4. Februar 2013

"Cro ist auf dem Boden geblieben"

Interview geführt von

Die Brüder Samson und Chelo machen als SAM schon ein paar Jahre gemeinsam Musik. Lange Zeit beschränkte sich ihr Schaffen auf die schwäbische Heimat - doch das kostenlose Mixtape "ZweiNullZwölf" katapultierte sie direkt in die Stuttgarter Labelzentrale von Chimperator. Dort schickte man sie gleich mit Cro auf Tour.Es ist Sonntag und der Redakteur macht sich auf ins badische Singen. Dort tritt Shootingstar Cro auf. Der große Platz vor der modernen Halle ist bereits eineinhalb Stunden vor Einlass gefüllt. Eine gut 300 Meter lange, kreischende Schlange sehr junger Menschen säumt die Zufahrtswege und massiert sich im Eingangsbereich. Gar nicht so leicht, da rein zu kommen. Doch die netten Jungs vom Label helfenund ich sitze vor dem Opener des Abends, SAM.

Wie steigt man bei Newcomern denn in so ein Interview ein, da musste ich lange überlegen ...

Chelo: Fang doch so an: Eigentlich dachte ich, dass SAM nur eine Person ist. Jetzt sitzen aber zwei Menschen vor mir. Das verwirrt mich!

Super! Daran hatte ich wirklich nicht gedacht, weshalb ich jetzt schon etwas aus dem Konzept bin. Dabei hatte ich mir eigentlich einen schönen, allgemeinen Einstieg überlegt. Etwas Kontroverses! Sowas wie: 'Ihr seid inzwischen ja rap-technisch im Raum Stuttgart beheimatet. Wie erklärt ihr euch, dass Stuttgart derzeit wieder zum kreativen Zentrum avanciert?'

Sam: Irgendwie war es ja so dass jede Stadt ihre Zeit hatte. Ich glaube, das war wirklich ein Kreislauf durch ganz Deutschland. Berlin war mit Aggro die letzte Station. Und jetzt ist halt Stuttgart wieder dran, nach Gangster haben die Leute jetzt halt wieder Bock auf die sympathischen Schwaben.

Es ist ja nicht falsch, wenn Leute behaupten, dass diese ganze Generation neuer Rapper irgendwo große Überschneidungen im Klang hat. Wie ist dieses homogene Soundbild zu erklären?

Sam: Die Berliner haben sich doch auch alle ähnlich angehört ...

Aber es ist doch eigentlich so, dass es von eurem Heimatort nach Stuttgart doch schon eine ganz schöne Stecke ist.

Chelo: Ich finde es schade, dass das alles total oberflächlich betrachtet wird. Auch, dass man uns sofort mit Cro verglichen hat. Wenn man sich ernsthaft damit auseinander setzt, dann weiß man, dass sich unsere Musik in Wirklichkeit sehr unterscheidet. Das wird einfach alles in eine Schublade gesteckt.

Über den 'Skill' brauchen wir uns ja nicht zu unterhalten, den haben viele jungen Rapper. Doch findet ihr nicht, dass die vielbesagte 'Originality' inzwischen zunehmend unter den Tisch fällt?

Sam: Ich glaube, heute ist das gar nicht mehr so wie früher. Klar gibts noch die Original Rapper, die ihr Ding durchziehen, alles auf Skill setzen und Doubletime rappen. Aber bei uns steht das nicht im Vordergrund. Uns ist wichtig, dass es eine Melodie hat, sich gut anhört. Wir haben ja auch viele Melodien in den Liedern und sind gar nicht so diese Rap-Nazis. Wenn wir einen geilen Rocksong hören, warum sollten wir dann nicht diese Einflüsse bei uns so einbinden, dass es in unserem Kontext geil klingt? Deshalb versuchen wir einfach unser Ding zu machen, so, dass es uns gefällt. Und dadurch entsteht dann auch wieder etwas Einzigartiges.

Wenn Cro sein Album "Raop" nennt, dann gesteht er sich ja schon selbst einen gewissen Hang zum Mainstream ein. Lauft ihr nicht Gefahr, durch die Pop-Einflüsse als Konsumprodukt verheizt zu werden?

Chelo: Erfolg kann man ja im Vorfeld nicht planen. Melodien haben oft einen Pop-Hintergrund. Es gibt einfach Töne, die im Zusammenspiel funktionieren. Nur, weil Jeanette Biedermann eine Tonfolge schon mal benutzt hat, heißt das ja nicht, dass die mit anderem Beat im Hintergrund immer noch schlecht klingen muss. Cro mach auch einfach nur das, auf was er Bock hat, und das klingt dann halt gut.

