3. August 2006

"Seit ich zwölf war, hatte ich nur zwei Hobbys: Wichsen und Musik"

Interview geführt von

Nachdem die Gitarre lange Zeit nur eine untergeordnete Rolle für Ville Laihiala spielte, hat der Riese aus Finnland auf "Escapexstacy" fast alle Songs alleine geschrieben und auch alle Gitarren eingespielt ...Als Sänger von Sentenced hat sich Ville Laihiala einen ausgesprochen guten Namen gemacht und fünf erstklassige Alben veröffentlicht. Sentenced wurden 2005 leider zu Grabe getragen, doch Fans des schwarzhaarigen Hünens müssen nicht traurig sein. So hat der Finne doch schon seit 2003 mit Poisonblack ein zweites Eisen im Feuer. Davon erscheint dieser Tage das zweite Album "Lust Stained Despair", zu dem Ville dem laut.de-Redakteur Rede und Antwort steht. Dass dabei auch das Thema Sentenced zur Sprache kommt, ist kaum zu vermeiden.

Mahlzeit! Ich hoffe mal, dass du ein Zimmer mit Klimaanlage bekommen hast. Bei mir ist es gerade gefühlt 75 Grad heiß und ich weiß gar nicht, wohin ich zuerst schwitzen soll.

Klingt nicht gut. Ich habe Glück, denn hier ist es dank der Klimaanlage angenehm kühl. Ich habe aber jetzt schon keinen Bock, nachher überhaupt wieder vor die Tür zu gehen.

Kann ich mir vorstellen. Als wir uns vor 14 Monaten über das letzte Sentenced-Album "The Funeral" unterhalten haben, und ich dich fragte, wie du dich fühlst, sagtest du mir ich solle dich in ein paar Monaten noch mal drauf ansprechen, wenn sich das in deinem Bewusstsein einigermaßen gesetzt hat. Also – wie fühlst du dich?

Hm, immer noch schwer zu sagen. Wie du schon sagst, die Sache mit Sentenced hat sich etwas gesetzt, die Tatsache, dass es tatsächlich vorbei ist, ist inzwischen jedem von uns klar geworden, und auch wenn wir immer noch eine gewisse Trauer darüber verspüren, sind wir doch auch nach wie vor glücklich damit. Es ist nun einfach wesentlich einfacher, in die Zukunft zu sehen, wenn du eine Sache erst mal endgültig abgeschlossen hast.

Also fühlt ihr nach wie vor kein Bedauern darüber, die Band zu Grabe getragen zu haben?

Bedauern ist das falsche Wort, aber wie ich schon sagte, eine gewisse Trauer ist natürlich nach wie vor vorhanden. Wir haben aber alle die Zeit genutzt, um in uns zu gehen und uns mit dem Beschluss und der Tatsache auseinander zu setzen. Wir können alle damit umgehen und sind sehr stolz auf das, was wir mit Sentenced erreicht haben. Wenn ich zurückblicke, kann ich das mit einem Lächeln im Gesicht machen. Da ist keine Bedauern und keine Zweifel an dem, was wir getan haben. Klar vermissen wir bestimmte Dinge, die mit der Band zu tun hatten, aber es ist nun mal aus und vorbei, und genau so wollten wir es haben.

Bist du mit den anderen noch in Kontakt?

Klar, was denkst du denn? Wir telefonieren regelmäßig miteinander. Zwar nicht so oft, wie das früher der Fall war, aber das ist schon ok so.

Im letzten Interview sagtest du auch, dass du nach der Veröffentlichung der nächsten Poisonblack-Scheibe erst mal eine längere Pause vom Musicbiz brauchst. Verfolgst du diesen Plan immer noch?

Naja, irgendwie schon, aber dann wieder doch nicht, hahaha. In meinem Privatleben haben sich die Dinge auch ein wenig gesetzt, so dass sich mein Job als Musiker bei Poisonblack lange nicht mehr so negativ auf mein Familienleben auswirkt, wie das früher noch der Fall war. Es fällt mir inzwischen wesentlich leichter, die Dinge einfach so zu organisieren, dass beide Welten ihren Platz haben und keine davon zu kurz kommt. Sollte ich aber irgendwann das Gefühl haben, dass meine Familie unter der Bandsituation leidet, werde ich meinen Job als Musiker recht schnell aufgeben. Meine Prioritäten sind also definitiv gesetzt.

