laut.de-Kritik

Horror-Rock-Exorzismus, so unbekannt wie unerreicht.

Review von

"Jetzt Schuh, aufwachen, ich stelle eine direkte Verbindung her zwischen dir und der Urkraft des Rock'n'Roll". Wo man Roky Erickson zum ersten Mal gehört hat, bleibt einem für immer im Gedächtnis. In meinem Fall: Ende der 90er Jahre hänge ich mal wieder zu später Stunde und angenehm betäubt in den Seilen und Fängen zweier befreundeter Vinyl- und Geschmacks-Impressarios. Die Nacht ist alt und die Musik meistens auch, aber nach den Stooges, den Lemonheads und der ein oder anderen Tech-House-12" soll ich nun bekehrt werden, nichts weniger als die Essenz des Rock verspricht man mir. Sicherheitshalber umklammere ich meine Bierflasche, denn ich erwarte ungeheuren Druck, "Search And Destroy" aufwärts.

Stattdessen ertönen seltsam zähflüssige, dunkle Riffs: Die "Night Of The Vampire" bricht an und aus heiterem Himmel kreischen meine Kumpels plötzlich unisono "TONIGHT" und führen Veitstänze in Zeitlupe auf. Zugegeben, ich war beeindruckt, anders kann man es nicht sagen, allerdings weniger von Ericksons Performance als von den erratischen Darbietungen meiner Kumpels. Diese Urkraft des Rock'n'Roll hatte ich mir anders vorgestellt. Aber es war eine Zeit, in der ich gerade Gefallen an High-End-Produktionen der Sorte "Powertrip" von Monster Magnet fand, da war mir Roky Erickson mindestens zwei Spuren zu exzentrisch. Später näherte ich mich dem Album, auch dank des QOTSA-Covers von "Bloody Hammer", noch einmal und entdeckte es neu.

Live erwischte ich ihn leider nie, obwohl es zeitlich möglich gewesen wäre. Am 31. Mai 2019 geht Roky Ericksons Leben zu Ende, natürlich in Austin, wo alles begonnen hat. Dort, wo er 1967 "You're Gonna Miss Me" absolut unvergleichlich ins Mikro röhrte, ein Lied, so lebensbejahend, dass es 52 Jahre später schmerzt. Dort, wo er seine großen Erfolge mit den Acid-Rock-Erfindern 13th Floor Elevators feiert, aber auch dreieinhalb Jahre nach diagnostizierter Schizophrenie in eine geschlossene Nervenheilanstalt wandert und dort, wo er sich 1980 mit diesem Klassiker von einem Rockalbum als Solokünstler zurück ins Leben kämpft. Um danach weitestgehend wieder zu verschwinden. Wer Syd Barrets Lebenslauf kennt, erahnt die Dimensionen.

Doch Roky meisterte sämtliche Lebenskrisen, am Ende wurde er wundersamerweise sogar älter als David Bowie und Lemmy Kilmister. Zwei Musiker, deren Hang zu ausschweifenden Genussmitteln er um ein Vielfaches toppte, was in Kombination mit seinen psychischen Erkrankungen katastrophale Folgen hatte. Better living through chemistry? Erickson hat's erfunden.

Sein Einfluss auf die Rockgeschichte muss sich selbst hinter Bowie kaum verstecken, auch wenn der Texaner nicht einmal annähernd so viele Alben veröffentlichte, doch seine wenigen Songs wurden stilprägend. Erickson ist das Paradebeispiel für einen Musiker, den man im englischsprachigen Raum als einen "artist's artist" bezeichnet: Vergöttert von Kollegen, verkannt vom Publikum.

Die Weihen seiner prominenten Fans, zu ausufernd, um sie aufzulisten. Ein Best Of: 2003 reist Jack Black extra zur Filmpremiere von "School Of Rock" nach Austin, um seine Rock'n'Roll-Liebeserklärung von einem Experten evaluiert zu bekommen. Jahre zuvor widerspricht Gitarrist Peter Buck in einem Interview der verbreiteten Übersetzung des Bandakronyms R.E.M., das in Wahrheit für "Roky Ericksons Music" stehe. In den 90er Jahren ist der bärtige Songwriter nur noch Eingeweihten ein Begriff und lebt in den Suburbs von Austin ein Eremitenleben, desinteressiert an weltlichen Dingen wie Sozialkontakten und Körperhygiene. Ein Sampler mit Coverversionen von Fans wie R.E.M., The Jesus & Mary Chain und Butthole Surfers bessert Konto und Reputation auf und Henry Rollins übernimmt kurzerhand die Rechnungen für Ericksons dringend notwendiges neues Gebiss.

