo riechen. Mit einem umgedrehten Kreuz in der einen und einem Nagel-Baseballschläger in der anderen Hand bewacht er ein Schloss, das einem queeren Dracula zu gehören scheint. Das ist ebenso dumm wie genial. Denn viel besser hätte der amerikanische Rapper, über den so gut wie nichts bekannt ist, sein fünftes Mixtape visuell nicht zusammenfassen können.

Doch genug um den heißen Brei herumgeschwafelt. Wie klingt "Rainbow Bridge 3" denn jetzt genau? Kurzgesagt ungefähr so, als hätten Mayhem und Merzbow ein Chief Keef-Album produziert. Dieses Mixtape ist der Endboss aller Soundcloud-Endbosse. Ein Trap-Album frisch aus der Kompressions-Fritteuse. Ein höllisches Konglomerat aus Witchhouse, bis zur Unendlichkeit komprimierten und verzerrten Samples, monoton vorgetragenen Ausgeburten des Absurden und einem Bass, so unmenschlich übersteuert, dass ihn deine Oma wahrscheinlich nicht überleben würde. Alles kuratiert von DJ Sorrow, der mit vollkommen überzogenen, zum Schreien komischen DatPiff-Ära Name-Drops ("I regret everything I’ve done!", "Laughing through the pain!") die Rolle eines vom Lean besoffenen Cryptkeepers einnimmt.

Es ist tatsächlich schwer in Worte zu fassen, was Sematary mit diesem Projekt auf die Beine stellt und was der Reiz davon ist. Er schlägt mit seinem Mix aus härterer Gitarrenmusik, Noise und Hip Hop in eine ähnliche Kerbe wie Ghostemane, Bones oder $uicideBoy$, aber treibt diese Ästhetik an ihre äußersten Grenzen, achwas, noch weit darüber hinaus. Auf Songs wie "I'm A Sinner" oder dem Opener "God's Light Burns Upon My Flesh" ist es schwer überhaupt irgendwie auszumachen, was da gerade vor sich geht, weil geschriene Vocals, übersteuernder Bass, Autotune-Gecroone und grausig produzierte Black Metal-Riffs so unnachgiebig ineinander kollidieren, dass man das Gefühl bekommt, einem Noise-Musiker dabei zuzuhören, wie er gerade sein Equipment zerlegt. Die Line "Man this beat so hard, it gon' raise the fuckin' dead", kommt der schwer zu verarbeitenden Realität des Ganzen ziemlich nah.

Es fühlt sich an, als wolle "Rainbow Bridge 3" gar nicht gemocht werden. Die unmittelbare Reaktion eines jeden, der hier das erste Mal auf Play drückt, dürfte ähnlich aussehen: Verwirrung, gefolgt von Kopfschmerzen und einem dicken, blutroten Fragezeichen. Ob man sich nun dafür entscheidet, das Tape nie wieder anzufassen, oder von masochistischer Neugier getrieben zu ihm zurückkehrt: Beide Reaktionen sind vollkommen legitim. Allerdings behaupte ich, dass es sich durchaus lohnt, Zeit in dieses Mixtape zu stecken. Mit jedem Durchlauf springen einem neue Details ins Ohr, und irgendwann löst sich langsam auch die auditive Schlacke, die fast jeden der sechzehn Tracks verkrustet. Plötzlich erkennt man die zahlreichen unwiderstehlichen Ohrwurm-Hooks, die spärlichen Momente der instrumentalen Besinnlichkeit, die teils erdrückend-düstere Atmosphäre und den bekloppten Humor, die sich darunter verstecken.

Das geschieht zugegebenermaßen trotz des monoton-befremdlichen Sounds auf manchen Tracks schneller als auf anderen. Der ansteckend-infektiöse Chorus von "Chainsaw Party" lädt schon beim ersten Durchlauf zum Mitgrölen ein, das verhältnismäßig fast schon brave "Forest Fire", wiegt einen kurzweilig in der falschen Sicherheit, vielleicht doch nur ein besonders kratzbürstiges Horrorcore-Tape zu hören, und das genuin schöne Outro von "Crucifixion" lässt zum Abschluss sogar ein wenig Melancholie aufkommen.

