laut.de-Kritik

Ein schwarzes Loch zwischen Erhabenheit und Verzweiflung.

Review von

Drei Jahre haben Russian Circles seit dem Erscheinen von "Guidance" verstreichen lassen. Damals bestimmten in vielerlei Hinsicht die unsichere Zukunft und die Frage, wie man sich als musikalische Einheit einerseits, als Individuum andererseits nach vorne bewegt.

Dass die Band dieses Problem anno 2019 gelöst hat und etwas definiertere Wege geht, deutet bereits das Coverartwork ihres siebten Albums an. Die strenge, aufwärts strebende Symmetrie der drei übereinander geschichteten Pyramiden steht stellvertretend für die kraftvoll-homogenen Songs auf "Blood Year". Das atomsphärische, direkt nach vorne treibende Riffing der neuen Hymnen des Post Metal-Trios aus Chicago klingt dank exzellentem Songwriting deutlich energischer als auf den Vorgängerplatten "Guidance" und "Memorial" und steht den wuchtigen, instrumentalen Tracks dank hervorragender Produktion bestens zu Gesicht.

Russian Circle haben die Tracks, anders als bisher gewohnt, nicht fragmentarisch geplant und zusammengesetzt. Alle Stücke basieren auf der Grundlage von gemeinsam in einem Raum und ohne Click-Track in Steve Albinis Electrical Audio-Studio eingespielten kompletten Takes. Ganz bewusst hat die Band im kreativen Prozess darauf Wert gelegt, die Songs mit dem organischen Gefühl und der Dramaturgie einer Live-Show zu entwickeln. Den Job als Produzent hat, wie beim Vorgänger, erneut Converge-Gitarrist Kurt Ballou übernommen, in dessen eigenem Studio Ballou's God City auch die abschließenden Overdubs hinzugefügt wurden.

Als die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm fungiert das stimmungsvoll-melancholische Intro "Hunter Moon". Warme, Reverb- und Echo-getränkte Wiederholungen einer minimalistischen, dennoch raumfüllenden und in die Ferne schweifenden Melodie von Gitarrist Mike Sullivan breiten einen trügerisch ruhigen Teppich aus. Es gilt, ein letztes Mal durchzuatmen, bevor der sperrige Brocken von einem Album Fahrt aufnimmt und die pastorale Stimmung konterkariert.

"Arluck", die erste vorab veröffentliche Single, beginnt mit einem fetten, leicht bedrohlich widerhallenden, Tom-lastigen Beat von Drummer Dave Turncrantz. Der bricht mit seiner Intensität wie ein plötzlicher Donner über die Landschaft herein, um die friedliche Stimmung jäh zu zerstören. Der massive Sound von Basser Brian Cook und Sullivans darüber gespielte und mehrfach geloopte Tapping-Leads vervollständigen das sich langsam, aber unerbittlich steigernde Soundgewitter.

Die so erzeugten idiosynkratischen Arpeggios und Harmonien ergänzen sich bestens mit den schweren Midtempo-Riffs des Songs und den plötzlichen Einbrüchen, aus denen jeweils wieder komplexere Strukturen entstehen. "Hunter Moon" und "Arluck" zeigen gleich zu Beginn hervorragend die Leidenschaft des Trios, mit dem ausgefeilten Spiel mit den Dynamiken von Lautstärke und Intonation imaginäre Klangbilder in Schallwellen zu malen.

In "Milano" agieren Russian Circles wesentlich direkter und legen zur ohnehin schon vorhandenen Schwere nochmals kräftig an Heaviness zu: ein dicht gewebter Song aus einer Fülle an Sludge- und Black Metal-Riffs, die in einem aggressiv nach vorne treibenden Blastbeat kulminieren. Der darauffolgende Breakdown zeigt erneut das ausgeprägte Gespür der Amerikaner dafür, gekonnt mit bissigen dissonanten Attacken und wohlig erhaben wirkenden Einschüben zu spielen.

"Kohokia" beginnt mit einer sehr ruhigen, clean gespielten Gitarre, deren immer wieder sequenziertes Motiv von der stark spannungsgeladenen und aufwühlenden Reibung des Intervalls einer kleinen Sekunde lebt und damit das Spiel mit akzentuiert eingesetzten Dissonanzen fortsetzt. Das sparsame Schlagzeug und die langen Notenwerte des extrem knurrigen Basses erzeugen zusätzlich eine mesmerisierende Wirkung.

Die so entstehende düstere Grundstimmung zieht den Hörer sofort in ihren Bann und, wie ein Krake sein Opfer, in einen tiefschwarzen Schlund aus sich auftürmenden massiven Riffgebirgen. Die Mischung aus weit klingendem Slintschem Unbehagen à la "Spiderland" und aschfahlen Metalriffs, gewürzt mit den für Post Rock und Post Metal typischen Singlenote-Soli zeigt, auf welch hohem Niveau das Trio operiert: ein grandioser Monolith aus sonischen Abgründen.

Etwas Raum zum Durchatmen gibt es mit dem nur auf einer Bariton-Gitarre gespielten, fiebertraumartig und hypnotisch ruhig wirkenden "Ghost On High", das sowohl das Tempo als auch die tonale Schwere herausnimmt und als kurzes Intermezzo dient. Selbstverständlich inklusive massivem Einsatz von Echo und Hall, um die notwendige Tiefe zu erzielen.

Im sich direkt anschließenden "Sinaia" dient diese kontemplative, aber unheilvolle Stimmung als Ausgangsbasis für eine gewaltige Wall Of Sound, die sich langsam aus ruhigen Tremolo-Gitarren schält und sich dabei in einer Verflechtung von erhebenden Melodien und brachialen Riffs stetig zu einem wahren Inferno steigert.

Typischerweise enden die Platten des Trios immer mit etwas ruhigeren Stücken. Nicht so auf "Blood Year": Die Chicagoer denken nicht im Traum daran, den Hörer mit einem friedvollen Idyll zur Ruhe kommen zu lassen. Stattdessen gibt es zum Abschluss mit "Quartered" nochmals einen erbarmungslosen schwermetallischen Klumpen, dessen tonnenschwere Stakkato-Riffs stellenweise fast schon an die Tauchfahrten von Ahab erinnern. Das mächtige Hauptthema verschlingt den Hörer dabei wie ein riesiges schwarzes Loch und lässt einen so schnell nicht mehr los. Rewind!

Auf "Blood Year" gehen Russian Circles einen direkteren, erdigeren Weg als auf den Vorgängern. Sie beweisen eindrucksvoll, dass sie das atmosphärische Spiel mit rhythmischen Finessen und subtiler Steigerung in ihrer ganz eigenen instrumentalen Spielart von Post-Metal auf sehr komplexem Level perfekt beherrschen. Die schweren Tracks auf "Blood Year" sind eine Machtdemonstration, die vor allem live ihre Wirkung nicht verfehlen dürfte.

Trackliste

  1. 1. Hunter Moon
  2. 2. Arluck
  3. 3. Milano
  4. 4. Kohokia
  5. 5. Ghost On High
  6. 6. Sinaia
  7. 7. Quartered

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