laut.de-Kritik

Ein leidenschaftlicher Akt zwischen Himmel und Hölle.

Review von

In der Musik hat die Liebe bereits viele Formen angenommen. Für die Beatles war sie 1967 alles, was man braucht, die Eurythmics bezeichneten sie 1983 als eine Fremde, und Pat Benatar führte sie im selben Jahr aufs Schlachtfeld. Bei Nick Cave And The Bad Seeds nahm sie auch schon die Gestalt einer unbarmherzigen Folter an. PJ Harveys Liebe, die sie 1995 auf "To Bring You My Love" in den Mittelpunkt stellt, birgt all diese Inkarnationen in sich.

Auf ihrem dritten Album, das als ihr Solo-Debüt gilt, bewegt sich die britische Alternative-Sensation zwischen Ekstase und Ruin, singt sich himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt von Verlangen zu Verlust und ergründet dabei für sie völlig neue Klangfacetten. Harvey bricht auf "To Bring You My Love" aus dem Korsett der Trio-Formation aus Gitarre, Bass und Schlagzeug aus, das auf den ersten beiden Alben "Dry" und "Rid Of Me" für Grunge-Sound mit Post-Rock-Einschub sorgte. An seine Stelle tritt ein dreckiger Delta Blues aus dem Süden der USA, dem die Musikerin ihre DNS einflößte.

Kurz nach der Veröffentlichung von "Rid Of Me" nahm sich Harvey 1993 eine längere Auszeit. Sie fühlte sich durch die hohe Release-Schlagzahl von zwei Alben in zwei Jahren ausgezehrt und durch die damalige Bandkonstellation limitiert. Also trat sie auf die Bremse, kaufte sich von den Einnahmen ihrer Albumverkäufe ein Haus in der Nähe ihrer Eltern im ländlichen Yeovil in England und begann, sich musikalisch neu zu erfinden.

Von Anfang an baute Harvey die zehn Songs, die sie in drei Monaten in ihrem neuen Wohnsitz schrieb, zunächst auf einem Fundament von Emotionen und Atmosphäre auf, wie sie 1995 in einem Promo-Interview erklärte. Arrangements, Strukturen und Texte sollten erst später folgen. Für diese Aufgabe holte sie sich John Parish ins Townhouse Studio in London. Mit Parish hatte sie Ende der Achtziger bereits in der Band Automatic Dlamini gespielt. Der Multiinstrumentalist, den Harvey als ihren musikalischen Seelenverwandten bezeichnet, sollte nach "To Bring You My Love" ein enger Komplize in Harveys Schaffen werden.

Auch mit der Wahl des Produzenten wollte sich Harvey von den ersten beiden Alben abnabeln. Wo bei "Rid Of Me" noch Steve Albinis krachende Alternative-Faustschläge vorgeherrscht hatten, setzte der Produzent Flood auf "To Bring You My Love" auf ein weitaus weicheres, differenzierteres Klangbild. Harvey schätzte den Briten besonders für seine Arbeiten mit Nick Cave And The Bad Seeds und U2, Flood hatte zum Zeitpunkt der Produktion aber auch schon "The Downward Spiral" von Nine Inch Nails in den Abgrund geführt.

Ein überaus versierter Produzent, der laut Harvey Songs Raum zum Atmen gibt. Und so beginnt auch "To Bring You My Love" zunächst mit Stille, ehe sich die sechs Noten des unheilvollen Blues-Riffs wie dunkle Gewitterwolken über dem Titeltrack zusammenziehen. Erst als die Gitarre jeden Lichtstrahl verschluckt, schmirgelt Harveys Stimme wie Sandpapier über den Track, wenn sie Captain Beefhearts "Sure 'Nuff'n Yes I Do" rezitiert und apokalyptisch fleht: "I was born in the desert / I've been down for years / Jesus, come closer / I think my time is near".

Die Versprechungen des Albumtitels auf Romantik zerstört der Opener schon in der ersten Minute. Hier gibt es keine rosaroten Brillen, dafür biblische Abgründe und einen Pakt mit dem Teufel: "I've laid with the devil / Cursed God above / Forsaken heaven to bring you my love". Harvey inszeniert die Liebe als zweischneidiges Schwert. Das schönste der Gefühle hat auf "To Bring You My Love" einen abgrundtief bösen Ursprung. Dazu lauert eine Orgel im Hintergrund und verleiht dem Song ein schweres, sakrales Gewicht. Der Geist des Bluesmusikers Robert Johnson, der ebenfalls seine Seele an den Teufel verkauft haben soll, weht hier durch die knisternde Atmosphäre.

Der Wolkenbruch entlädt sich schließlich im stampfenden "Meet Ze Mostra": "Big black monsoon / Take me with you". Auf die Teufelsbeschwörung folgt ungehemmte Ekstase, in der Harvey raunend Decken zerwühlt. Die Gitarre sendet knarzige Störsignale aus, die auf dem Noise-Höhepunkt des Songs um Gnade zu winseln scheinen. Den krassen Kontrast setzt der folgende Tiefton-Jam "Working For The Man", auf dessen Basslauf Harvey mal wispernd, mal fiepend Akzente setzt.