"Ich hatte ziemliche Alkoholprobleme, deswegen die lange Pause."


Als "Escapexstasy" raus kam, sagtest du, dass J.P. von Charon die erste Wahl in Sachen Sänger sei. War es von vorne herein klar, dass er nur dieses eine Album einsingen würde, oder hättest du ihn auch gerne weiter dabei behalten?

Eigentlich sollte J.P. sogar nur auf den Demos singen, die wir damals aufgenommen hatten. Als wir dann den Deal mit Century Media bekamen, fragte ich ihn, ob er nicht auch auf dem Album singen und vielleicht auch eine Tour mitfahren wolle. Er war damit einverstanden, hat aber eigentlich von Anfang an klar gemacht, dass das für ihn nur eine Nebenbeschäftigung ist. So waren wir nicht sonderlich überrascht, als er seinen Ausstieg bekannt gab. Es war nie wirklich geplant, dass er der Band als vollwertiges Mitglied beitritt. Das wäre zwar schön gewesen, kam für ihn aber nie in Frage. Letztendlich hatten Charon immer Priorität, und das haben wir akzeptiert. Immerhin war das bei mir und Sentenced ja auch nicht anders.

So weit ich mich erinnern kann, hast du die Band doch mit Janne Kukkonen gegründet. Warum ist der denn ausgestiegen?

Janne wollte sich einfach auf andere Dinge in seinem Leben konzentrieren. Da steht überhaupt keine große Geschichte dahinter. Das Leben als aktiver Musiker ist für ihn eben nicht mehr so wichtig oder hat zumindest anderen Prioritäten Platz gemacht, und das respektiere ich vollkommen.

Somit bist du also das einzige Urmitglied von Poisonblack?

Nö, wir haben immer noch den selben Drummer und den selben Keyboarder. Im Prinzip sind nur zwei Neue in der Band, ein neuer Basser und ein zweiter Gitarrist.

Ach so, naja, auf dem Debüt wurden nur du, Janne und J.P. namentlich erwähnt, von daher hatte ich keine Ahnung, wer da sonst noch gespielt hat ...

Ja, das lag einfach daran, dass Tarmo (Kanerva, Drums) und Marco (Sneck, Keys) damals nur als Session-Musiker geplant waren. Die Situation hat sich aber recht schnell nach den Aufnahmen geändert, die beiden sind fest eingestiegen. Schon kurz nach den Aufnahmen war uns klar, dass wir das nun weniger als Projekt, sondern viel mehr als Band ansehen wollen.

Haben sie dann auch Einfluss auf's Songwriting?

Nicht direkt. Wir proben die Songs ja zusammen, und bei den Arrangements haben sie natürlich Mitspracherecht, aber momentan bin ich noch der Hauptsongwriter. Allerdings hat unser neuer Gitarrist Janne Markus den Song "The Darkest Lie" geschrieben. Wenn es tatsächlich noch ein drittes Album von Poisonblack gibt, wird er sich deutlich mehr am Songwriting beteiligen.

Klingt ja nicht schlecht, aber das wenn das so lange dauert, wie mit "Lust Stained Despair", dann gut Nacht. Immerhin habt ihr auf euerer Homepage die Scheibe mal für Oktober 2004 angekündigt.

Öhöm, ja, das war schon ein wenig ungeschickt. Das Album wurde zum größten Teil schon im Frühling 2004 aufgenommen, dann kamen aber ein paar Sachen dazwischen. Ich hatte ziemliche Alkoholprobleme, mit Sentenced waren wir dabei, unsere Karriere zu beenden. Da kam einfach einiges dazwischen, und somit hat sich das immer weiter nach hinten verschoben. Aber nun ist es ja fertig, und ich denke, die Zeit hat der Scheibe definitiv gut getan. 2004 hätte sie sich wohl noch deutlich anders angehört.

Ich habe gelesen, dass ihr in diesem Frühjahr noch ein paar Songs zusätzlich aufgenommen habt?

Stimmt, wie haben noch mal drei neue Songs aufgenommen und auch bei den anderen Sachen ein paar Keyboards verändert oder neu eingespielt.

Die Texte scheinen ja mal wieder recht persönlich zu sein, soweit ich das beurteilen kann.