Also seht ihr keine Notwendigkeit, euch abgrenzen zu müssen?

Sam: Wenn man sich zwingt, etwas zu machen, nur um krass anders zu sein, dann funktioniert das nicht. Man hört, wenn etwas gezwungen anders klingt.

Chelo: Das ist auch Schwachsinn. Wir wollen das machen, was uns gefällt. Und das kann man bei Chimperator auch. Wenn wir zu irgend einem Major gegangen wären, hätten die uns sicher nahe gelegt, wie wir klingen sollen. Wir machen das worauf wir Lust haben, und dadurch kommt das Einzigartige.

Ihr seid also nicht gesigned worden, weil ihr genau in diese Schiene der neuen, in den Charts erfolgreichen Rapper passt?

Chelo: Das was wir machen, funktioniert eigenständig und das war der Grund für den Vertrag.

Ihr werdet sicher oft zu den 'Hipster-Rappern' gezählt. Profitiert ihr und eure Musik von dem derzeitigen Hipster-Hype?

Sam: Wenn du auf unseren Kleidungsstil ansprichst: Wir sehen ja schon immer so aus. Aber ich glaube, das ist einfach der Zeitgeist. Die Punks haben damals einen Fick drauf gegeben, wie sie aussehen. Heute ist es halt umgekehrt.

Aber es wäre ja theoretisch möglich, dass sich Menschen durch euren Stil besser mit eurer Musik identifizieren können?

Sam: Das stimmt zu 100 Prozent. Ich glaube, wenn unser Cover ein Kind mit Heavy Metal-Klamotten auf schwarzem Hintergrund zeigen würde, dann könnte das abschreckende Wirkung haben. Denn du schaust dir ja eine Platte an und entscheidest dann: Könnte die Musik darauf zu mir passen oder eher nicht? Und insgesamt ist das bei uns eben stimmig. Das Auge spielt da auf jeden Fall auch eine große Rolle.

Als Vorband von Cro aufzutreten hat euch sehr viel Publicity gebracht. Heute wird ja alles an Facebook-Likes gemessen – und die sind ja bei euch rapide in die Höhe geschnellt. Schlägt der steigende Bekanntheitsgrad schon irgendwie im Alltag durch?

Chelo: (lacht) Wir waren ja im letzten Monat nie auf der Straße, sondern nur in Hallen!

Sam: Das Gute an der Tour ist, dass die wenigsten Leute uns vorher kennen. Während unseren Auftritten frage ich das Publikum, wer denn unser Mixtape kennt. Da melden sich dann vier bis fünf Leute in einer ausverkauften Halle. Und erst danach liken sie unsere Seite. Sind also ganz 'gesunde Likes, die wir bekommen. Das müssen wir uns live hart erarbeiten. Die Leute sehen uns und denken: Das gefällt mir – oder eben nicht. Wenn wir morgen durch Singen laufen würden, dann würde man uns vielleicht erkennen. (lachen beide)

Ich habe mal verglichen, und ihr habt inzwischen mehr Facebook-Fans als ein anderer bekannter Musiker aus eurer Heimatstadt: Konstantin Gropper alias Get Well Soon, der schon ein paar Jahre länger im Geschäft ist als ihr.

Sam: Das ist natürlich krass. Allerdings glaube ich, dass das nicht direkt vergleichbar ist. Durch die Musik, die er macht, hat Konstantin glaub ich, auch viele ältere Fans. Und die sind nicht so in Facebook unterwegs. Das ist auch unser Vorteil, dass wir diese Dinge besser für die Kommunikation mit den Fans nutzen können.

"Die einzigen Kosten am Mixtape waren Sticker und Flyer"


Ihr kommt ursprünglich aus der schwäbischen Provinz. Wie habt ihr es hinbekommen, diese Land-Langeweile in Kreativität umzuwandeln?

Sam: Hm. Ich glaube, die Jugend auf dem Dorf oder in der Kleinstadt, die ist so schön, dass man das gut in Lieder umwandeln kann. Und natürlich versucht man irgendwie, sich zu beschäftigen, weil es ja schließlich langweilig ist in so einem kleinen Dorf. Da haben wir uns halt für die Musik entschieden.

Hattet ihr eine klassische Ausbildung an Instrumenten?

Chelo: Ja, wir haben beide bis ungefähr 16 Unterricht genommen.

Und danach ging’s auf eigene Faust weiter?

