laut.de-Kritik

Große Melodien zwischen Kammerpop und Techno.

Review von

Ein ebenso stoischer wie bescheidener Beat klopft angedeutet technoid aus dem Hintergrund an. Davor schiebt sich eine wohlig-warme Kaminzimmer-Gitarre, eingebettet in zurückhaltend flirrende Keyboard-Effekte. Zum schicken Ensemble gesellt sich maskuliner Gesang, dessen ausdrucksvolles Timbre jede Zeile, jedes Wort, jede Silbe modelliert, als töpfere er die seine Lippen verlassenden Noten. "Some Time Soon" heißt das schöne Stück von "Evolution", einem neuen Highlight der Northern Lites.

Nach dem höchst gelungenen Dokument "Back To The Roots", samt nachgeschobener Liveplatte, stellte sich dem Erfurter Trio die Frage nach dem 'Weiter so oder doch verändert?'. Ihre Antwort fand anscheinend einen dritten Weg: Weiterentwicklung! Die zehn Tracks ihres 13. Studioalbums bieten auf den ersten Blick erst einmal nichts so Neues. Mit großen Melodien, elegantem Elektropop, Techno-Elementen und natürlich Frithjof Rödels Gitarre als Sahnehäubchen, bewegen sie sich grundsätzlich auf gewohntem Terrain.

Gleichwohl kann man hier nicht von jenem routiniertem Pegel halten sprechen, das all zu viele Genre-Kollegen - besonders auf der Superstar-Ebene - so fest in den Klauen hält. Northern Lite bedienen nicht lediglich eine Nische, sondern definieren und perfektionieren ihre ganz eigene Ausprägung. Das fängt schon bei der Verbindung von Elektropop mit Techno an. Wer in berechtigter Skepsis schnöden Futurepop aus der Schwarzkittel-Kirmesabteilung wittert, sollte sich hier unbedingt heilen lassen.

Denn den drei Könnern aus Thüringen gelingt atmosphärisch wie stilistisch tatsächlich die Quadratur des Kreises. Ihr Quasi-Techno dient gerade nicht dem üblichen Geschwindigkeitsrausch, sondern unterwirft sich einem Konzept der Entschleunigung. Es verhält sich zu herkömmlichem Geballer wie Gras zu Koks. Ähnlich ergeht es weiteren Verzierungen, die von Drum'n'Bass über Atari/C64-Sounds bis hin zu widerhallenden Dub-Mustern reichen. Alles darf mitspielen; kein Baustein muss vor der Türe warten. Aber die Bedingung lautet: Chef im Ring sind Melodie, Songwriting und eine weitgehend warme Grundstimmung.

Zwar ist es ein wenig schade, dass ausgerechnet ihre charismatische Gitarre diesmal eine zwar noch immer tragende, aber letzten Endes kleinere Nebenrolle spielt als zuletzt. Doch umso effektiver gerät die Wirkung ihres punktuellen Einsatzes. Dafür zieht Sänger Andreas Kubat sämtliche Register und das Hauptohrenmerk auf sich. Er bringt es paradoxerweise fertig, gleichzeitig stets ein wenig sediert zu klingen, ohne dabei auch nur das Geringste an nunancierter Betonung einzubüßen. "Green Apples" ist ein Paradebeispiel hierfür und eignet sich perfekt zur nächtlichen Entspannung mit Tiefgang.

Über Letztgenannten verfügen auch ihre Lyrics. Philosophierende Nachdenklichkeit und sarkastische Pointierung, wie etwa im simultan makabren wie amüsanten "Body In The Lake", hört man im Synthiepop nicht alle Tage. Leiche im See, nahezu buddhistische Gelassenheit und ein Hauch countrysken Lagerfeuer-Songwritings samt Akustikgitarre und plastinierter Steeldrums? So ein Lied muss man einfach lieben.

Sogar dort, wo es musikalisch etwas grobkörniger wird, bleiben sie in der Spur. Während man sich etwa zu Beginn von "Gone Tomorrow" noch fragt, ob dieses in tiefste Achtziger getauchte Spielautomaten-Gedudel wirklich notwendig ist, erobern sie den Gehörgang mit einer gnadenlos guten Gesangsmelodie, samt unwiderstehlichem Ohrwurm-Refrain.

Auch an der Balladen-Front überzeugen Northern Lite mit "Closer" und "Hoping" auf ganzer Linie. Bei Letzterem zeigt sich einmal mehr, welch ein Gewinn die sensible Gitarre für die Ausstrahlung ihrer Lieder ist, sobald man ihr den notwendigen Klangraum beschert. Bei der Suche nach dem passenden Format sei an dieser Stelle besonders jene Edition erwähnt, die als Bonus zehn Pianoversionen älterer Lieder im Köcher führt. Fazit: Nach 22 Jahren Bandgeschichte erweisen sich Northern Lite wie guter Wein, der mit jedem Album besser wird.

Trackliste

  1. 1. California
  2. 2. Green Apples
  3. 3. Some Time Soon
  4. 4. Body In The Lake
  5. 5. Red Apples
  6. 6. Closer
  7. 7. Gone Tomorrow
  8. 8. The One
  9. 9. Hoping
  10. 10. Welcome To Berlin

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