Ja, auf jeden Fall. Ich hatte zu der Zeit mal wieder jede Menge aufzuarbeiten. Sowohl schlechte als auch gute Erlebnisse, und da bieten sich Texte nun mal an. Das war eine Zeit, in der ich mich ziemlich viel mit mir selbst beschäftigt habe, und das war nicht immer schön, hahaha. Wenn ich mir die Sachen jetzt durchlese, erinnere ich mich daran, warum ich sie aufgeschrieben habe und wie ich mich dabei fühlte. Ich versuche dabei dann auch immer, aus meinen eigenen Erfahrungen zu lernen. Leider klappt das viel zu selten, hahaha.

Ich höre von vielen Musikern immer, dass sie Probleme damit haben, sich in ihren Texten quasi zu entblößen. Sie fühlen sich dadurch sehr angreifbar. Geht dir das auch so?

Pffff, nö, eigentlich nicht. Was ich da aufschreibe, will irgendwie aus mir raus, und es ist für mich der einfachste Weg, einige Sachen loszuwerden und somit aufzuarbeiten. Wenn ich dann noch Musik drumherum packen kann, na prima. Ich habe eigentlich weniger das Gefühl, dass die Leute bis unter meine Haut dringen können, nur dadurch, dass sie meine Texte lesen. Das sind ja nur Momentaufnahmen in bestimmten Situationen. Das sagt denen ja noch nicht, was für ein Arschloch ich tatsächlich bin, hahaha.

Ah ja, und warum denkst du, dass du ein Arschloch bist?

Ich weiß, dass ich eins bin.

Wieso, erzählen dir das deine Freunde?

Jahaha, zum Teil schon.

Das kenn ich nur zu gut. Ich hab schon mal überlegt, mir das als Zusatz auf meine Visitenkarten drucken zu lassen.

Klingt nach einem vernünftigen Plan, hahaha.

"Raivotar nennt man eine Frau die so spitz ist, dass sie stinksauer wird."


Zurück zum Thema: warum habt ihr "Rush" als Videosingle ausgewählt?

Uns war recht schnell klar, dass es auf dem Album kein richtige Hitsingle geben würde. Also wollten wir einen Song, der den besten Überblick darüber gibt, was es auf der Scheibe alles zu entdecken gibt. Meiner Meinung nach repräsentiert "Rush" die unterschiedlichen Songs und Stimmungen von "Lust Stained Despair" am besten. Das Video haben wir schon abgedreht, es wird sich visuell am Artwork des Album orientieren. Wir haben eine kleine Story mit eingebaut, das macht es ganz interessant. Allerdings bin ich kein großer Videofan, denn es ist für mich so ziemlich die langweiligste Beschäftigung, ein Video zu drehen. Du hängst den ganze Tag nur rum und tust so, als ob du einen Song spielst. Das geht dir doch irgendwann auf die Eier, hahaha.

Kann ich verstehen. Ihr habt mit dem Opener "Nothing Else Remains" oder mit "Nail" auch die eine oder andere recht ungewöhnliche Nummer auf der Platte. Gerade der Opener klingt für mich ein wenig nach Soilwork.

Hm, wenn du das sagst. Das mag schon sein, denn das sind nun mal Sachen, die ich mir auch gern anhöre. Da kann es schon mal passieren, dass auch ein paar Einflüsse davon auf mich übergehen. Das lässt sich fast nicht vermeiden, und ich finde das auch nicht weiter schlimm. Natürlich versuchen wir, unser eigenes Ding zu finden und durchzuziehen, aber wenn dich das an Soilwork erinnert, finde ich das nicht schlimm. Ich mag Soilwork.

Klar, das ist eine gute Band und der Song ist auch gut. Er hat nur einen etwas anderen, moderneren Touch als die anderen Nummern.

Ja, aber ich finde, das trifft auf das ganze Album zu. Es zeigt einfach, in welche Richtung wir mit einem möglichen, dritten Album gehen werden. Es sind einige unterschiedliche Einflüsse auf diesem Album enthalten und das wollen wir zwar beibehalten, dem Ganzen aber einen einheitlichen Touch verpassen. Man soll einfach hören, dass man es mit Poisonblack zu tun hat.

Ist "Nothing Else Remains" einer der Songs, die erst nachträglich entstanden sind?

Nein, das ist ein älterer. Die Neuen sind "Hollow Be My Name", "The Darkest Lie" und "Soul In Flames".

Als J.P. damals ausstieg, gab es aber doch ein paar Auditions, in denen ihr nach einem neuen Sänger gesucht habt.

