laut.de-Kritik

Souvenir aus dem Touri-Shop zum Ersten Weltkrieg.

Review von

Lange fackeln Sabaton nicht. Nach nur neun Sekunden Vorgeplänkel reißen sie ihre Hörer mitten aufs Schlachtfeld. "Standing in the line of fire", dröhnt Joakim Brodén im gewohnt heroischen Anführerton. Nach einer bedrohlich-dramatischen Spannungspause stehst du im Kreuzfeuer von "The Future Of Warfare", und 38 Minuten Kriegerhymnik zum Konzept 'Erster Weltkrieg' warten.

Viel verändert haben Brodén und seine Kumpane auf "The Great War" nicht. Sie singen über Krieg, Tod, Heldentaten. Die loyale Anhängerschar wird Zeilen wie "Kill, fight, die" bald tausendfach verstärken und morgens auf dem Weg zur Arbeit gedanklich die Fäuste schwingen. Die Gegner brauchen sich keine neuen Argumente auszudenken und anzuerkennen: Handwerklich spielen Sabaton zweifellos hohe Liga. Streitpunkt bleibt die künstlerische Qualität des Ganzen und die zumindest in der Musik nach wie vor oft fehlende Einordnung ihrer Gewaltepen.

Wenn in "Devil Dogs" die US-Marine fröhlich-triumphal be- und von "glorious deeds" gesungen wird und man der musikalischen Untermalung wegen plötzlich als erleuchtetes Wesen erscheint, wenn man "tötet, kämpft und stirbt", rücken Sabaton gefährlich nah an Militärpropaganda. In anderem Kontext wären sie es.

"That's what a soldier should do / Top of their game, earning their name." Die Bundeswehr denkt vermutlich schon darüber nach, wie sie Sabaton davon überzeugen, ihren jüngst zurecht stark kritisierten Werbespruch "Gas, Wasser, Schießen" zu vertonen. Dass die Schweden diesmal wenigstens im Artwork nichts beschönigen, hin und wieder auch düstere Töne anschlagen und Joakim Brodén in Interviews durchaus reflektierte Gedanken zum Thema äußert, hilft angesichts solch zwiespältiger musikalischer Kulisse nur bedingt.

ABER: In dem, das sie tun, sind Sabaton Profis. Widerstand gegen die schier endlosen Hook-Salven ist zwecklos. Nach ein paar Durchlaufen wechseln sich die Ohrwürmer nach Belieben ab, auch bei Nicht-Fans wie mir. Brodén steht mit seinen martialischen Catchphrases im Mittelpunkt, Gitarre, Chor und manchmal auch Keyboards liefern aber fast ebenso griffige Lines. Drummer Hannes Van Dahl prügelt alle Mann in Reih und Glied, damit die Motive auch ja ihre volle Schlagkraft entwickeln.

Zwar vertraut die Band im Songwriting auf bewährte Taktiken, was Abwechslung schmälert und unweigerlich auch zu einem Filler führt ("A Ghost In The Trenches"). Experimente passieren nur sehr oberflächlich, auf Dauer wirkt das Album arg schematisch. Ihr Schema exerzieren Sabaton dafür bei zum Beispiel "Seven Pillars Of Wisdom" in Perfektion. Ein kraftstrotzendes Lead prescht vor, Brodén kündet als Herold von den Taten Lawrence' von Arabien, hangelt sich über die Strophenmelodien zum eruptiven Refrain. Als Höhepunkt gibts ein kreatives, einprägsames Gitarrensolo. Ballast bleibt außen vor, drei Minuten reichen für den idealen Heavy-Pop-Metal-Spannungsbogen.

Neben kriegshistorischen Helden huldigen Sabaton auch denen der Rockgeschichte. Bei "82nd All The Way" schwelgen die Gitarristen Chris Rörland und Tommy Johansson in Twin-Leads à la Iron Maiden. Das Fliegerlied "Red Baron" klingt wie Uriah Heeps "Easy Livin'" im Adrenalin-Rausch, beziehungsweise dank enormen Schunkelfaktors und Gangshouts nach Bierzelt.

Ein Song könnte gar Sabaton-Hasser überzeugen: Bei "The End Of The War To End All Wars" weicht Brodén von seinen gewohnten, fanfarenartigen Vocals ab, singt rauer und – so bescheuert das im Kontext auch klingen mag – aggressiver. Instrumental entfernen sich Sabaton hier weiter vom Schlager als sonst, etablieren eine deutlich düsterere Stimmung. Gleichzeitig intensivieren sie die Epicness. Nach besinnlichem Klaviereinstieg gehen sowohl Chor und Streicher als auch die Metalband an ihr Maximum und schaffen eine vierminütige Dauerklimax. Die chorale Gedichtvertonung "In Flanders Fields" federt danach als Kontrapunkt das Gewitter mit warmem a-cappella-Arrangement ab. Die eigentliche Band pausiert hier, der Krieg ist vorbei, zumindest bis das nächste Album einschlägt.

Wenige Wochen vor Release demonstrierte ein Vorfall beim französischen Hellfest, welchen Stellenwert Sabaton mittlerweile haben. Die altersschwachen, hybrisgeplagten Warriors Manowar sägten mit kurzfristiger Absage weiter am ohnehin morschen eigenen Stuhl, Sabaton sprangen spontan und ohne den angeschlagenen Brodén am Mikrofon als Headliner ein und lieferten professionell und umjubelt ab. Mehr symbolische Wachablösung im heroischen Unterhaltungsmetal geht kaum. Auch wenn Sabaton moderner unterwegs und mehr im Power Metal verwurzelt sind als Manowar, denkt man ob der plakativen Schlachtgemälde mit Hang zur musikalischen Glorifizierung doch unentwegt an die entthronten Kings of Metal.

Als vermeintliches Schmankerl servieren Sabaton "The Great War" noch in der alternativen "History Version". Jeden Song verlängern sie dabei um ein Spoken Word-Intro, das kurze Orientierungshilfe verschafft, wo im Ersten Weltkrieg wir uns gerade befinden. Für Fans klingt das wahrscheinlich verlockend. Da sich der Informationswert der Schnipsel aber arg in Grenzen hält und dazu klischeehafte Soundtrack-Effekte spielen, verkommen sie zum Gimmick. In erster Linie nehmen sie das Tempo aus dem Albumfluss und verleihen der Platte noch mehr den Charakter eines Souvenirs aus dem Touristenshop zum Ersten Weltkrieg.

Trackliste

  1. 1. The Future Of Warfare
  2. 2. Seven Pillars Of Wisdom
  3. 3. 82nd All The Way
  4. 4. The Attack Of The Dead Man
  5. 5. Devil Dogs
  6. 6. Great War
  7. 7. A Ghost In The Trenches
  8. 8. Fields Of Verdun
  9. 9. The End Of The War To End All Wars
  10. 10. In Flanders Fields

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