laut.de-Kritik

Cocaine Is A Hell Of A Drug!

Review von

Die Behauptung, dass Drogen gute Musik machen, ist, angesichts der Liste von Alben die unter dem Einfluss von Substanzen entstanden sind, schwer zu widerlegen. Egal ob Jazz, Glam-Rock, Metal oder Trap: LSD, Alkohol und Co. beflügeln Musiker bereits seit dem Beginn der musikalischen Zeitrechnung und werden es wahrscheinlich auch dann noch tun, wenn Platten, CDs und Kassetten schon längst ein Relikt vergangener Tage sind.

So wie Drogen Künstler zu neuen Höchstleistungen treiben, können sie, außer zum Tod, auch zu einem absoluten Realitätsverlust führen. Offensichtliche Beispiele dafür wären Pink Floyds Syd Barrett und der Punk-Outlaw GG Allin. An Ol' Dirty Bastard denkt man nicht sofort, da gerade sein Debüt-Album als lupenreiner, hier und da etwas überdrehter Klassiker New Yorks gefeiert wird. Auf "Nigga Please" hingegen bekam der Oddball des Wu-Tang Clans alle Freiheiten und Drogen der Welt zur Verfügung gestellt und ließ im Studio vollkommen ohne Filter und Verstand die Sau raus.

Man mag womöglich sogar mit Recht behaupten dass "Return To The 36 Chambers" das bessere Album ist, aber ODBs Zweitling gehört aufgrund seines einmaligen Sounds bis heute zu den wildesten und interessantesten Hip Hop-Alben aller Zeiten und ist es allein deshalb mindestens genauso sehr wert gehört zu werden.

Wüsste man es nicht besser, könnte man sogar so weit gehen und sagen er habe mit diesen 13 Songs den Grundstein für alle Stream Of Consciousness- und Meme-Rapper der folgenden Dekade gelegt. Egal ob Lil B, Viper oder mit Abstrichen sogar Künstler wie Lil Uzi oder Lil Wayne: Kaum in der Booth lassen sie ihren Gedanken freien Lauf, ohne zweimal darüber nachzudenken, was sie da gerade von sich geben. Der Unterschied ist, dass manche zusammenhanglosen Wortbrei ausspucken und sich andere die Seele aus dem Leib rappen. ODB bewegt sich mit "Nigga Please" irgendwo dazwischen und ist über jegliche Klassifizierung erhaben.

Chris Rock macht uns schon auf dem Intro klar, auf was man sich mit diesem Album eingelassen hat. "I'm the wrong place, at the wrong mothafuckin time. With the wrong mothafuckin man. The O.D.B., baby". Der smoothe Neptunes-Beat hat uns schon eine Weile eingelullt, da bringt Dirt Dog schlagartig das erste Mal das Mikro fast zum Übersteuern. Er rappt keine übliche Braggadocio, sondern faselt zusammenhangsloses Zeugs über Party-Randalen, Opas Stinkefüße und zahlreiche Reinigungsmittel. Die sinnigsten Lines kommen vom Brooklyn Zoo-Member Zu Keeper, der allerdings nirgends als Feature gelistet ist. Pharrells zuckersüße Hook ist dann die Kirsche auf der Coke-Torte des Absurden. "This is not a commercial song": Es ist schwer in Worte zu fassen, wie sehr die eröffnende Line untertreibt.

Doch es sind vor allem die abschließenden Worte von "Recognize", die Russell Tyrone Jones' Drogenkonsum eine Stimme geben. Sturzbesoffen huldigt er Rick James und lallt so sehr, dass man die Hälfte nicht versteht. "Rick motherfucking James is something out of the ordinary", sagt er. Für wie besonders er den verstorbenen Soul-Sänger hält, macht er einen Song später mit einem Cover von James' "Cold Blooded" klar.

Nach "I Can't Wait", einem unvergleichlich hektischen, Kokain-induzierten Wettrennen mit dem Beat, wirkt Dirtys Neuinterpretation des Soul-Klassikers wie eines der größten musikalischen "Fuck Yous" der 90er. Ein "Fuck You" an sein Label und jeden anderen, der dachte, der New Yorker würde nach dem Erfolg seines Debüts nach den bekannten Regeln spielen. Spätestens jetzt ist klar: ODB macht mit "Nigga Please" was er will und es ist gleichermaßen beeindruckend wie verunsichernd ihm dabei zuzusehen.

Dass Dirty nicht singen kann, sollte selbstverständlich sein. Aufgrund der Intensität, mit der er ins Mikro schreit, hofft man, dass ihm nicht in der Sekunde in der der Beat stoppt, das Herz aus der Brust springt. Man will dem Mann einen Arzt rufen, ist aber zu beschäftigt damit den Repeat-Button zu drücken, bis man sich selbst nicht mehr dem Groove der Neptunes-Instrumentierung entziehen kann und selbst lauthals mitgrölt.

Ein Effekt, den man auf vielen Songs der LP beobachten kann. Oftmals will man beim ersten Hören des Songs bereits vor dem Chorus skippen, nur um nach dem zehnten Durchlauf jede Line mitzurappen. Das Album wird mit vermehrten Spins aber nicht wirklich zugänglicher, im Gegenteil: Je genauer man hinhört, desto mehr groteske Einzelheiten, zum Beispiel ein hintergründiges Rülpsen, entdeckt man. Gleichzeitig entdeckt man aber auch, wie absolut großartig die Produktionen der Neptunes und RZA sind und wie maßgeschneidert sie zu einem hohl drehenden ODB passen.

