laut.de-Kritik

Stagediving im Orchestergraben.

Review von

"Unfollow The Rules" gehört wohl zu den schlechtesten Ratschlägen, die eine von der Corona-Verordnung genervte Nation hören sollte. Singer-Songwriter und Hochkulturvertreter Rufus Wainwright meint es aber gar nicht so. Die Arbeiten am Album begannen vor genau zwei Jahren. An die Pandemie war da noch nicht zu denken.

Wainwright schließt mit der Platte einen Kreis, den er 1998 mit seinem selbstbetitelten Debütalbum öffnete. Dazwischen hat er Opern geschrieben, Popsongs veröffentlicht und die Welt bereist. Nun möchte der 46-Jährige einen komplett neuen Lebens- und Karriereabschnitt beginnen. "Unfollow The Rules" zeigt noch ein letztes Mal, was den Kanadier in den letzten zwei Dekaden zum Fan- und Kritikerliebling machte: (kleine) Meisterwerke, die sowohl mit Text als auch Musik überzeugen.

"There's always trouble in paradise, don’t matter if you're good or bad or mean or awfully nice", heißt es im Eröffnungsstück "Trouble In Paradise". Von Wainwrights ergrautem Vollbart sollte sich niemand täuschen lassen. Nach wie vor strahlt die Musik spitzbübischen Charme aus: "You ain't big if you're little in Texas / Don't know who are who you are, unless you made it in Lawrence, Kansas / Wait a minute, Lawrence, Kansas / Doesn't really matter at all."

Die Pianoballade "Unfollow The Rules" beginnt zwar seicht, gipfelt aber in einem pompös orchestralen Finale. Wainwright nutzt die lauten und leisen Töne. Stimmlich begegnet er diesem Klangspektrum mit hohem Tenor und brummigem Bass. Wie es der Albumtitel verrät, unterwarf er sich beim Musizieren keinen Regeln. Das längste Lied kratzt an der Sieben- und das kürzeste an der Zwei-Minuten-Marke. Keine der 51 Minuten klingt überflüssig.

Wainwright wusste genau, was die Songs brauchen. Die Geige setzt er in "Damsel In Distress" wie eine Gitarre ein. In "Peaceful Afternoon" dürfen dann die sechs Saiten die Hauptrolle spielen. "Hatred" ergänzt er mit elektronischen Elementen. Poppig fällt jedes der Lieder aus. Zwanghaft eingängige Refrains hat Wainwright trotzdem nicht geschrieben. Stattdessen wachsen die Songs mit jedem Hördurchgang.

Mit dem stampfenden Schlagzeug in "Trouble In Paradise" schielt Wainwright auf den verrauchten Rockclub. "You Ain't Big" klingt wie humorvoller Südstaaten-Blues. "Alone Time" riecht mit Chor, Piano und einem Wainwright in Höchstform nach Rotwein-Orgie. Dreckiger Siebziger-Flair trifft auf Konzerthaus-Glamour. Wainwright singt ohne Jackett und mit hochgekrempelten Hemdsärmeln.

"And now that our machine is running at full steam / I pray that nothing shucks a wrench into the matter / But between sex and death and trying to keep the kitchen clean / Remember wild the roses bloom best in ruins forever after", richtet sich Wainwright an seinen Ehemann. Alles auf "Unfollow The Rules" hat Klasse, ohne dabei prätentiös zu wirken. Wenn Corona überstanden ist, kann Wainwright endlich wieder im Orchestergraben stagediven.

Trackliste

  1. 1. Trouble In Paradise
  2. 2. Damsel In Distress
  3. 3. Unfollow The Rules
  4. 4. You Ain't Big
  5. 5. Romantical Man
  6. 6. Peaceful Afternoon
  7. 7. Only The People That Love
  8. 8. This One's For The Ladies (THAT LUNGE!)
  9. 9. My Little You
  10. 10. Early Morning Madness
  11. 11. Hatred
  12. 12. Alone Time

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