Ja, die gab es, und da waren ein paar wirklich gute Sänger dabei. Aber viele von den Jungs waren eben diese typischen Gothic-Sänger, und unser Stil entwickelte sich nun mal mehr und mehr in Richtung Rock, bzw. Metal. Wir wollten also jemanden, der eine etwas rauere Stimme hat, und irgendwann habe ich während der Proben einfach den Gesang noch übernommen, um es interessant zu halten. Selbst zu der Zeit wollten wir eigentlich noch einen neuen Sänger haben, aber letztendlich haben wir uns dazu entschlossen, dass wir das so beibehalten und die Sängersuche ad acta legen. So, here we are.

Es gibt sicher einige Leute, die hoffen, dass du das Erbe von Sentenced mit Poisonblack fortführen wirst. Besonders jetzt, da du auch den Gesang übernommen hast. Hast du da auch schon drüber nachgedacht oder hat dich das in irgendeiner Weise unter Druck gesetzt?

Natürlich denkst du darüber nach, und es ist uns auch klar, dass man uns noch eine ganze Zeit lang immer mit Sentenced in Verbindung bringen wird. Aber damit halten wir uns nicht auf, das wäre auch ziemlich dämlich. Wir glauben alle sehr an Poisonblack und sind der Meinung, ein wirklich starkes Album aufgenommen zu haben. Wir ziehen das jetzt durch und können nur hoffen, dass die Leute irgendwann erkennen und akzeptieren, dass Poisonblack und Sentenced zwei unterschiedliche Dinge sind, obwohl meine Stimme nach wie vor im Vordergrund steht. Dass Century Media sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen werden, einen Sticker mit Ex-Sänger von Sentenced auf das Album zu kleben, ist mir aber auch klar. Egal, ob ich das mag oder nicht, hahaha.

Da hast du wohl recht. Ich denke aber, dass sich die Sentenced-Fans von Songs wie "Raivotar", "Soul In Flames" oder "Love Controlled Despair" durchaus angesprochen fühlen werden.

Ja, kann schon sein, schließlich sind die musikalischen Einflüsse ja ähnlich, vielleicht sogar dieselben. Ich kann ja als Songwriter auch nicht aus meiner Haut, und wenn ich für Sentenced Songs geschrieben habe, waren die nicht grundlegend verschieden von dem, was ich für Poisonblack schreibe. Man übernimmt mache Dinge ganz automatisch, auch wenn man es nicht beabsichtigt.

Was zur Hölle bedeutet "Raivotar" eigentlich? In keinem Wörterbuch hab ich was dazu gefunden.

Das überrascht mich nicht. Das ist ein finnischer Ausdruck und beschreibt eine Frau, die so spitz ist, dass sie stinksauer wird, hahaha. Das lässt sich aber leider nicht ins Englische oder ins Deutsche übersetzen. So was gibt es nur in Finnland.

Klingt aber spannend. Muss ich direkt mal meinen Kumpel aus Finnland fragen, ob er das Wort kennt. Deine Texte unterscheiden sich ja allgemein ziemlich von denen, die du für Sentenced geschrieben hast. Dort ging es ja eher darum, wie blase ich mir am besten die Lichter aus.

Jahaha, da hatten wir ein paar lustige Ideen.

Allerdings, und bei Poisonblack geht es eher um Liebe, Sex und ... Verzweiflung?

Ja, das liegt einfach daran, dass ich schon seit ich zwölf war nur zwei Hobbys hatte: Wichsen und Musik. Das mache ich eben immer noch und kann inzwischen beides sogar irgendwie verbinden, hahaha.

Ach du Scheiße, ich hoffe nur, ihr dreht nicht irgendwann ein Video im Stile von "Ever-Frost". Da wolltet ihr ja klar machen, dass ihr nicht mehr mit 60 noch auf der Bühne stehen und Musik machen wollt. Oder willst du bis dahin etwa auch mit dem Wichsen aufhören?

Hahaha, nein, das glaube ich nicht, aber man wird sehen.

Zuletzt noch, wie sieht es mit ein paar Tourdates in Deutschland aus?

Da ist noch nichts fest, aber unser Management arbeitet daran. Bisher ist noch nichts fest, aber sobald was spruchreif ist, wird es auf der Homepage stehen.

Nachtrag des Autors: Inzwischen steht für den November eine Tour mit den Labelkollegen von Lacuna Coil an.

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