laut.de-Kritik

Ist das noch real?

Review von

Stimme vom Tape: "Zehn Meter groß, die Haut war ... weiß nicht, wie soll ich das erklär'n, Digga, wie, äh, wie als wär' das so geteert gewesen. Hab'n nur noch die Federn gefehlt. Die Zähne von ihm. Digga, das sah aus wie Messerklingen. Weiß nicht, vielleicht klingt das dumm, aber ich hatte so das Gefühl, der hat mich, der hat mich schon viel früher gesehen gehabt, und ich weiß nicht, ich konnt' nicht schrei'n, ich war, ich war wie gelähmt, Digga."

Atmosphärischer und eindringlicher kann ein Album nicht beginnen. OG Keemo ist ein Albtraum, und "Geist" liefert den Beweis dafür: "Ich hab' mir den ganzen Scheiß nicht eingebildet, der Scheiß ist echt." Ob als "Zinnmann", "Zulu-Krieger", "Vodoo-Priester", schwarzer General, "Black Panther" oder, besonders schön, "Nigga mit dem Dreizack": Karim Joel Martin steht im Weg und gibt ihn nicht frei, er sitzt wie der Alb auf deiner Brust und verfolgt dich im Schlaf. "Geist" ist eine Blase aus schwarzer Tinte und klingt so, wie eine Schüssel Zigaretten zum Frühstück schmeckt.

"Wenn ich schlaf', geht die Sonne auf." Die einzigen Lichtstrahlen spenden die warmen Soul-Samples aus den 70ern, die Funkvater Frank in seinen idiosynkratischen Sound aus Piano-Loops, reduziertem Boom Bap und Trap-Elementen hineinwebt. Während die repetitiven Elemente Keemo alle Freiheiten lassen, seinen Flow in schwärzesten Farben fließen zu lassen, schnürt es dem Hörer mehr und mehr die Kehle zu. Umso härter trifft einen dann jedoch der Moment, sobald Keemosabe auf "216" a-capella seine letzten Worte spittet, ehe der Galgen zuzieht und Frankys Beats Amok laufen: "Effektiv" wäre eine Untertreibung.

Ikonische Lines und Vergleiche, die vor dem inneren Auge einen Film der besonderen Art abspulen, finden sich auf der neuen LP wieder en masse. Zeilen wie "Niggas stechen wie 'ne Königsqualle. Seitdem ich Knete mach', seh'n meine Zähne aus wie 'ne weißgoldene Bärenfalle" rechtfertigen alleine schon die Höchstwertung. Aber dass diese Aufeinanderschichtung an Referenzen aus Grimms Märchen, Mafia-Epos, Black-Power-Movement, expressionistischem Stummfilm, Hochseefischerei und so weiter, und so fort einen so eigenständigen, homogenen Kosmos hervorbringt, ist schon ziemliche Weltklasse. Das hat so gar nichts mit der Papageiensiedlung in Mainz-Lerchenberg zu tun, die er in "Siedlung" besingt, allenfalls ist das der Ort des Absprungs, wo Keemosabe und seine Lines die Flügel aufspannen: "Die einzige Türe, die ich niemals betreten kann, ist das Himmelstor."

Was sich auf den Vorgängern Skalp oder Otello und besonders in Songs wie "Whitney" angedeutet hat, scheint in "Geist" nun Gestalt anzunehmen: OG Keemo erschafft sich seine eigene Kunstfigur. Die funktioniert als eine Projektion kollektiver wie individueller Ängste, überschreitet Grenzen und zerrt Verdrängtes mal subtil, aber meist mit roher Gewalt an die Oberfläche. So sehr man sich auch dagegen sträubt, man muss einfach hinhören: "Ich hab' kein Herz, ich bin der Zinnmann. Halt' mich unter Wasser, teste, ob ich schwimm'n kann. Teste, ob ich mich verletze, setz' mich in Brand. Ich bin der Zinnmann, ich bin der Zinnmann." Mit dem liebevollen Vorbild aus dem Kinderbuch-Klassiker hat das so gar nichts mehr gemein.

Dabei ist das Ganze so maßlos übertrieben, dass es eine einzige Freude ist. "Geist" ist eine Feier der Fiktion und nutzt die Freiheiten, um auch politische Anklagen zu formulieren, wie sie in ihrer Radikalität und Intensität in deutschen Landen rar gesät sind. Dabei stützt sich "216" vor allem auf amerikanische Diskurse von Diskriminierung und Ausgrenzung: Bilder von aufbegehrenden Feldsklaven, Billie Holidays seltsame Früchte und ein schwarzer General in piekfeiner, weißer Generalsuniform, der sich selbst dem Strick ausliefert, singen das Lied vom Stillstehen der Geschichte, aber: "Halt ihn'n nie die andre Wange hin! Martin Luther tat es, und guck, wie sie ihn behandelten, Nigga."

Für die, die noch immer nicht gerafft haben, das wohl gerade niemand im Game auf so einem Level textet wie dieser Mainzer Rapper, der soll sich bitte "Nebel" anhören, schweigen und nicken: "Es ist hell, es ist laut. Es ist kalt, ich wach auf." Klein-Keemosabe macht zum ersten Mal in den Armen seiner Mam' die Augen auf, bis er wieder wegdämmert, wie ein "Junk auf Codein". Szenenwechsel, Augen auf: zu kleine Wohnung, streitende Stimmen - keine schönen Zeiten: "Ich lass' die Augen ruh'n und werde wach in einem Klassenzimmer", und in der Art geht es weiter, ein paar Mal blinzeln, und dazwischen ein ganzes Leben, das sich nicht wie das eigene anfühlt: "Die Einzige, die mich noch versteht, ist Michelle mit den gleichen Haaren." Uff!

Nicht weniger beeindruckt das Werken von Funkvater Frank, der seine fanatischen Digger-Qualitäten präsentiert. In "Geist" verwendet er ein Sample aus Quincy Jones' "Free At Last?", das damals zum Soundtrack der bekannten US-Miniserie "Roots" gehörte. Die Serie hat den gleichnamigen Roman von Alex Hailey zur Vorlage, der die Geschichte afroamerikanischer Unterdrückung am Beispiel einer Familie nachvollzieht. Es ist fast schon furchterregend, wie das Ganze, angefangen bei den Video-Arbeiten von Breitband bis eben zur Wahl kleinster Samples, ineinander übergeht und sich ergänzt. Nichts, aber auch gar nichts wird dem Zufall überlassen.

Das große Finale und das große Aufatmen ist schließlich "Outro", das sich anfühlt wie Rocky, der oben am Ende der Treppen steht und die Arme zum Triumph hochreißt. Funkvater Frank und OG Keemo feiern sich selbst und ihre Helden, und das völlig zu Recht. In Mainz, dem Philadelphia der Republik, trägt der kühle Wind den Jubel durch die Straßen: "Ich hör' die Siedlung singen: 'Sabe, Sabe, Sabe.'" Die letzten gespenstischen Worte vom Band verklingen, "so einen großen Geist konnten sie nicht fangen", und die Frage bleibt: War das real?

Trackliste

  1. 1. Teer (Prolog)
  2. 2. Nebel
  3. 3. SET
  4. 4. 55 (Interlude)
  5. 5. Siedlung
  6. 6. Geist
  7. 7. Belly Freestyle
  8. 8. Daimajin
  9. 9. 216
  10. 10. Neuner
  11. 11. Zinnmann
  12. 12. Faust
  13. 13. Outro

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