Als die Arctic Monkeys 2008 zu Josh Homme in die Wüste fliegen, soll der Sänger sie mit dem Song "If You Have Ghosts" im Auto empfangen haben. Für Mark Lanegan ist er einer der Gründe, warum er überhaupt Sänger werden wollte. Ein Biopic über Ericksons Leben kommt trotz längerer Planungen nie zustande, er favorisiert den langjährigen Fan Jack Black, der schließlich absagt. Laut Erickson weil er "sich nicht imstande sieht, meine Fußstapfen auszufüllen." Und hier beginnt der tragische Teil seines Lebens, eine für die Entstehung von "The Evil One" leider unabdingbare Vorgeschichte.

Sein Aufenthalt im Rusk State Hospital For The Criminally Insane, ursprünglich ausgelöst durch eine Verhaftung wegen des Besitzes eines einzigen Marihuana-Joints, erweist sich als Fluch für den Menschen Roky Erickson und als Segen für den Komponisten. Erschreckend nah an der literarischen Vorlage "Einer flog über das Kuckucksnest" versucht man seine Schizophrenie mit einer Elektroschocktherapie zu heilen. Erickson verlässt die Hölle gezeichnet, aber mit überbordenden Kreativitätsschüben.

Als Creedence Clearwater Revival-Bassist Stu Cook, dessen engelsgleiche Geduld mit Erickson diese Platte überhaupt erst möglich macht, zum ersten Mal "Two Headed Dog (Red Temple Prayer)" hört, ist er angefixt und weicht jahrelang nicht vom Plan ab, den schlingernden Psychedelic-Rock-Helden wieder in die Spur zu bekommen. Leider nehmen auch Ericksons Depressionen und paranoide Erscheinungen merklich zu. Zudem rutscht der Endzwanziger wieder in alte Heroin- und Speed-Abhängigkeiten, nennt sich in der dritten Person Reverend und behauptet, ein Außerirdischer zu sein (er habe Beweisdokumente). Selbsternannte Freunde jubeln ihm das früher täglich eingenommene LSD heimlich unter, zu viel für Ericksons Organismus. Tagelange Aussetzer sind die Folge, in denen er sich mitunter nur noch an Refrainzeilen seiner Songs erinnert.

Aus all diesen Gründen kommt er wohl auch auf den Bandnamen Bleib Alien, den er damit erklärt, dass ihm das Anagramm Bleib/bible gefalle, außerdem die deutsche Bedeutung des Verbs "bleiben" und die Ähnlichkeit der Worte Alien und allein, woraus man die Übersetzung "allein bleiben" herleiten könne. Nur ein Beispiel für Ericksons stringente Denkstrukturen jener Zeit. 1975 überreden ihn wohlgesonnene Freunde, den Namen für seine Begleitband in The Aliens zu ändern und seinen eigenen Namen voran zu stellen.

Seine Musik, was soll man sagen? "The Evil One" ist die Blaupause von erdigem Punk'n'Roll, mit der Muttermilch aufgesogen von Generationen legendärer Bands, angefangen bei den Misfits über die Queens bis hin zu Turbonegro und den Hellacopters, aber auch Gleichaltrige wie Billy Gibbons und Patti Smith verfallen seinen Songs.

"Die besten Melodien schickt mir Buddy Holly von oben", ist eines der wenigen Erickson-Zitate, die in einem klaren Moment fallen. Denn die Unschuld und Zeitlosigkeit des frühen 50er Jahre-Rock'n'Roll durchweht seine Melodien, die Roky mit dem Furor der Kinks und Yardbirds hinaus schleudert und mit seiner einmaligen Stimme krönt, die häufig als Amalgam von Robert Plant und Mick Jagger nur höchst unzulänglich gepriesen wurde.

Ericksons Stimme heult wie ein Werwolf, sie bellt, fräst, stürmt - sie ist ein Urschrei. Hinzu kommen Texte, die den schmalen Wahrnehmungshorizont von uns Normalsterblichen sprengen. Ob es Zufall ist, dass diese Musik von einem Ort stammt, an dem der Horrorklassiker "Texas Chainsaw Massacre" abgedreht wurde? Wie auf so viele Fragen bleibt uns Roky erneut Antworten schuldig, aber womöglich macht dies seine Kunst nur großartiger.

