laut.de-Kritik

Ein liebestrunkener Kokain-Trip.

Review von

Mit "Silence Yourself" lieferten die vier Damen von Savages eine grobe Skizze ihres Sounds ab. Roh, dunkel und aggressiv schallte der Londoner Post-Punk anno 2013 aus den Boxen. "Adore Life" verfeinert die Zeichnung nun, verstärkt die Konturen und füllt die Flächen aus. Bunte Farben verwenden Savages nicht, ihre bevorzugte Kombination bleibt Schwarz und Weiß.

Das zweite Werk bringt einen liebestrunkenen Kokain-Trip, der schon beim Opener "The Answer" kickt. Das messerscharfe Riff überrollt ahnungslose Hörer gleich zu Beginn und räumt auf für dreieinhalb Minuten verzerrte Glückseligkeit. Sängerin Jehnny Beth raunt sich in den Wahnsinn: "If you don't love me / don't love anybody". Die höchsten Ekstasen und die tiefsten Löcher, in die uns die Liebe schicken kann, sollen ein wesentlicher Bestandteil des Albums bleiben.

Die vier Post-Punk-Dealerinnen meinen es gut und versorgen uns mit feinstem, ungestrecktem Fuzz-Stoff. Bassistin Ayşe Hassan packt auf "Sad Person" einen Basslauf zum Niederknien aus. Was die Gute auf dieser Platte mit ihrem Instrument veranstaltet, gräbt die schmerzhafte Erinnerung an Carlos Denglers Abgang von Interpol wieder aus. Savages ohne Hassan am Viersaiter? Unvorstellbar.

Spätestens jetzt führt uns die Band in die Abhängigkeit. Hinter dem Bass baut sich bedrohlich die einschneidende Gitarre auf, die im Refrain hervorbricht. Beth outet sich als Love Addict: "Love is a disease / the strongest addiction I know / What happens in your brain / is the same as a rush of cocaine". Ich nehme auch noch eine Nase davon.

Auf dem Titeltrack "Adore" drosseln Savages das Tempo und grooven sich zwischen tragendem Bassspiel und waberndem Distortion-Teppich zum erlösenden Refrain. Der Song fällt ins Bodenlose, um wie der Phönix aus der Asche zu einem lebensbejahenden Crescendo wieder empor zu steigen. Savages bauen eine greifbare Spannung auf, die sie auf großartige Weise entfesseln.

Der Timer des CD-Players zeigt nicht mal Halbzeit, und man ist bereits reif für einen Entzug. "Slowing Down The World" marschiert mit Ohrwurm-Riff und erneut unschlagbarem Basslauf zum knisternden Refrain. Mit "I Need Something New" packt das Quartett die Abrissbirne aus, die am Ende des Songs ganze Häuserblocks in Schutt und Asche legt.

Erst gegen Ende geht dem Album etwas die Puste aus und ein kleiner Kater stellt sich ein. "Surrender" weiß nicht so recht, wo es mit dem Synthie-Pluckern hin will. Ein wenig verloren irrt der Track zwischen dunklem Dröhnen und hektischen Strophen hin und her. Auf "T.I.W.G." hämmern Savages die Abgründe der Liebe in den aufgeputschten Schädel. Der Trip kommt zu einem rabiaten Ende: "Suffering, straight from the gods / No medicine, no drugs".

Nun also doch kalter Entzug. Mit "Mechanics" liefern die Londoner die Begleitmusik, um die Giftstoffe aus dem Körper zu schwitzen. Ein Abgesang auf eine verdammt grandiose Party, bei der am Ende nur wenig schief geht. Aber was wäre eine gelungene Eskalation schon ohne Ausfälle?

Trackliste

  1. 1. The Answer
  2. 2. Evil
  3. 3. Sad Person
  4. 4. Adore
  5. 5. I Need Something New
  6. 6. Slowing Down The World
  7. 7. When In Love
  8. 8. Surrender
  9. 9. T.I.W.Y.G.
  10. 10. Mechanics

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LAUT.DE-PORTRÄT Savages

"The world used to be silent Now it has too many voices And the noises are constant distraction They multiply, intensify They will divert your attention From …

6 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Bin schon seit heut morgen drauf. Lege gleich nochmal ein Näschen nach, vielleicht auch zwei. Das Wochenende ist so jung wie die Platte...

  • Vor 3 Jahren

    Ungefähr auf einem Niveau mit dem Vorgänger, auch wenn kein Stück mich direkt so beeindruckt wie "Marshal Dear".

    • Vor 3 Jahren

      Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

    • Vor 3 Jahren

      Ich hatte vor allem nicht erwartet, bei Savages das für mich stimmigste Albenkonzept des Jahres zu finden. In alkohol- und flurbewuchsseligem Enthusiamus küre ich hiermit die Tracks 1-6 zu einem Songsextett für die Indie-Ewigkeit (die zugegebenermaßen nicht sehr ewig ist, was "Slowing down the World" dann wieder an Bedeutung gewinnen lässt).

  • Vor 3 Jahren

    Vermisse in dieser sowie in weiteren Reviews, die ich hierzu las, ein bissl das explizite Eingehen auf die musikalisch-technischen Fortschritte aller Beteiligten auf diesem Album.

    Ja, die waren auch auf der ersten Platte schon alle "gut", die Platte lebte aber vor allem von der Reduktion. "Keine Note zu viel, um genau die Atmosphäre zu schaffen, die ein Song braucht" las man dazu öfters und das fand ich recht treffend.
    Was sämtliche Beteiligten hier jedoch an individuellen Fähigkeiten in Form verschwurbelter, aber perfekt in Songs eingebetteter Läufe subtil zur Schau stellen, das verdient schon entsprechende Würdigung. Faszinierende Band, tolle Entwicklung. Wirken auch in "deutlich fremdinspirierten Momenten" immer noch mehr wie ne Hommage als wie ne Kopie, auch so ein Gütekriterium, imho.

    Es bleibt spannend, die viel bemühte "schwierige zweite Platte" jedenfalls meistern diese vier offenbar ohne nennenswerte Anstrengung.

  • Vor 3 Jahren

    Dieser Kommentar wurde vor 3 Jahren durch den Autor entfernt.

  • Vor 3 Jahren

    Gefällt mir, da die Bassläufe echt gut sind und das Ganze vom Sound auch schon ordentlicher ist. Klingt insgesamt aber auch etwas geordneter. Hätte mir ja trotzdem gerne ein paar Ausbrüche mehr gewünscht, wodurch die Platte erstmal Eingewöhnungszeit braucht.