laut.de-Kritik

Wenn Narzissten über Narzissten singen ...

Review von

Wann immer die Weltgemeinschaft am Abgrund herumtänzelt, erhebt sie sich: Die eine ewig belehrende, nicht selten aber auch selbstüberschätzende Stimme der Vernunft. Ob Falklandkrieg 1982 ("The Final Cut"), Mauerfall 1989 ("The Wall: Live In Berlin") oder Präsidentschaftswahl 2016: Onkel Roger weiß Rat.

Dass Waters' frischgebackener Lieblingsantagonist am Tag des Albumreleases den Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen ankündigt und seiner bisherigen Amtszeit damit die Krone aufsetzt, hätte sich aber vermutlich nicht einmal der ehemalige Pink Floyd-Genius träumen lassen.

Zum Glück bietet Good Ol' Donald ja auch sonst genug Angriffsfläche. Trump ist der personifizierte "big man, pig man", einer der "fucked up old hags", die Waters schon vor satten 40 Jahren auf "Animals" besang. Und so verschönert Trumps prägnant-dilettantische Rhetorik auch gleich die ersten Sekunden des Titeltracks. "I mean it's story, after story, after story is bad. I won. I won. And the other thing, chaos. There's zero chaos. We are running. This is a fine-tuned machine."

In seiner Sturheit erinnert der US-Präsident dabei aber von Zeit zu Zeit auch an den hiesigen Ankläger selbst. Und so veranschaulicht Waters, der bis heute regelmäßig die mangelnde Anerkennung seines 25 Jahre zurückliegenden letzten Studioalbums "Amused To Death" beklagt ("Completely underrated!"), was geschieht, wenn Narzissten über Narzissten singen.

Es ist und bleibt eine Hassliebe zu diesem verdammten Amerika. Lautstark beklagt Waters, seit Jahren selbst treuer US-Bürger, in "Broken Bones" den Verrat an "Mistress Liberty" und defragmentiert den American Dream. Gewiss nichts Ungehörtes, verbunden mit der emotionalen Aufarbeitung der Geschichte des ertrunkenen Flüchtlingskindes Aylan Kurdi ("The Last Refugee") und der ewigen Forderung nach globaler Einigkeit ("Is This The Life We Really Want?") aber die starke, semi-pessimistische Bestandsaufnahme einer zerrütteten Welt. Das in den letzten Jahren intensivierte Israel-BDS-Engagement erhält dankbarerweise weniger Einzug, einzig "Wait For Her" enthält klare Referenzen an den PLO-Dichter Mahmud Darwisch.

Neben Waters gewohnt blumiger, aber stets polemischer Textarbeit handelt es sich bei "Is This The Life We Really Want?" aber vor allem um eines: Die Umsetzung des feuchten Traums von Radiohead-Produzent Nigel Godrich, sich sein ganz persönliches Pink Floyd-Album zusammenzuschustern. Ein paar Bausteine gefällig? Nun, da hätten wir beispielsweise pumpenden Delay-Bass mit "One Of These Days"-Eruptionen ("Picture That"), ein Amalgam von verwaschenen "Animals"-Interludien mit durchaus netten Leslie-Rotationen ("Bird In A Gale"), garniert mit allgegenwärtigen "Welcome To The Machine"-Retrosynth-Einsprengseln.

Alles gerechtfertigt, alles kurzweilig und durchaus hörbar. Prägnant heraus sticht dabei insbesondere der flache Schlagzeug-Sound, beigesteuert von Atoms For Peace-Drummer Joey Waronker. Der gänzliche Verzicht auf sein spätestens seit der Wall-Tournee fest eingespieltes Musikerteam zeigt, wie viel Spielraum Egomane Waters seinem Kollaborationspartner Godrich hier bereitwillig einräumt. Umso bezeichnender, dass sich Waronker 54 Minuten lang dem – versöhnlich ausgedrückt – beschränkten Stil von Floyd-Drummer Mason anpasst, wie nicht zuletzt das "Have A Cigar"-Plagiat "Smell The Roses" zeigt. Hauptsache retro.

Doch ein Nick Mason ist nun mal einfach leichter zu ersetzen als ein David Gilmour. Fand Waters in der Vergangenheit Lückenbüßer in Form von High-Class-Gitarristen wie Jeff Beck, Andy Fairweather Low oder Eric Clapton himself, hält sich der hier engagierte Father John Misty-Klampfer Jonathan Wilson meist vornehm im Hintergrund. Abgesehen vom erwähnten "Smell The Roses" schwurbelt sich die Gitarre höchstens einmal in "Bird In A Gale", "Broken Bones" und "Wait For Her", einer von gefühlt zwanzig Halbballaden, in den Vordergrund. Zumindest letztere knüpft dabei etwas an die späten Gilmour-Einspickungen der "The Final Cut"-Ära an.

Dabei standen ebenjenem finalen Floyd-Album mit Waters' Beteiligung die simplen, repetitiven Akkordstrukturen äußerst gut zu Gesicht. Strukturell der späteren Soloarbeit durchaus ähnelnde Stücke wie "The Fletcher Memorial Home" und "Your Possible Pasts" leben geradezu vom Wechselspiel aus stetigen Gitarrenausbrüchen und Waters' stimmbandstrapazierendem Dauergejammer. Doch nicht ohne Grund überlässt der Ü70er seinen Klagegesang live immer häufiger den Backing-Tracks.