Was dieses Tape darüber hinaus so sperrig und spannend zugleich macht, ist Sematarys desinteressierte, emotionslose Stimmlage in Kombination mit seinen irrwitzigen Texten, die irgendwo zwischen augenzwinkernden Trap-Stereotypen, äußerst bildlichem Body-Horror und dem paranoiden Gekritzel eines 16-Jährigen, der gesponsort von Monster-Energy gerade seinen ersten SAW-Marathon hinter sich hat, zu verorten sind. Diese Lines aus "Creepin' Thru Da Woods" fassen das alles sehr anschaulich zusammen: "Creepin' through the woods, man, I'm thugging. Cigarette smoking, reading Necronomicon". Das ist so offensichtlich dämlich und self-aware edgy, dass man mit Sematary lacht, nicht über ihn.

Sofern einem das Lachen nicht ein wenig im Hals stecken bleibt, wenn sich der Rapper dann doch mal dazu entscheidet, seine Horror-inspirierten Lyrics nicht zu überspitzen oder von besagten Trap-Stereotypen verwässern zu lassen. Auf "Toothtaker", "Meet By The River" oder "Skincarver" schleichen sich beispielsweise echte Momente des Unwohlseins ins Songwriting : "Fuckin' cut your fucking throat, pussy boys wanna try. I'm carving on your chest, we ain’t afraid of head lights. Sematary Grave Man, I took your sunrise". Auf Songs wie "I'm A Sinner" wiederum wird Sematary sogar ein wenig politisch: "Imma slap a proud boy, Imma slap a transphobe / Fuck what you're about, bitch, yeah it's Antifa mode".

Trap-Musik, das Subgenre, das die letzten acht Jahre zum wohl populärsten Musikstil der Welt avanciert ist, ist auf dem absteigenden Ast und rast in Rekordtempo Richtung kreativem Bankrott. Wir sind an dem Punkt angekommen, an dem schon die Kopien der Wegbereiter kopiert werden. Und mit jedem 25-Track langen Album, das einer der Klone in der zweiten Generation auf den Markt scheißt, schrumpft das Interesse der breiten Masse ein wenig mehr.

Es wird also Zeit, dass jemand ein neues Kapitel einleitet. Das Genre endlich mal wieder weiterdenkt. Und vielleicht, wirklich nur vielleicht, kann Sematary so jemand sein. Die ersten Funken wurden schon immer im Untergrund entzündet, ehe sie Jahre später den Mainstream in Brand setzten. Chief Keef, dessen Musik einen hörbaren, großen Einfluss auf dieses Projekt hatte, war 15 Jahre alt, als er mit seinem "Bang"-Mixtape 2011 still und leise den Hip Hop, wie wir ihn kannten, ihn den Ghettos Chicagos zu Grabe trug. Ich will damit nicht sagen, dass in fünf Jahren alle Hip Hop-Alben so klingen werden wie dieses hier, jedoch braucht es manchmal Musiker*innen, die ihre auf dem Paper unmöglichen klingenden Ideen so ungefiltert, roh und ohne Rücksicht auf Verluste auf die Welt loslassen, dass andere überhaupt erst über diesen Scherbenhaufen stolpern und in der Folge für die breitere Masse aufbereiten können.

Am Ende ist das allerdings alles Zukunftsmusik. Was im hier und jetzt allerdings schon feststeht, ist, dass Sematary mit "Rainbow Bridge 3" ein einzigartiges und gewagtes Projekt auf die Beine gestellt hat. Und wenn interessiert es überhaupt was in fünf Jahren ist, wenn wir uns die Zeit bis dahin damit vertreiben können, herauszufinden, ob eine Bass-Überdosis tödlich sein kann. Und jetzt alle: "Chainsaw Party, Chainsaw Party. I don't give a fuck, it's a chainsaw party".

