laut.de-Kritik

... und ewig schrappt die Akustische.

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Die Zeichen standen gut: Sebastian Wurth galt als der haushohe Staffelfavorit unter den DSDS-Teilnehmern des letzten Jahres. Sein frühes Ausscheiden: Schade, zwar. Aber so entgehen er und sein Debüt-Album wenigstens dem jede Kreativität killenden Würgegriff Dieter Bohlens. Dachte ich.

Stimmt, wenn auch nur zum Teil: Bohlen hat mit "Strong" überhaupt nichts am Hut. Stattdessen sicherten sich Produzenten die Dienste des jungen Sängers, die kaum weniger fest im Sattel des bockenden Geschäfts hocken. Matthias Haas brachte bereits Roger Cicero oder Annett Louisan zu Ehren. Ivo Moring kümmerte sich unter anderem um Christina Stürmer oder Dominik Büchele, der praktischerweise auch gleich für einen Gastauftritt vorbeischaut. Peter Ries produzierte N*Sync, die No Angels ... Fällt uns etwas auf? Kantenloser Radio-Pop, wohin man schaut.

Davon weichen die Herren auch für Sebastian Wurth kein Stück vom Weg, ach, von der breit asphaltierten Straße ab. Ausnahmslos schustern sie ihrem neuen Schützling todsicher auf den Mainstream getrimmte, gefällige Drei-Minuten-Songs zusammen, die nirgends auch nur eine Spur jugendliche Frische, Aufmüpfigkeit oder gar Rebellion bergen. Von Experimentierfreude oder Mut ganz zu schweigen.

Scooter-Frontmann H. P. Baxxter brachte es für seine Truppe einst im Interview auf den Punkt: "Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, C-Part. Schlussrefrain" - an diesem Schema F arbeitet sich "Strong" durchgehend ab, und ewig schrappt die Akustikgitarre. Doch die musikalische Einfallslosigkeit ist noch nicht einmal das Schlimmste.

Weit schmerzhafter gestalten sich die Texte, die von der Lebenswirklichkeit eines 17-Jährigen weiter gar nicht entfernt sein könnten. Kein Wunder, dass Sebastian Wurth den ausgeleierten Schmonz über ewige Liebe und endlosen Herzschmerz so unbeteiligt darreicht, als gehe ihn gar nichts an, was er da erzählt.

Die schlagereske Ferien-Lovestory von "Goodbye California" kaufe ich ihm - obwohl an seiner Gesangsleistung nichts auszusetzen ist - so wenig ab wie die Behauptung "I feel like dancing" - was sich übrigens plump auf "hot summer night romancing" reimt. Ein offensichtlich nicht gerade tanzbegeisterter junger Hüpfer hottet bestimmt nicht ausgerechnet zu einer zopfigen Nummer wie "The Time Is Right" ab. Die klingt, als habe man das Instrumental beim Aufräumen des NDW-Plattenschranks in der hintersten Ecke zwischen den Spinnweben gefunden.

Ich vermute mal frech, dass Sebastian Wurth in "Lilly's Song" eine kleine Schwester oder ähnliches besingt. Die Liebeserklärung wirkt allerdings, als stehe hier ein verzückter, stolzer Vater und huldigt der Frucht seiner Lenden - ein weiteres Indiz dafür, dass Männer Mitte, Ende Vierzig die Lyrics verbrochen und sich dabei kein Stück in eine Teenager-Seele eingefühlt haben.

Einzig "Perfect" gerät inhaltlich ein wenig passender. Hier allerdings lässt einem der weiche, wattige, harmlose Pop-Brei, der die traurige Dramatik des Textes weder unterstreicht noch in irgendeiner Form aufgreift, die Füße einschlafen.

Paul Simons "Sound Of Silence" habe ich bisher für einen unkaputtbaren Evergreen gehalten. Die Version, die Peter Ries und Ulrich Wehner hier vorsetzen, lässt diese Überzeugung zu Staub zerfallen. Ein bocklangweiliger Poprock-Konservenbeat und Synthie-Effekte von vorgestern ruinieren nachhaltig die Stimmung der Nummer.

Außerdem: Wie konnte nur jemand auf die Idee kommen, Sebastian Wurth und Gastsänger Dominik Büchele seien auch nur ansatzweise in der Lage, die Dunkelheit glaubwürdig mit "Hello, darkness, my old friend" zu begrüßen? Die Buben sind mit ihr offensichtlich doch noch nicht mal entfernt bekannt!

"Here they are, my better days." Das möchte ich im Sinne Sebastian Wurths lieber nicht glauben. Seine Stimme, die an den raren weniger verkalkten Stellen von "Strong" Facettenreichtum, Tiefe und unglaubliches Potenzial entfaltet, hätte Songs verdient, die zu ihr passen. Songs, die zu Sebastian Wurth passen - und nicht nur ins Programm der Sender, die eisern "das Beste der 80er, 90er und von heute" abnudeln.

Trackliste

  1. 1. You Let The Sun Go Down
  2. 2. I See As Time Goes By
  3. 3. The Time Is Right
  4. 4. Lilly's Song
  5. 5. Sound Of Silence feat. Dominik Büchele
  6. 6. Pulling My Heart String
  7. 7. Better Days
  8. 8. Perfect
  9. 9. Tell It
  10. 10. Don't Tell Me
  11. 11. In Love With A Maniac
  12. 12. Goodbye California

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9 Kommentare

  • Vor 6 Jahren

    Ein ziemlich gutes Album . Tolle Leistung für einen 17 Jährigen ! Für mich persönlich gehören "Sound of Silence ", "Lilly´s Song " und "Do`t tell me " zum besten Tracks des Albums !

  • Vor 6 Jahren

    @lissyla (« Ein ziemlich gutes Album . Tolle Leistung für einen 17 Jährigen ! Für mich persönlich gehören "Sound of Silence ", "Lilly´s Song " und "Do`t tell me " zum besten Tracks des Albums ! »):

    Geh und troll woanders!

  • Vor 6 Jahren

    Irgendwie komm ich an diesem Bieberhype bisher recht ungeschoren davon. Ich musste sogar aktiv auf Youtube ein Lied von ihm anhören um zu wissen wer das überhaupt ist. Da dachte ich mir dann, "achso, das ist DER?"
    tja, belanglosigkeit.. hier rein, da raus. Wie der Gotthardtunnel.

    und dieser Wurth soll gleich sein? Naja ... die Frisur stimmt schonmal.