Stattdessen navigiert Waters insbesondere in der zweiten Hälfte mit meist tiefer Grummelstimme durchs Album. Ein archaischer Erzählstil, der dem geneigten Floyd-Hörer spätestens seit dem "Animals"-Mantel "Pigs On The Wing" vertraut sein sollte. Simple Wandergitarren-Akkorde, die den Fokus in erster Linie auf die Lyrik legen. Kann man mal machen. Kann man sogar zwei Jahre später für "Mother" ("The Wall") eins-zu-eins wiederholen. Und wenn man 40 Jahre später eine Singleauskopplung namens "Déjà Vu" aus ebenjenen Akkordfolgen und einem Hauch "Wish You Were Here" zusammenkloppt, darf der verblendete Fan das vielleicht noch unter "Hommage" einordnen. Wenn aber diese Kopie einer Kopie einer Kopie zum Eckpfeiler für nicht weniger als vier Stücke eines im Jahre 2017 erscheinenden Soloalbums wird, entpuppt sich das vermeintliche Schwelgen in Nostalgie irgendwann auch ganz schnell als schiere Dreistigkeit.

Seinen Märchenerzähler-Charme und seine pseudo-aufklärerische Weisheit setzt Waters dabei gekonnt in Szene wie eh und je. Letzten Endes sind es darum insbesondere auch Godrichs verzweifelte Versuche, die häufige Abwesenheit jeglicher Lead-Gitarren mit Orchestrierungen zu überdecken, die "Is This The Life We Really Want?" hinter Waters früheren Erfolgen zurückbleiben lässt. Eine schwierige Aufgabe, die Tausendsassa Patrick Leonard auf "Amused To Death" und Filmkomponist Michael Kamen auf "The Final Cut" mit wesentlich größerer Bravour meisterten.

In den finalen Zeilen jenes letztgenannten Floyd-Albums von 1983 mahnte Waters übrigens vor dem nuklearen Holocaust. Viel geändert hat sich in den 34 vergangenen Jahren scheinbar nicht. Und somit steht das Schaffen des 73-jährigen Dauercholerikers ja im Grunde exemplarisch für die politische Weltlage. Feels like déjà vu.

Trackliste

  1. 1. When We Were Young
  2. 2. Déjà Vu
  3. 3. The Last Refugee
  4. 4. Picture That
  5. 5. Broken Bones
  6. 6. Is This The Life We Really Want?
  7. 7. Bird In A Gale
  8. 8. The Most Beautiful Girl
  9. 9. Smell The Roses
  10. 10. Wait For Her
  11. 11. Oceans Apart
  12. 12. Part Of Me Died

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14 Kommentare mit 8 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Es sind genau die kleinen Unterschiede zu The final cut und auch den Soloalben, die hier den Unterschied ausmachen. Musikalisch wie immer auf sehr hohem Niveau, kommen diesmal aus der Produktion neue und wichtige Elemente dazu, die den Kontext erst heraus holen. Das Mastering ist hervorragend, der Grundsound stimmig. Für mich ein sehr gutes Album, dass exakt die eigene Weltanschauung von Waters wiedergibt. Man mag das bombastisch nennen oder auch bekannt, aber das macht es letztendlich aus. Man sollte allerdings nach dem ersten Durchhören die Lyrics dazu nehmen und dann Stück für Stück erarbeiten. Ganz leichte Kost ist es nämlich nicht. Und noch ein Tipp: besser unkomprimiert hören!

  • Vor 2 Jahren

    Grad zum dritten Male am Stück gehört und bin schwer begeistert. Endlich mal wieder ne' Platte wo sich jeder Euro voll lohnt ! In Zeiten von Bohlens ständigen "Superstars" Retorten wahrlich ein SUPERSTAR !!
    Mann/Frau sollte aber schon Pink Floyd Liebhaber sein; da kommt dann der volle Genuß rüber. Die Bezüge zu Animals oder Final Cut stören mich überhaupt nicht. Das die Welt seit damals noch beschissener geworden ist schon viel mehr.
    Wie der Musikexpress schrieb (Zitat) 'This is the Pink Floyd we really want.' Sehr sehr gelungen diese Werk - 20 von möglichen 10 Punkten.

  • Vor einem Jahr

    Der Autor reiht sich mit seiner Kritik ein in die ewig gleiche belehrende und moralisierende Litanei der Medien über Roger Waters Weltanschauung. Dann kann man den Rest von vermeintlicher sachlicher Kritik schon nicht mehr ernst nehmen. Es muss einem ja nicht passen, was der Mann zu sagen hat, aber dann soll der Autor seine Ansichten doch besser auf Facebook oder anderen Klatsch-, Selbstdarstellungs- und Empörungsnetzwerken verbreiten, aber das Ganze doch nicht als fachmännische Plattenkritik tarnen.

    Wird denn durch Medien in diesem Land nur noch gleichgeschalteter polarisierender Müll verbreitet?