laut.de-Kritik

Wenn sich Stuttgart-Esslingen wie Seattle anfühlt.

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"Stuttgart 21" ist ein - vom hohlen 'wird nicht fertig'-Gag abgesehen - feiner Albumtitel (siehe das Cover, das Suche, Ungewissheit, aktives Erforschen eines abstrakten Dings symbolisieren könnte), aber man stapelt auch tief im Lokalkolorit. Schließlich handelt es sich um den ersten richtigen Albumrelease eines der einflussreichsten und verdientesten Bassisten und Songschreibers der deutschen Gegenwart, releast auf dem Label seiner Hauptband und damit dem deutschen Indie-Label schlechthin.

Julian Knoth aka Peter Muffin spielt im Peter Muffin Trio aber gar nicht Bass, das erledigt die bislang nur wenig, vor allem von Muffins Solotouren bekannte Cali d'Orville. Julians Bruder Philipp spielt Schlagzeug. "Stuttgart 21" bleibt trotz nomineller Vollbesetzung dem distinktiven Stil des Solo-Outputs von Peter Muffin treu, erweitert dabei allerdings das Soundspektrum, lockert die Herangehensweise und versucht sich gleichzeitig an einer Professionalisierung des Sounds, die bisher selbst Max Rieger als Peter Muffin-Produzent nicht gelungen ist.

Wie beim Stuttgarter Bauprojekt mag die Idee gut sein, die Ausführung beginnt aber mit Mäkeln, um nicht zu sagen, veritablen Konstruktionsfehlern: "An Allen Tagen" rumpelt voran im Akustik-Demo-Sound, der es in der Qualität nicht auf Muffins Solo-Schrammel-EPs geschafft hätte. Der Leadsingle "Supercool" ist Kunstakademie-Quatsch, ein nerviger Zitterpopsong ohne Fokus, samt unlustigem One-Trick-Pony-Gag, das haben Art Brut vor vielen Jahren besser (und immer noch schlecht) gemacht.

Deutsche Musiker*innen haben selten ein Händchen für Singles, deshalb bleibt "Supercool" hier die uncoole Ausnahme. Schon der dritte Track "Wir Sehen Uns Morgen" korrigiert die Ausrutscher, ein durch und durch düsteres, dystopisches ("für einen Moment war da Realität / für einen Moment war da Wirklichkeit") Brett Richtung Philipps Ex-Band Karies mit einem geifernden, brüllenden Peter und Pixies-würdigen Tempo-Hoch-Tempo-Runter.

Nachdem die Handbremse gelockert ist, schält sich das durchgehend bis ins Zahnfleisch gehende Bassmonster "Winter" heran, viereinhalb Minuten vertonte Gletschermoräne. Das können so auch die anderen badischen Lokalmatadoren Human Abfall nicht. Mit "Winter" gelingt der Prototyp des Stuttgart-Post-Punk-Songs schlechthin, garniert mit Rausschmeiß-Bläsern am Ende. Julian zeigt bei der Gelegenheit seine beste Performance als Sänger überhaupt. Statt wie bei den Nerven den erdigeren Co-Part zu Riegers Feldwebelstimme zu spielen, oder die begrenzte, eigenen Stimmgewalt auf "Ich Und Meine 1000 Freunde" zu umgehen, schreibt Knoth für seine näselnde, immer etwas weinerliche und schnell kippende Stimme. Punk eben.

"Zu Tun" zeigt wie "An Allen Tagen" hätte besser sein können: mit Clap-Trap und genialem Groove und geballter Faust in der Tasche ("Alles wird gut / aber leider steh' ich zu sehr neben mir"). Als Texter bleibt Julian eine absolute Bank, eine schönere Selbstzerfleischung bekommt man im deutschen Sprachraum zumindest solange nicht geboten, wie Dirk von Lotzow noch "Kunst" und Thees Uhlmann Kasse machen will. Spätestens der zweite Ausbruch von "Zu Tun" zeigt dann, dass "Stuttgart 21" Meilen über dem Wütende-Jungs-Standard der Szene liegt, wenn Bass-Vocoder und Schlagzeugspiel mal eben den Boden aufwischen, ganz ohne Gitarre.

Das Rückgrat aller Songs bleibt der Bass, Jimmy Johnson erledigte auf "Amused To Death" ja auch einen guten Job. D'Orville macht ihren sogar hanebüchen gut und hebt "Stuttgart 21" mühelos über das zu satte "Fake". "Immer Im Weg" beschließt den Reigen grandioser Songs, gleichzeitig markiert es das Album- und bisherige Schaffenshighlight von Muffin. Allein der Tempowechsel nach dem Intro wischt das Werk ganzer Generationen von deutschen Musikern weg. Einem Song mit so viel Schneid läuft Farin seit 30 Jahren vergeblich hinterher. "Immer Im Weg" könnte – wörtlich mit dem übersetzten Text – auf "Halcyon Digest" oder "Pom Pom" auftauchen, so verdammt elegant und kantig zugleich gibt sich der Song.

Auf grandios folgt gut: Das nette "Falsche Richtung SUV" marschiert wie ein okayer Fehlfarben-Song, "Melancholie" zeigt "Supercool", dass Art-Punk mit etwas Coolness nicht peinlich sein muss und bedient sich dabei erneut eines schepprigen Basses und schiefer Bläser. "Ich Kann Nicht Warten" verschenkt den großartigen Wall-Of-Sound-Anfang mit Frusciante-Spätwerk-Synthesizer-Gefrickel.

"Fehler", erneut ein cooler, eher langsamer Groover, fehlt die Zackigkeit von Gang Of Four und gerät dadurch ein Stück egal. Der Closer "Stuttgart Am Meer" reißt zwar noch mal ab, gefällt sich aber auch ein Stück weit zu sehr in der eigenen Vernichtungsorgie, die wieder d'Orville mit einer magenschlagenden Bassfigur trägt, Gitarre und Schlagzeug können hier nicht mithalten.

Staatsfinanzen und deutscher Punk teilen nunmehr ein Joch: "Stuttgart 21" entwickelt sich zur Belastungsprobe, zur musikalisch kaum zu bewältigenden Sprosse in der Leiter namens Zukunft. Denn immer, wenn d'Orville die Finger spitzt und die Jungs windschief in die Trompeten tröten, wenn Julian Knoth die Keule auspackt, fühlt sich Stuttgart-Esslingen wie Seattle an. In Proberäumen im Badischen, in Münster, Leipzig, Hamburg und Berlin hören manche Messerjungen und tausende Robota hoffentlich gut zu. "Stuttgart 21" hat vielleicht etwas zu viel Ballast für einen Meilenstein, bleibt aber unübersehbar stehen.

Trackliste

  1. 1. An Allen Tagen
  2. 2. Supercool
  3. 3. Wir Sehen Uns Morgen
  4. 4. Winter
  5. 5. Zu Tun
  6. 6. Melancholie
  7. 7. Ich Kann Nicht Warten
  8. 8. Immer Im Weg
  9. 9. Fehler
  10. 10. Falsche Richtung SUV
  11. 11. Stuttgart Am Meer

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