laut.de-Kritik

Fuck you, Kommerzlinge! Prog-Pop für die Masse.

Review von

Porcupine Tree. Oder sollte man doch lieber Steven Wilson drüber schreiben? Letztendlich kommt es wohl auf dasselbe raus. Ob nun unter eigenem Namen oder unter dem Deckmantel eines Bandprojektes, das worum es hier gehen soll, bricht sich herunter auf einen Mann und sein Verständnis von Musik. Jedenfalls den Teil davon, der ihn zum essenziellen Bestandteil der heutigen Musiklandschaft macht: Seine Art der Verknüpfung von Pop und Prog.

"In Absentia" ist dabei ein Startpunkt in mehrerlei Hinsicht: Das Album markiert den Beginn der Zusammenarbeit Porcupine Trees mit Drummer Gavin Harrison, der projekt- und aufgabenübergreifenden Partnerschaft zwischen Steven Wilson und Artwork-Künstler Lasse Hoile und zum ersten Mal erreicht Wilson den Sound, für den er bekannt wurde, in Reinform – auf den Punkt gebracht, konzentriert, ohne Ballast. Pop-Songs im Prog-Gewand oder umgekehrt. Porcupine Tree singen vom Untergang der Musik in den lieblichsten Melodien und knüpfen Serienmörder-Lyrik an lebensbejahende Ohrwurm-Hooks. Wilson fühlt sich wohl im La-La-Land und wirft mit "Didididi" und "Dadadada" um sich, während er regelmäßig mit Metal-Riffs zarte Akustikgitarren-Flächen zertrümmert.

Wohl nicht unwesentlichen Anteil an der Ausrichtung des Albums hatte eine Periode, die in der zweijährigen Übergangszeit zwischen "Lightbulb Sun" und "In Absentia" angesiedelt ist: Die Produktion von Opeths "Blackwater Park". Die hier ihren Anfang nehmende und später in "Storm Corrosion" gipfelnde Kollaboration zwischen Wilson und Mikael Åkerfeldt öffnete nicht nur Opeth neue Pforten, sondern freilich auch Porcupine Tree. Der direkte Kontakt mit der härteren Szene schlägt sich bereits im Opener "Blackest Eyes" nieder, wo sich Vorschlaghammer-Komplexität mit Britpop-Simplizität balgt. Erstere zehrt vor allem von Präzision und Variabilität des damaligen Bandneulings am Schlagzeug, Gavin Harrison, letztere von der Pragmatik und gleichzeitigen Vielschichtigkeit der Lyrics.

"A mother sings a lullaby to a child / Sometime in the future the boy goes wild", "It's so erotic when you're make-up runs." – Unschuld gegen Wahnsinn, Erregung gegen Angst und Trauer, ein Spiel mit Perspektiven, Motivationen und der Faszination für das Abgründige, die in Poetik voller skizzenhaftem Realismus mündet. Der lyrische Rahmen findet seine Entsprechung in der stetig ambivalenten Musik. Das gilt zwar albumübergreifend, doch "Blackest Eyes" steht prototypisch dafür. Die oberflächlich schwereloses Balladenflair ausstrahlende Strophe konstruieren Porcupine Tree als doppelten Boden – Steven Wilsons klare Vocals unterwandert Live-Gitarrist John Wesley mit gespenstischem Murmeln und Flüstern.

Zwischen all die Psychostudien schiebt sich ein Song, dessen Thema zunächst so gar nicht dazulassen möchte: "The Sound Of Muzak". Doch auch hier singt Wilson in gewisser Weise von Mord, von Manipulation, von zerbrochenen Existenzen: Er sieht die Verdrängung einer Spezies, der Spezies gehaltvoller Musik, herbeigeführt durch leblosen Kaufhaus-Soundtrack, statistisch ermittelte Konsumsättigung. Einst Kunst und lebendiges, selbsterfüllendes Unterhaltungsaggregat, nun degradiert zum Mittel zum Zweck, nur noch künstliches Handlungsaggregat: "The music of rebellion makes you wanna rage / But it's made by millionaires who are nearly twice your age".

"Elevator prozak", nennen Porcupine Tree das, "only meant to repress and neutralize your brain", kurz bevor sie die Mittel des erklärten Feindes selbst anwenden, um im Refrain den Kontrapunkt zur Vollendung zu bringen: Fuck you, Kommerzlinge, so schreibt man eingängige Hooks! Bloße Schwarz-Weiß-Metaphorik umgeht Wilson, indem er die angesprochene Haltung mehr aus einer beobachtenden Position heraus einnimmt. Sein Kopfschütteln gilt weniger den ausnutzenden Aktiven als vielmehr der breiten, tatenlosen Konsumentenmasse: "One of the wonders of the world is going down / It's one of the blunders of the world that no one cares / No one cares enough".

