laut.de-Kritik

Zwischen beißendem Sarkasmus und einfühlsamer Melancholie.

Review von

Letzte Woche veröffentlichten die Pet Shop Boys von Dienstag bis Freitag "drei satirische Tracks und einen etwas traurigen" mitsamt Video als Kommentar zum jetzigen Tagesgeschehen. Die vier Songs, die sie gemeinsam mit Tim Powell produzierten, bündeln sie auf der EP "Agenda".

Schon in der Vergangenheit gerieten die Lyrics des britischen Pop-Duos mehr oder weniger politisch. Mit ihrer Coverversion des Village People-Evergreens "Go West" legen die Pet Shop Boys 1993 ihr persönliches Bekenntnis zur Freiheit ab, indem sie die Ästhetik der russischen Propaganda aufgriffen und sie ins Gegenteil verkehrten. Nun wettern sie unter anderem gegen den derzeitigen US-Präsidenten, den Brexit, die Reichen und Instagram.

Den Anfang macht "Give Stupidity A Chance", das mit der Zeile "you gotta grab whatever you can" eine Anspielung auf die sexistischen Äußerungen Donald Trumps über Frauen enthält. Ebenso bekommt der britische Bildungsminister und Brexit-Hardliner Michael Gove sein Fett weg, wenn es heißt: "We've heard quite enough of experts and their dealings. Why face the facts when you can just feel the feelings?"

Musikalisch schreitet die Nummer zu hellen Keyboardklängen und eingängigem Computer-Drumming von Chris Lowe im gemächlichem Midtempo voran, während die synthetischen Streicher und Bläser die Doppelbödigkeit des Textes unterstreichen, den Neil Tennant etwas zu gelassen und unaufgeregt darbietet. Dadurch plätschert der Song ohne nennenswerte Höhepunkte vor sich hin. Früher hätte er höchstens eine nette B-Seite abgegeben, wenn man die lyrische Vielschichtigkeit ausblendet.

Ganz anders "On Social Media", ein bissiger Abgesang auf Influencer, Fake-News und digitalem Narzissmus, der von rhythmischen Disco-Beats und Handclaps geprägt ist, zwischenzeitlich mit einem eins-zu-eins-Zitat von "Left To My Own Devices" aufwartet und im Refrain "Go West"-Feeling versprüht. Trotz des zeitgemäßen Inhaltes finden die Pet Shop Boys zum Sound ihrer Pionierphase zwischen 1986 bis 1993 zurück und entschädigen somit für die allzu glatten EDM-Pop-Klänge ihrer letzten Studiowerke. Nebenher dürfte der Track ihr wohl größter Ohrwurm seit mehreren Jahrzehnten sein.

In "What Are We Going To Do About The Rich?" stellen sie die Frage, wie man mit den extrem Wohlhabenden verfahren soll, die ihre Steuern nicht abführen. Antworten gibt das Stück zwar nicht, aber wenn der Sänger ihr im Refrain noch ein entschlossenes "Come on, well come on!" folgen lässt, fügt er der Nummer eine scharfe Protest-Note hinzu. Ansonsten wirkt der Song mit seinen stampfigen Computerbeats und den lautstarken Synthie-Bläsern zu übersteuert, um zu begeistern. Loudness-War an allen Ecken und Enden.

Dass sich mit minimalistischen Mitteln eine deutlich eindringlichere Wirkung erzielen lässt, beweist das Duo in "The Forgotten Child". Zu dramatischen Streichern und melancholischem Klavier singt Tennant einfühlsam über ein Flüchtlingskind, das während seiner Flucht vor Krieg und Gewalt verloren geht und verzweifelt nach seinen Eltern sucht. Dabei bewegt sich der Track mit seiner unaufdringlichen Melodieführung musikalisch nahe an "King's Cross". Gegen Ende mutiert er jedoch zu einer Pop-Ballade im Neunziger-Stil, wenn strahlende Synthies ertönen und die Nachdenklichkeit einer gewissen Zuversicht weicht. Klanglich schließt das an "Behaviour" an.

Nur hätte die Nummer gerne noch ein paar Minuten länger sein können. Trotzdem ein wunderschöner Abschluss, der Appetit auf mehr macht.

Das kommende Album, für das wieder einmal Stuart Price hinter den Reglern saß, soll nämlich im Herbst auf den Markt kommen. Wenn es die guten Songs auf "Agenda" anknüpft, dann steht uns Großes bevor.

Trackliste

  1. 1. Give Stupidity A Chance
  2. 2. On Social Media
  3. 3. What Are We Going To Do About The Rich?
  4. 4. The Forgotten Child

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5 Kommentare

  • Vor 9 Monaten

    Ich bin da ganz bei euch. Stupidity und what are we going... gehen an einem vorbei. The child is lost und on social media sind dagegen absolut Top. On social media jetzt als grössten Ohrwurm seit Jahzehnten zu stempeln find ich übertrieben. Den hatten sie mit „The Pop Kids“ schon vor 2 Jahren geliefert. Agenda erfreut die Fans endlich wieder mit neuer Musik von den Boys nach den ganzen re releases der letzten Zeit. Da geht aber noch mehr und deshalb bin ich ganz gespannt auf das neue Album im Herbst.

  • Vor 9 Monaten

    Seit zwei Tagen übelsten Ohrwurm von "on social Media"

  • Vor 9 Monaten

    Als Kind der 90er Jahre bin ich mit der Band und ihrer Musik aufgewachsen und dennoch finde ich diese EP sehr schwach. Früher hätte das nicht mal als B SEITE getaugt

  • Vor 9 Monaten

    Nach diesem Text investiere ich nochmals ein Anhören... hatte die EP ebenfalls nach erstmaligem Hören eher zur Seite getan... Und so schlecht waren "Electric" und "Super" nicht aus meiner Sicht.
    Na mal sehen, was der Herbst bringt.

  • Vor 9 Monaten

    ich weiss nicht wo sie in letzter Zeit ihre Mixing und Mastering Leute her nehmen, es klingt völlig vermatscht nach Dosengroove. Man merkt das das Geld vom grossen Label fehlt. Stewart Price klingt auch nur noch nach Heimcomputer...Trevor Horn bitte hilf wieder, aber den können sie nicht bezahlen, geschweige SarmWest.