laut.de-Kritik

Die Spielleute sind und bleiben Weltbürger.

Review von

Immer dann wenn sich die Spielleute von Saltatio Mortis zum Schreiben neuer Songs zurückziehen, landen sie im beschaulichen Bückeburg. Dort machen sie es sich dann auf einem Bauernhof gemütlich. Umgeben von allerlei Getier, guten Freunden und frischer Landluft tüfteln die acht Verantwortlichen an der perfekten Mixtur aus Rock, Punk und mittelalterlichem Klingklang.

Auch im Juli des vergangen Jahres weilte die Band an jenem Ort. Neben dem Schreiben neuer Songs hockte man auch oft vor der Glotze. Im fernen Brasilien kämpften die Jungs von Jogi Löw schließlich um den vierten Stern. Als es dann soweit war und der kleine Philipp Lahm die goldene WM-Trophäe in den Nachthimmel von Rio De Janeiro reckte, klatschten auch Alea, Lasterbalk und Co begeistert in die Hände. Doch bereits kurz darauf beschlich das Kollektiv ein mulmiges Gefühl.

All die Fähnchen und patriotischen Jubelgesänge auf der einen, und all die kritischen Vorsicht-vor zu-viel-ausgelebter-Heimatverbundenheit-Stimmen auf der anderen Seite inspirierten die Band zu einem Song der besonderen Art. "Wir Sind Papst" heißt das gute Stück; ein punkrockiger Hymnenkandidat, der vor allem eins auf den Punkt bringt: Saltatio Mortis sind und bleiben Weltbürger.

Die Feste sollten gefeiert werden wie sie fallen. Und dabei sollten nationale Eitelkeiten keine Rolle spielen. Klar und deutlich prangern die Mannen aus dem Südwesten der Republik das deutsche Schiefdenken zwischen Vergangenheit und Gegenwart an. Und plötzlich hagelt es wieder Kritik. Diesmal allerdings nicht von Oberflächenschwimmern, die der Band vor einigen Jahren noch den rechten Stempel aufdrücken wollten ("Wachstum Über Alles"). Nein, dieser Tage melden sich "Fans" via soziale Netzwerke zu Wort, denen die Band mittlerweile zu "linkslastig" agiert. Mein Verdacht: Weder die "Wachstum Über Alles"-Kritiker noch die Leute, die der Band vom anderen Ufer aus den Stinkefinger zeigen, scheinen sich auch nur ansatzweise mit den Inhalten der Texte zu beschäftigen.

Nationalismus ist scheiße. Krieg ist scheiße. Die Tatsache, dass die Kluft zwischen arm und reich immer größer wird, ist scheiße. All das, was die Menschlichkeit auf Erden mit Füßen tritt stinkt zum Himmel. Die Botschaften sind klar. Und das nicht erst seit gestern. Sie werden auch schon lange nicht mehr hinter Metaphern versteckt.

Songs wie "Augen Zu", "Des Bänkers Neue Kleider" und "Willkommen In Der Weihnachtszeit" präsentieren die Band gradliniger und transparenter denn je. Hinter mit akzentuierten Mittelalter-Spielereien aufgepepptem Mitsing-Punkrock breiten sich Texte aus, die die Dinge unmissverständlich beim Namen nennen. Es geht um eine Gesellschaft, die zunehmend wegguckt, wenn sich vor der eigenen Haustür Leid und Schmerz ausbreitet. Egal ob Politiker, Kirchen-Obrige oder Banker: Sie alle bekommen auf "Zirkus Zeitgeist" ihr Fett weg. Und das musikalisch befeuert mit einer eingängigen Melange aus alt und neu.

Saltatio Mortis machen längst keinen klassischen Mittelalter-Rock mehr. Zwar drängt sich der Dudelsack hier und da noch in den Vordergrund. Aber nur um kurze Zeit später Platz zu machen für satt produziertes Modern-Rock-Geröll mit kantigem Punk-Anstrich. Mit ohrwurmlastigen Stadion-Harmonien und Basisorientiertem aus dem verschwitzen Club von nebenan ziehen Saltatio Mortis anno 2015 alle Register. Die Welt steht am Abgrund. Soll später niemand behaupten, dass uns keiner vor dem tiefen Fall gewarnt hat.

Trackliste

  1. 1. Wo Sind Die Clowns?
  2. 2. Willkommen In Der Weihnachtszeit
  3. 3. Nachts Weinen Die Soldaten
  4. 4. Des Bänkers Neue Kleider
  5. 5. Maria
  6. 6. Wir Sind Papst
  7. 7. Augen Zu
  8. 8. Geradeaus
  9. 9. Erinnerung
  10. 10. Trinklied
  11. 11. Rattenfänger
  12. 12. Todesengel
  13. 13. Vermessung Des Glücks
  14. 14. Abschiedsmelodie

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9 Kommentare mit 16 Antworten

  • Vor 3 Jahren

    Live z.B. auf dem Summer Breeze immer wieder nett, aber auf Album nach einer Weile dann doch zu monoton und uninspiriert. Zumal die Texte mit ihrer Botschaft auch schon mal subtiler und intelligenter dem Hörer nähergebracht wurden. Mal sehen ob sich da bei weiteren Outputs noch was ändert.

  • Vor 3 Jahren

    Gute Review zu einem wie ich finde sehr gelungenen Album. Mal was anderes und etwas moderner, aber ich bin mir sicher, dass die Band auch weiterhin auf dem MPS mit ihren klassischen Stücken auftreten werden. Alle die behaupten, SaMo seien zu kommetz geil, sollten sich vlt mal angucken was die auf dem Spectaculum so für ihre Fans tun.

    @Hmm: Die Albumversionen sind wohl dem Label geschuldet... Dass sie bei Universal sind ist wohl eines der wenigen Dinge, die man ihnen als "falsch" untestellen kann...

    PS: Haters gonna hate :D

    • Vor 3 Jahren

      Auf dem Spectaculum können die Meisten SaMo schon nicht mehr sehen, weil sie seit Jahren dort diesselbe Show abliefern. Ich mag zwar die Band trotzdem ganz gern (mal abgesehen davon, dass ich Alea bei einem kurzen Treffen auf dem Metalfest nicht wirklich charmant fand), aber gerade auf dem MPS wäre jetzt mal ein Wechsel angebracht.

  • Vor 3 Jahren

    ist es eigentlich gang und gäbe, so eindeutig von vorhandenem Liedgut abzukupfern, ohne es in irgendeiner Art und Weise kenntlich zu machen? "Nachts weinen die Soldaten" ist ja im Prinzip 1:1 übernommen von "Es ist an der Zeit" (Konstantin Wecker/Hannes Wader). Hierzu wird weder in der Rezension was gesagt, noch konnte ich einen derartigen Hinweis im Booklet finden. Denk auch nicht unbedingt, dass es dem Gros der Hörerschaft wirklich auffällt. Ist das jetzt eher eine Hommage oder Plagiat?