Trackliste

  1. 1. God's Light Burns Upon My Flesh
  2. 2. Murder Ride
  3. 3. Chainsaw Party
  4. 4. I'm A Sinner
  5. 5. Skin Mask 2
  6. 6. Necromanser
  7. 7. Forest Fire (feat. Buckshot)
  8. 8. Creepin' Thru Da Woods
  9. 9. Toothtaker
  10. 10. Come With Me To Hell
  11. 11. Goin' Mordum (feat. Ghost Mountain)
  12. 12. Witching Hour
  13. 13. Skincarver
  14. 14. Meet By The River
  15. 15. Truey Jeans
  16. 16. Crucifixion

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6 Kommentare mit 9 Antworten

  • Vor 3 Tagen

    Mir ist Sematary schon seit einer Weile sympathisch, aber diesen Noise-Fusion-Bullshit jetzt als neueste künstlerische Offenbarung anpreisen zu wollen, schießt weit über das Ziel hinaius und zeigt wie unfassbar langweilig die Rap/Trapwelt mitunter geworden ist, wenn es so etwas schon ausreicht, um Welle zu machen.

    Jedes einzelne der Black Metal-Samples in Sematarys Musik stammt von Songs, die es alleine gegen seine gesamte Diskographie aufnehmen könnten.

    • Vor 3 Tagen

      Mag sein, dass ich da zu viel reininterpretiere, aber ich finde schon, dass sich da eine Entwicklung abzeichnet, die großes Potential mit sich bringt. Auch im Pop schwappt dieser immer garstiger und widerspenstiger werdende Sound Stück für Stück in den Mainstream über. 2011 war der Konsens bei Chief Keef ja ähnlich (das sein Sound keine Zukunft hat). Naja time will tell.

  • Vor 3 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Tagen durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Tagen

    Muss mal wieder ne Runde Marduk pumpen.

  • Vor 2 Tagen

    Nice, bisschen Standardtrap auf nem kaputten Handyspeaker laufen lassen, dazu das Fahrrad mit der kaputten Kette (aka 808 Hi-Hats).
    Black Metal ist deswegen interessant, weil es solche Bands wie Ulver, Emperor, Ihsahn und die ganze heutige Vielfalt des Genres hervorgebracht hat. Beim Trap fehlt es für so etwas an Musikalität. Oder gibt es da inzwischen Ansätze? Das Genre ist ja nun auch nicht mehr neu, wenn man das mit der Entwicklung des BM vergleicht, siehts düster aus.

    • Vor 2 Tagen

      Wenn man sich BM '95 angesehen hat und das mit der Entwicklung des BM vergleicht, dann ist stark erweiterter Suizid der nächstliegende Gedanke :/ :(

    • Vor 2 Tagen

      Okay Zottel
      Okay Zottel
      Okay boomer.

    • Vor 2 Tagen

      Ey... kann mir bis heute nur sehr wenige Rapper*innen dauerhaft dazu geben... Aber was wäre denn bitte aus Downbeat-Electroinstrumentals und ihrer galaktisch vielfältigen Entwicklung geworden, wenn es da von Seiten des HH nicht eine so massive Öffnung als alternative musikalische Untermalung zu den bis dahin üblicheren Plattenspieler/Sample-technik bzw. zwei Kumpels mit Drums & Bass gegeben hätte?

      Für mich der ECHTE Mehrwert, den HH für Human Music erschaffen hat. Werde definitiv auch für das laut-Projekt den ein oder anderen Banger droppen, um vielleicht doch noch den einen oder die andere Raphörer*in mit ins Boot zu holen...

    • Vor 2 Tagen

      Konnte und kann mir bis heute z.B. die Instrumental-Scheiben der Krauts, die vielen Marteria/Marsimoto-VÖs beiligen, sehr viel gediegener geben als die reguläre VÖ mit Vocals...

    • Vor 2 Tagen

      @CAPS
      Woher weißt du, dass ich ein Zottel bin? :o
      Wollte auch nur ein bisschen trollen. Aber die Frage nach der Musikalität bleibt. Mit Mühe und Not haben clipping. Trap-Elemente, dann wirds tatsächlich spannend. Manches von Haiyti geht klar, OG Keemo, und Schmyt natürlich, aber kann es sein, dass es das schon war. Des Ansatz von Sematary fand ich außerdem bei Fax Gang spannender.