Chelo: Man muss da unterscheiden zwischen selbst Musik machen und ein Instrument lernen, vermute ich mal. Aber ich glaub, das hing dann auch mit der Schule, mit Sport und Stress zusammen. Und dann muss man halt mit gewissen Sachen aufhören – bei uns war es halt der Musikschul-Unterricht.

Wie habt ihr dann den Sprung aus der schwäbischen Ödnis nach Stuttgart geschafft? Es gibt ja genug gute Musiker, denen dieser Schritt nie gelingt.

Sam: Alles fing 2010 mit unserer ersten CD "Gute Musik" an. Die machte uns sozusagen bis an die Stadtgrenzen bekannt. Auch lokal wurden wir dann ein bisschen größer – aber nie wirklich außerhalb. Und das folgende Mixtape in diesem Jahr, "ZweiNullZwölf", das haben wir einfach ins Internet gestellt. Die Promotion lief eigentlich nur über Social Media. Keine Ahnung wie die Leute dann darauf gekommen sind ...

Chelo: Wir haben uns einfach bei irgendwas nicht so dumm angestellt oder, positiv ausgedrückt, irgendwas richtig gemacht. (lacht) Online haben wir versucht, das alles ein bisschen wiedererkennbar zu halten. Wir haben beispielsweise überall nur dieses eine Coverbild gestreut. Ob das jetzt in Facebook war oder auf Youtube, als wir die Lieder hochgeladen haben.

Sam: Ein besonderer Aspekt war natürlich: Verkaufen oder umsonst ins Internet stellen? Niemand kauft was, was er nicht kennt. Und so war die Entscheidung klar. Das überall gestreute Artwork hat die Leute wohl neugierig gemacht. Dann konnten sie sich das Mixtape auch noch kostenlos downloaden. Und so hat sich das verbreitet.

Denkt ihr allgemein, dass es heute für junge Künstler ein Weg ist, Material für Umme ins Netz zu stellen?

Beide: Auf jeden Fall.

Chelo: Ich glaube, das hängt sicher auch mit der Qualität zusammen. Besseres verteilt sich halt leichter. Wenn jemand Gefallen an etwas findet, dann teilt er das auch gern.

Sam: Diese Entscheidung ist für manch anderen sicher schwerer als für uns: Chelo hat ein halbes Jahr in Berlin gewohnt. Ich hab dann mal ein Mikrofon zu ihm mitgenommen, wir haben den Raum mit einer Matratze gedämmt. Innerhalb einer Woche haben wir dann das ganze Mixtape aufgenommen. Natürlich hatten wir davor schon ein bisschen was geschrieben, in Berlin noch mal daran gefeilt und dann einfach aufgenommen. So sind uns eigentlich keine Kosten entstanden.

Chelo: Ja, die einzigen Kosten an unserem Mixtape waren eigentlich die Sticker und Flyer, mit denen wir es beworben haben.

Das klingt ja so, als hättet ihr durchaus Ahnung von dem gehabt, was ihr tut?

Chelo: Dadurch, dass ich ja auch schon einige Jahre als DJ auflege, und dadurch schon öfters Veranstaltungen organisiert habe, hatten wir natürlich schon ein Auge fürs Wesentliche was Werbung anbetrifft. Aber dennoch kann man ja nicht wissen, ob so was aufgeht. Erst im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass der Weg, den wir gegangen sind, ganz gut war. Eben nicht nur online zu gehen, sondern auch ein bisschen Print mitzuliefern. Wir haben dann auch hunderte Leute angeschrieben, und gefragt, ob sie Sticker haben möchten. Das hat super funktioniert. Alle wollten unsere Sticker! Dann ist Sam noch alleine los und hat an verschiedenen Unis Aufkleber verteilt.

Sam: Ja, ich bin eine Woche lang von Stadt zu Stadt gezogen (lacht)

"Natürlich wäre es cool, von der Musik leben zu können"


Wie ist Chimperator dann auf euch aufmerksam geworden? Das war ja wohl ein totaler Glückstreffer. Ihr hättet euch doch nichts besseres vorstellen können ...

Chelo: Wir haben uns eigentlich gar nichts vorgestellt.

Sam: Ja, genau. Wir haben das Mixtape gemacht, weil nach unserer ersten Veröffentlichung immer mehr Kumpels gesagt haben: Macht doch mal was Neues! Und das haben wir dann gemacht. Dann gings eben ganz schnell: 100.000 Klicks auf Youtube. Ganz verrückt. Und dann haben sich auch schon Kodimey und Steffen von Chimp bei uns gemeldet.

