laut.de-Kritik

Punk Hop mit Lyrics, die die Welt bedeuten.

Review von

Scroobius Pip trägt Truckerkäppis und langen Waldschrat-Bart. Von der Optik her passte er genauso gut in eine Post-Hardcorekapelle, doch tatsächlich reimt er sich als Spoken Word-Künstler die schönsten Knoten in Zunge, die die englische Insel seit langer Zeit gesehen hat.

Gemeinsam mit DJ und Beat-Tischler Dan Le Sac gibt er seit Jahren eines der erfolgreichsten Untergrund-Hip Hop-Duos ab. Nach zwei Alben nutzt er aber eine Pause für eigene Abenteuer wie das Soloalbum "Distraction Pieces".

Nach anderen Kollaborateuren braucht er seine Fühler nicht lange ausstrecken, da standen schon der ehemalige Nine Inch Nail Danny Lohner aka Renholder mit Travis Barker im Schlepptau auf der Matte, dicht gefolgt vom Labelkollegen Sage Francis, Steve Mason von der grandiosen Beta Band und Radio-DJ Zane Lowe, ein Mentor der ersten Stunde.

Diese Fülle an Gastproduzenten erinnert schnell die alte Sage der zahlenmäßig überlegenen Chefköche, die den Brei verderben. Doch weder krudes Chaos noch Mixtape-Charakter haftet "Distraction Pieces" an, wenngleich sich Unterschiede zu den Alben mit Dan Le Sac schnell offenbaren.

Im Vergleich zu den Werken als Duo klingt Pip solo um einiges rauer, lauter und weniger synthetisch. Verzerrte Gitarrensounds sägen über rumpelige Beats, die wahlweise sehr geschäftig mit Drum'n'Bass-Flair zur Sache gehen ("Soldier Boy (Kill Them)", "Domestic Silence"), manchmal aber auch einen schleppenden Kopfnickergroove ("Try Dying", "Death Of The Journalist") vor sich her tragen. Moment. Gitarren und Sprechgesang gleich Crossover gleich Limp Bizkit? Mitnichten.

Scroobius Pip stampft einen beeindruckenden Industrial Punk Hop-Mix aus dem Boden, am evidentesten im Tür und Tor eintretenden Chorus vom pushenden "Let 'Em Come". Energisch und lautstark liefern die Beats ein passendes Vehikel für die Hauptattraktion des Albums: durch die Bank eindrucksvolle Lyrics.

Denn wer Pips variantenreiche Wortdichte noch nicht gehört hat, is in for a treat, wie der Brite sagt. "Remember that guns, bitches and bling were never part of the four elements", predigte er einst auf dem Durchbruch-Song "Thou Shalt Always Kill", Diesem Motto bleibt er treu. Fernab jeder Dicke Hose-Attitüde mimt er den gewandten Beobachter und Kritiker von Alterswahn ("Try Dying"), lausigem Journalismus ("Death Of The Journalist"), die öffentliche Rezeption von Celebrities ("The Struggle"), Seitensprünge ("Broken Promise") und nicht zuletzt die Funktionsweise seiner eigenen Musik ("Introdiction").

Das politisch anklagende "Soldier Boy (Kill Them)" wartet kurioserweise mit einer industrialmäßig beschleunigten Hook-Hommage an den echten Soulja Boy auf, was eine fast komödiantische Schere zu den Lyrics reißt. "In a war of terror, but you won't find no Bin Laden here / if we're stopping tyrants then why the fuck ain't we in North Korea?" Solche Denkanstöße haut der Rapper mit jedem zweiten Satz raus, dass es eine wahre Freude ist, die Texte genauer unter die Lupe zu nehmen.

Ghettostorys oder Ich-bin-der-Beste-Posen darf man vom Typen aus Essex nicht erwarten. Wenn überhaupt, klingt das höchstens so: "You see a mousetrap, I see free cheese and a fucking challenge", wie er in "Introdiction" über geisterhafte Chöre und druckvolles Travis Barker-Drumming deklariert.

Auch bei hoher Reimgeschwindigkeit bringt er seine ausholenden Gedanken immer wieder auf den Punkt, stellt aber niemals namentlich an den Pranger. Im Fall der vernichtenden Medienschelte in "Death Of The Journalist" darf sich sowieso jeder Schreiberling selber bei der Nase nehmen. Sozialkritisch nach bestem Maße, Concious-Rap erster Güte, durchzogen von ein paar Lines englischen Verständnisses für Humor. Mal in der Ich-Perspektive, oft aber auch in durchstrukturierten, von Spoken Word-Slams gestählten Geschichten.

Die reinste Form des gesprochenen Wortes, ohne Hooks oder Highspeed-Flow, liefert Pip auf "Broken Promise" über eine spärlich gezupfte Gitarre und später gar Dubstep-artige Percussion ab. "I've built the 'heartbreak hotel' on my own with no investors / closed it down and opened the 'fuck you, get over it'-bed and breakfast."

Zurückhaltend und düster schließt "Distraction Pieces" mit "Feel It", einem Kate Bush-Cover. Mittles leichtem Backbeat und einer Soul-lastigen Gesangsperformance von Sängerin Natasha Fox kühlt Scroobius Pip das Album und seinen eigenen Zorn ordentlich ab, wie auch schon mit den zwei Songs davor.

Hier liegt auch der einzige Kritikpunkt. Zu stark fallen die letzten drei Tracks, auch von der Produktion her, im Vergleich mit der restlichen Platte ab. Selbst Steve Mason bleibt auf "The Struggle" zu sehr auf seinem Blues-Groove hängen, was im Vergleich zu der frenetischen Energie eines "Let 'Em Come" oder "Try Dying" zu lasch vor sich hin shuffelt.

Nichtsdestotrotz sei die Lyrik von Scroobius Pip jedem ans Ohr gelegt, der auf der Textebene mehr als übliche Phrasendrescherei erwartet. Denn niemand setzt einem so schöne Flausen in den Kopf, wie der bärtige Poet aus England.

"Some people heard my words and thought it meant they knew me / truth is I don't exist, I'm just the soundtrack to your movie!"

Trackliste

  1. 1. Introdiction
  2. 2. Let 'Em Come
  3. 3. Domestic Silence
  4. 4. Try Dying
  5. 5. Death Of The Journalist
  6. 6. Soldier Boy (Kill Them)
  7. 7. The Struggle
  8. 8. Broken Promise
  9. 9. Feel It

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