Die Britin fährt auf "To Bring You My Love" ihr gesamtes, unfassbar umfangreiches Stimmarsenal auf. Sie wechselt nicht nur zwischen brachialem Volumen und zarter Fragilität, sondern vereint die beiden Extreme regelmäßig in einer Stimme. In "C'mon Billy" verschmilzt Harvey diese Gefühlsachterbahn aus inbrünstiger Leidenschaft und Sehnsucht zu schizophrener Schönheit. Ihre Gesangsakrobatik untermalt ein Teppich aus Streichern, der das Album dann doch mal für kurze Zeit in den siebten Himmel aufsteigen lässt.

Dem schwört Harvey auf "Long Snake Moan" jedoch schon wieder ab, wenn sie sich der gottlosen Liebe und dem Voodoo hingibt. Zusammen mit Parish und dem Produzenten Flood kreiert sie hier ein gigantisches Arena-Rock-Biest, das vor Lust strotzt und wie ein Berg in der Mitte des Albums ruht. So monumental gab sich die Musikerin vorher noch nie. "Long Snake Moan" stellt sich als gewaltiger Behemoth heraus, dessen Gitarren so auch auf einem Industrial-Album zu hören wären.

Trotz dieser Stadiontauglichkeit bleibt der größte Hit auf "To Bring You My Love" "Down By The Water", mit dem PJ Harvey bis auf den zweiten Platz der Alternative-Charts in den USA kletterte. In diesem verwunschenen Synthie-Hexentanz besingt Harvey eine Frau, die ihre Tochter in einem Fluss ertränkt. Der Sog des erschauernden Stücks entsteht vor allem durch den geflüsterten Kinderreim, bei dem die Nackenhaare senkrecht stehen. Auch das ästhetische Video der Regisseurin Maria Mochnacz, in dem Harvey im roten Samtkleid durchs Wasser schwebt, dürfte zu dem Erfolg des Titels beigetragen haben.

Mit Mochnacz produzierte Harvey ein ebenso eindringliches Video zu "Send His Love To Me". Dort irrt die Musikerin barfuß durch eine schwarz-weiße Wüste, mit ihren Schuhen in den Händen. Verloren und hilflos klingt sie auch, wenn sie zu spanischer Gitarre und sanfter Orgel über eine verlorene Liebe singt. Die Brüche in ihrer Stimme schnüren den Hals zu: "How long must I suffer? / Dear God, I've served my time / This love becomes my torture / This love, my only crime". Nick Cave und Harvey, die später eine kurzeitige Liaison eingingen, hatten zuvor schon ähnliche Erfahrungen in der Liebe gemacht.

Dass die beiden später auch musikalisch zusammenfinden mussten, beweist der Schlusspunkt "The Dancer", in dem Harveys Duktus ganz nach Cave klingt. In der tragischen Geschichte erscheint der Liebhaber in Form eines gottgesandten Erlösers, der am Ende aber kein Interesse mehr an irdischen Gefühlen zu haben scheint und Harvey zerstört zurücklässt. Eine Allegorie auf eine eigene Glaubenskrise kann sie damit kaum meinen, sie selbst war nie religiös. Vielmehr findet Harvey hier kraftvolle Worte für den Schmerz nach der Beziehung, wenn der Partner als unersetzlicher Retter galt.

Bei all der Trauer und Verzweiflung, die am Ende vorherrschen, bleibt "To Bring You My Love" kein hoffnungsloses Album. So wie es die Wunden aufzeigt, die Liebe anrichten kann, zelebriert es sie ebenso mit all ihrer Euphorie. Sie ist ein leidenschaftlicher Akt zwischen Himmel und Hölle, den Harvey mit einer bisher unerreichten Symbiose aus Blues, Alternative und Folk intoniert. So bewegend und intensiv klang sie danach vielleicht nie wieder.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. To Bring You My Love
  2. 2. Meet Ze Mostra
  3. 3. Working For The Man
  4. 4. C'Mon Billy
  5. 5. Teclo
  6. 6. Long Snake Moan
  7. 7. Down By The Water
  8. 8. I Think I'm A Mother
  9. 9. Send His Love To Me
  10. 10. The Dancer

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8 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor 19 Tagen

    Außer das überladene und m.E. überambitionierte The Hope Six Demolition Project haben Alben von PJH nie wirklich enttäuscht. Auf der England hatte sie schon den Weg in diese Richtung eingeschlagen, konnte aber mit starken Songs noch die Kurve kriegen (siehe: In The Dark Places).
    Ich sehe sie als das weibliche Pendant bzw. zum Ausgleich der Polarität zu Nick Cave. Ying/Yang - PJ/NC.
    So hat jedes Album seine Stärken, siehe der Opener auf White Chalk. Durchgehend höchstes Niveau findet man auf einigen Alben, wie: Stories, Is this Desire, oder das hier besprochene To bring.
    Da es als das erste in dieser Reihe steht ist der Meilenstein berechtigt, die beiden anderen hätten ihn genauso verdient.
    Mein Favorit ist in dieser Reihe aber
    Is this Desire- was sie alleine mit Perfect Day Elise oder Garden da an Feuerwerk abbrennt, wow. Dem Album schreibe ich seinen Ausnahmestatus im wesentlichen die Beteiligung von Eric Drew Feldman zu, der im Songwriting wie auch im Sound seine Spuren hinterlassen hat.

  • Vor 18 Tagen

    Album "for the ages"! Ein absolutes Meisterwerk.

  • Vor 17 Tagen

    "Is this Desire" ist meines Erachtens noch ein größeres Meisterwerk.
    (Eigentlich sind fast alle PJ Harvey Alben Meilensteine...)