Ach, die hatten dann schon eure Durchwahl?

Chelo: Naja, das lief eigentlich alles zuerst via Facebook. Darüber haben die dann auch irgendwann unsere Nummer bekommen. Und dann wurden wir eingeladen.

Sam: Wir sind schließlich nach Stuttgart gefahren, haben uns kennen gelernt. Die Stimmung war auch von Anfang an ganz cool. Nicht so à la: 'Komm, wir brauchen dich. Wir haben Cro grade eben auf Gold gebracht', sondern das war von Anfang an eigentlich kumpelhaft. Dann waren wir auch mal feiern mit Carlo und den anderen. Es war einfach alles total entspannt.

Chelo: Jah, so nach dem Motto: "Wir lesen den Vertrag gar nicht mehr durch – wir unterschreiben einfach!"

Ihr hattet doch auch Angebote von Majors. Warum habt ihr euch dann schlussendlich für Chimperator entschieden?

Sam: Wir haben uns auch mit den Vertretern der anderen Labels getroffen. Und die waren auch nett, keine Frage. Aber da hieß es dann halt gleich:'"Der und der wurden bei uns groß!' Sicher hätten wir da auch unsere Freiheiten gehabt, aber das war einfach eine andere Atmosphäre. Mehr Business.

Also ein Bauchgefühl?

Chelo: Bei den anderen gings beim ersten Treffen eben auch schon mehr um Zahlen. Und ums Geschäft.

Jetzt habt ihrs ja auf jeden Fall mal geschafft ...

Sam: ... den ersten Schritt!

Steht denn demnächst ein Album an? Ihr hattet ja bisher noch nix in den Läden.

Sam: Darüber haben wir uns bisher keine Gedanken gemacht. Das ist ja unsere erste Tour und im Frühjahr folgt noch eine. Ein krasses Programm für Newcomer wie uns. Da wärs ein großer Fehler, wenn wir mit dem Kopf nicht voll und ganz bei der Tour wären. Wenn wir uns jetzt schon Gedanken über den nächsten Move oder ein Album machen müssten, dann würde das alles nicht so gut werden. Die Jungs von Chimp haben uns da auch unterstützt. Da hieß es: Macht erst die Tour – dann können wir ja mal über ein Album reden. Irgendwann wird ein Album kommen. Aber bisher haben wir uns damit eben noch nicht befasst.

Ihr habt ja eigentlich beide bis vor kurzem studiert ...

Beide: Wir studieren noch.

Wie kriegt man das denn alles unter einen Hut?

Sam: Urlaubssemester!
Chelo: (lacht) Ja, mehr oder weniger ...

Das heißt?

Chelo: Ich bin noch eingeschrieben, aber geh da zurzeit nicht hin. Nach dem ganzen anfänglichen Trubel schau ich dann halt mal, wies in dieser Hinsicht weitergeht. Aber ich weiß auch, dass man auf jeden Fall nichts überstürzen sollte. Klar, wir sind jetzt auf der Bühne. Doch im Endeffekt haben wir ja noch nichts erreicht. Wir haben ja nicht in den Händen, wie das denn tatsächlich weitergeht.

Stellt man sich denn als junger Musiker noch vor, mit der Musik einmal reich zu werden? Oder, anders gefragt: Müssen sich Künstler damit abfinden, nur noch so viel wie ein Bankangestellter zu verdienen?

Chelo: Das find ich ja schon gar nicht so schlecht. Dafür, dass man seinem Hobby und seiner Leidenschaft nachgehen kann, ist das doch toll. Damit wäre ich auf jeden Fall zufrieden!

Sam: Klar, man träumt davon und denkt sich, wie geil es wäre, davon leben zu können. Oder wenn ich meiner Mama ein neues Auto und ein neues Haus kaufen könnte. In erster Linie sind wir ja noch verdammt jung. Und sind mit Cro auf Tour in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Da wollen wir doch jetzt einfach erst mal Spaß haben!

Braucht ihr trotzdem manchmal jemanden, der euch bremst? Das ging ja bis jetzt alles so schnell!

Sam: Dass wir mit Cro unterwegs waren, war ungefähr das Beste, was uns passieren konnte. Der Typ ist richtig auf dem Boden geblieben. Und so locker, cool und nett. Mit diesen Jungs teilen wir uns den Tourbus und die Backstage-Bereiche. Keine Spur abgehoben und ein so familiäres Klima. Man kann mit Erfolg also immer noch cool sein! (lacht) Für uns also auch ein Ansporn, immer geerdet zu bleiben.

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