Instrumental brilliert erneut Gavin Harrison am Schlagzeug, der das kreisförmige Feeling des zentralen Gitarrenmotivs in sein Spiel übersetzt und seine Betonungen so setzt, dass das Pattern als ein endlos fließendes erscheint. Die Mitstreiter Colin Edwin und Richard Barbieri sollten ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Ersterer prägt nicht nur ".3" und "The Creator Has A Mastertape", sondern teilt sich mit Wilson den Songwriting-Credit für "Strip The Soul". Darin rücken Porcupine Tree kurz vor Ende des Albums ihren Pop-Appeal einmal recht deutlich in den Hintergrund (nicht jedoch den Groove), geben sich völlig dem Abyss menschlicher Machtsucht hin und kappen folgerichtig im letzten Part die Rock-Roots, um drückenden Noise-Doom zu zelebrieren. Dadurch meisterhaft in Szene gesetzt: der Closer "Collapse The Light Into Earth", der wie eine Raupe aus dem Kokon gekrochen kommt, jedwede Härte abstreift und dem vielleicht poetischsten Songtitel ever musikalisch alle Ehre macht.

Zu Barbieri: Ihm gebührt die Co-Autorschaft beim Instrumental "Wedding Nails". Wie Edwins "Strip The Soul" ein weiterer deutlicher Gegenpunkt zur ansonsten vorherrschenden Pop-Feier. In "Wedding Nails" dreht Wilsons Gitarre im Solo völlig am atonalen Rad, die Band schraubt am Tempo und fügt Störgeräusche ins Konstrukt ein, die schließlich zum Kollaps führen und Barbieri allein im Horror-Keller zurücklassen.

Auf den Vorgängeralben probierte sich Wilson noch aus, reckte seine Fühler in diverse psychedelische, elektronische, gerne twisted und auch sanfte Gefilde aus. Durchaus vergleichbar mit der experimentellen Herangehensweise eines David Bowie. Die auf "In Absentia" gefundene, pointiert gesetzte Härte hilft Porcupine Tree dabei, alles zu bündeln und in (an der Oberfläche) leicht verdauliche Häppchen zu verpacken: Wie die "Blackest Eyes"-Gitarren durch die Singer/Songwriter-Teile des Stücks schneiden, kann man sich ruhig bildlich vorstellen. Progressive Metal serviert im Pop-Format ist das Alleinstellungsmerkmal, das bis heute wohl noch kein anderes Album konsequenter und überzeugender vorführen konnte als "In Absentia".

In Steven Wilsons weiterer Diskographie findet sich bis dato kein Werk mehr, das diese Zusammenkunft derart kompakt präsentierte. Denn so wie die Prä-"In Absentia"-Ära sich in die hier besprochene Platte zuspitzte und "In Absentia" damit als Ziellinie gelten kann, so steht es gleichermaßen auch als Startpunkt. Zwar stellten Porcupine Tree "Trains" bald eine weitere nahezu perfekte Pop-Ballade zur Seite, doch der Trend geht angefangen mit "Deadwing" wieder weiter weg von handlicher Kompaktheit, hin zu längeren, verzweigteren Songstrukturen: "Arriving Somewhere But Not Here", "Anesthetize" („Fear Of A Blank Planet“) oder der dahingehende Gipfel "The Incident" wären auf "In Absentia" niemals denkbar gewesen – allerdings wohl auch nicht ohne dessen Vorarbeit.

Ähnliches gilt für die späteren Wilson-Solo-Platten. "The Creator Has A Mastertape" stellt sowohl textlich als auch musikalisch mit trockenem Groove und Sprechgesang das Quasi-Prequel zu "Index" von "Grace For Drowning" dar. Das vom verästelten Vocal-Arrangement getragene "Heartattack In A Layby" könnte auf demselben Album stehen.

Mag sein, dass Wilson erst mit "The Raven That Refused To Sing (And Other Stories)" oder "Hand. Cannot. Erase" seinen kreativen (und qualitativen) Höhepunkt erreichte. Mag sein, dass der 2017 erschienene Song "Pariah" in Sachen Pop das bisher höchste aller Gefühle im Wilsiversum darstellt. Mag aber ebenso sein, dass ohne "In Absentia" nichts davon entstanden wäre. Einerseits aus stilistischen Gründen, andererseits, weil erst mit diesem Album Wilson und Porcupine Tree der Prog-Welt ihren heute unverkennbaren Stempel aufdrücken konnten. Denn wohl auch in Zukunft bleibt "Trains" der Song, um Prog-Fremde zu bekehren. Und das obwohl er in dieser Review eigentlich viel zu kurz kommt...

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Blackest Eyes
  2. 2. Trains
  3. 3. Lips Of Ashes
  4. 4. The Sound Of Muzak
  5. 5. Gravity Eyelids
  6. 6. Wedding Nails
  7. 7. Prodigal
  8. 8. .3
  9. 9. The Creator Has A Mastertape
  10. 10. Heartattack In A Layby
  11. 11. Strip The Soul
  12. 12. Collapse The Light Into Earth

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