Wenn "Cold Blooded" es nicht schon klar genug gemacht hat, wie wenig sich Dirty um sein Label schert, bringt er es auf "Rollin' With You" selbst auf den Punkt, natürlich nicht ohne vorher nach einem Bier zu fragen: "You white motherfuckers could never, ever take over. You shut the fuck up and you shut the fuck up".

Auf "Gettin' High" ist der Rapper seiner eigenen Aufforderung wohl etwas zu ambitioniert gefolgt, denn er überlässt die Bühne komplett seinen Brooklyn Zoo-Kollegen. Da treten dann neben dem bereits zuvor erschienen Zu Keeper MCs mit charmanten Namen wie 12 O' Clock und Shit Stain ans Mic. Es ist der wohl konventionellste Song des Albums und damit auch der einzige wirkliche Aussetzer. Allerdings unterstreicht allein der Fakt, dass ODB für geraume Zeit von seinem eigenen Album verschwindet, dessen beispiellosen Charakter.

Die Auszeit trägt auf Songs wie "You Don't Want To Fuck With Me" und "Nigga Please" Früchte. Higher als die ISS lallt und schreit Big Baby Jesus einige der urkomischsten, sinnlosesten und beleidigendsten Lines, die man je auf einem erfolgreichen Rap-Album zu Hören bekam. Beispiele gefällig: "I don't answer phones / I'll never reveal the Wu-Tang secret"; "I'll have it raining ice drops the size of automobiles"; "I kill all my enemies at birth / Shut the fuck up! Bitch and let me stick my hands up your skirt". Zwischenzeitlich nuschelt Dirty so sehr, dass man nur raten kann, was er gerade von sich gibt.

"I Want Pussy" ist dann der Moment, an dem man anfängt sich ernsthaft Sorgen um den zu früh verstorbenen Rapper zu machen. Es klingt, vor allem im Zusammenspiel mit dem absolut großartigen, hypnotisierenden RZA-Beat, wirklich so, als höre man gerade einem Mann zu, der dabei ist seinen Verstand zu verlieren.

Dieses Bild beruhigt sich mit dem überraschend souligen "Good Morning Heartache", einer bitter nötigen Auszeit, kurzzeitig wieder, nur um mit dem Closer "Cracker Jack" erneut bestätigt zu werden. Zwischen Lines wie "Bitch you got herpes in ya ass. Every time you fuck a nigga, he dies fast" und "If you wanna die, you gotta drink my sperm. The other way to die, is eat a can of worms" schreit ODB "I'm gettin' hot and touchin' myself!". Nichts, absolut gar nichts macht hier noch irgendeinen Sinn. Selbst RZAs minimaler Boom-Bap Beat klingt so, als würde er den Geist aufgeben. Es ist das perfekte Finale für ein Album wie dieses.

Dass ein Album wie "Nigga Please" 1999 Platz 2 der Billboard Charts erreichen konnte, ist rückblickend absolut unglaublich. Nie mehr seit dem traute sich ein Rapper, so konsequent auf jede Erwartungshaltung und jeden Qualitätsanspruch zu scheißen und war damit so erfolgreich. Sicherlich, "Got Your Money" trug wahrscheinlich einen großen Teil dazu bei. Aber sogar die Lead-Single des Albums ist aus heutiger Sicher alles andere als radiotauglich. Selbst ein gezähmter Dirt Dog, klingt zumindest in der Entstehungszeit dieser LP wie ein tollwütiger Hund der ohne Rücksicht auf Verluste verbal um sich schlägt.

"Nigga Please" ist zu Unrecht übersehen. Es ist ein absolutes Erlebnis. Kein anderes Hip Hop-Album fängt die Hemmungslosigkeit und "No Fucks Given"-Attitüde eines Drogenrausches so perfekt und ungefiltert ein wie Ol' Dirty Bastards Zweitling. Das ist manchmal zum Schreien komisch, manchmal musikalisch fragwürdig, manchmal erschreckend verstörend und durchweg absolut einzigartig. Wäre er nicht so früh von uns gegangen, würde man den New Yorker Weirdo wohl heute zu den aufregendsten Stimmen New Yorks zählen.

"Wu Tang is for the children" hat er schon 1988 gesagt. Also Kinder lasst euch dieses Album eine Lehre sein: Finger weg von den Drogen. Selbst Dirtys Vorbild Rick James würde dem wohl beipflichten.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Recognize (feat. Chris Rock, Pharrell & Zu Keeper)
  2. 2. I Can't Wait
  3. 3. Cold Blooded
  4. 4. Got Your Money (feat. Kelis)
  5. 5. Rollin With You
  6. 6. Gettin' High (feat. Brooklyn Zoo)
  7. 7. You Don't Want To Fuck With Me
  8. 8. Nigga Please
  9. 9. Dirt Dog
  10. 10. I Want Pussy
  11. 11. Good Morning Heartache (feat. Lil' Mo)
  12. 12. All In Together Now
  13. 13. Cracker Jack

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