Begeistert von H. G. Wells und B-Movies entlädt er all seine Vorlieben, Halluzinationen und Leidenserfahrungen in 15 Songs voller Dämonen, Engel, Teufel, Vampire, Zombies, Bestien und Geistern. "The Evil One" ist sein Exorzismus. Mit "Two Headed Dog (Red Temple Prayer)" legt er gleich mit einem veritablen Klassiker los, Duane Aslaksens messerscharfe Riffs und Fuzzy Furiosos Drumming betonieren das Fundament einer Geschichte über einen Zerberus im Kreml. Nicht minder kraftvoll, dafür eine Spur manischer: "I Think Of Demons", fünf Powerchords für die Ewigkeit.

"The Evil One" legt eine irrwitzige Hitdichte offen: "It's A Cold Night For Alligators", "Bloody Hammer", "Mine Mine Mind" - Zeit zum Verschnaufen bleibt kaum. In "I Walked With A Zombie" bringt Erickson es fertig, im Text nichts anderes als den Songtitel zu wiederholen, ohne auch nur eine Sekunde zu langweilen. Wie schwer das ist, lässt sich am R.E.M.-Cover von 1990 nachprüfen. In "If You Have Ghosts" klingt er betont grimmig und sein Bekenntnis "If you have ghosts / you have everything" wirft noch mal einen düsteren Schatten auf sein Innenleben. Papa Emeritus wählt den Song aus naheliegenden Gründen für ein Ghost-Cover aus und streicht das Plural-s.

1980 ist der Platte unfassbarerweise kein Erfolg beschieden, offenbar auch aufgrund von Ericksons Zustand. Nur mit Mühe kann er überredet werden, für Interviews nach Europa zu fliegen. Am Tag vor den wichtigen Presseterminen verschwindet Roky mit seiner neuen Freundin nach Stonehenge, zurück kommt er zum Entsetzen seines Managers Craig Luckin "als völlig anderer Mensch". Sein Verhalten am Interviewtag lässt auf einen LSD-Rückfall schließen. Luckin ist schwer enttäuscht: "19 von den 20 Interviews, die er gab, waren ein totales Desaster. Sie haben das Album gekillt."

1980 erscheint es als Roky Erickson & The Aliens in einer Version mit zehn Songs in Großbritannien, im Folgejahr dann in den USA als "The Evil One" mit ebenfalls zehn Songs, von denen sich aber fünf Songs unterscheiden. Mal wieder ist es das Connaisseur-Label Light In The Attic in Seattle, wo das Album 2013 erstmals mit allen 15 Songs aus den Stu Cook-Sessions erscheint, 2021 für Vinylfreunde in einer purpurnen Picture-Version mit toller Gravur des two-headed dog auf Seite 4.

In den 80er Jahren verschlimmert sich sein Zustand, er verlässt kaum noch das Haus, seine Mutter verweigert ihm die nötige Medikation gegen seine schizophrenen Schübe und Erickson entwickelt einen seltsamen Brief-Fetisch. Er stiehlt die Post der Nachbarn und schreibt wirre Briefe an Rechtsanwälte und Stars, lebendig oder tot. Erst sein jüngerer Bruder Sumner ebnet Roky in den 90er Jahren den Weg zurück ins Leben. 2010 erscheint sein melancholisches Abschiedswerk, das er mit Okkervil River aufnimmt. Der Titel klingt wie ein später Sieg über seine früheren Dämonen: "True Love Cast Out All Evil".

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Two Headed Dog (Red Temple Prayer)
  2. 2. I Walked With A Zombie
  3. 3. Night Of The Vampire
  4. 4. It's A Cold Night For Alligators
  5. 5. Mine Mine Mind
  6. 6. Sputnik
  7. 7. White Faces
  8. 8. I Think Of Demons
  9. 9. Creature With The Atom Brain
  10. 10. The Wind And More
  11. 11. Don't Shake Me Lucifer
  12. 12. Bloody Hammer
  13. 13. Stand For The Fire Demon
  14. 14. Click Your Fingers
  15. 15. If You Have Ghosts

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