Porträt

laut.de-Biographie

Nipsey Hussle

Die ausgehenden Achtziger gehörten den Straßenpoeten von N.W.A., die Neunziger Suge Knights Death Row-Bagage. Dann ist irgendwie Schluss mit dem Qualitätsgaranten Westcoast-Rap. Ein neuer Name, auf den sich die Westküste kollektiv einigt und den Künstler daraufhin als Repräsentanten in Richtung Weltruhm schickt, fehlt.

Nipsey Hussle: Trauerfeier kostet ein weiteres Leben
Nipsey Hussle Trauerfeier kostet ein weiteres Leben
Tausende Menschen nahmen in Los Angeles Abschied vom ermordeten Rapper Nipsey Hussle. Am Rande der Gedenkfeier fielen Schüsse.
Alle News anzeigen

The Game war im Post-Millennium-Rap zwar nah dran an der Auszeichnung zum Westcoast-Posterboy, doch dann stand er sich bald selbst im Weg. Ein halbes Jahrzehnt nach dem Auftauchen von Chuck Taylor wagt ein neuer Rapper aus Los Angeles den Versuch: Ermias Ashgedom aka Nipsey Hussle gilt bald als neues großes Talent der linken Küste.

Nipsey wächst in Los Angeles' Bezirk Crenshaw, einem der Brennpunkte der Hollywood-Metropole auf. Gangs, Drogen, Gewalt heißen seine ständigen Begleiter. Es handelt sich um eine Frage der Zeit, bis sich der junge Nipsey den Machthabern im Bezirk, den Rollin' 60 Crips, anschließt.

Aus dem vorgezeichneten Weg, der traurigen Gratwanderung zwischen Tod und Gefängnis, offenbart sich für Nipsey jedoch bald eine Alternative: Sein Rap-Talent könnte ihn aus dem Ghetto-Teufelskreis befreien.

Der neuen Hustle, mit der sich Nipsey und seine Kumpels die Slauson Boys (Cobby Supreme, Hoodsta Rob, J Stone und Tiny Draws) die Zeit vertreiben, heißt Musik. Erste Erfolge stellen sich ein.

Mit Mixtapes erringt Nipsey sogar die Aufmerksamkeit des letzten großen Westcoast-Newcomers The Game. Außerdem landet ein Tape auf dem Schreibtisch von Industrie-Größe Jon Shapiro. Der Sony-Mitarbeiter nimmt den Rapper kurzerhand bei Epic/Sony als ersten Künstler seiner Cinematic Music Group unter Vertrag.

Nipseys Mixtapes (insbesondere die "Bullets Ain't Got No Names"-Reihe) liefern dem A&R Argumente genug. Aus dem 21-Jährigen könnte etwas ganz Großes werden. Der in L.A. ansässige Radio-DJ Felli Fel gibt ihm Recht und unterstützt Nipsey in Folge so gut er kann.

Mit "Hussle In The House" hat Herr Hussle schließlich, auch dank des gleichen Samples wie einst Kriss Kross' "Jump", sogleich einen astreinen Hit parat, der sowohl im Radio als auch auf der Straße funktioniert. Nipsey gefällt mit seinen Skills, die an Snoop erinnern, dabei aber einen deutlich rougheren Ton anschlagen.

"South Central State Of Mind" soll die oft erzählte Geschichte des "Vom Gangster zum Rap-Superstar"-Mythos wiederholen. Mit Nipseys Streetcredibility und den Industriekontakten von Jon Shapiro sind dafür zumindest die Grundvoraussetzungen erfüllt. Den Arbeitseifer trägt Nipsey zudem bereits im Namen.

Dennoch lauert die Gefahr, dass seine kriminelle Vergangenheit dem aufstrebenden Künstler ein Bein stellt. Aus seiner Zugehörigkeit zu den Rollin' 60s, der größten Crip-Gang des Landes, macht er keinen Hehl. Seine Erfahrungen von der Straße liefern dem Rapper aber ein schier endloses Arsenal an Geschichten.

In typischer Westcoast-Manier geht es meist um die üblichen Insignien (Dickies und Converses), den Fuhrpark und die Ghetto-Realität unter der kalifornischen Sonne. Nipsey Hussle macht aus dem begrenzten Themenspektrum jedoch ein unterhaltsame Ghetto-Reportage mit Breitenwirksamkeit.

Der Weg zeigt steil nach oben. Nicht nur weil zahlreiche Kollaborationen, unter anderem mit The Game, Sean Kingston, Lloyd und Westcoast-Legende Snoop Dogg folgen.

Nipsey Hussle - Crenshaw Aktuelles Album
Nipsey Hussle Crenshaw
Straighter Street-Rap pumpt blaues Blut.

Das XXL Magazine hat inzwischen auch Wind von dem Talent bekommen und nimmt Nipsey Hussle in die 2010er-Runde seiner Freshmen Class auf. "Der hingebungsvollste seines Jahrgangs", so betiteln sie ihn, während L.A. Weekly in ihm "den nächsten großen MC aus Los Angeles" ausgemacht zu haben glaubt.

Die Zusammenarbeit mit Epic funktioniert trotz all dieser Lorbeeren nicht wie geplant: Ende 2010 trennt sich sein Label von Nipsey Hussle. Der zieht fortan unter dem Banner All Money In seine eigene Plattform auf. Das erste Mixtape hier trägt den programmatischen Titel "The Marathon".

Genau das, ein Marathon, soll folgen: Nipsey Hussle veröffentlicht Mixtape um Mixtape - nur sein seit 2012 schon ins Gespräch gebrachtes Album "Victory Lap" will und will nicht erscheinen.

Zwischenzeitlich nacht das Gerücht die Runde, Nipsey Hussle werde bei Rick Ross' Maybach Music Group unterkommen. Trotz zahlreicher Hinweise, darunter ein Kollabotrack mit dem Labelboss, nimmt diese Kooperation aber nie richtig Gestalt an.

Nipsey Hussle schlägt letzten Endes alle Angebote aus und gibt bekannt, sich seine Unabhängigkeit und künstlerische Freiheit bewahren zu wollen. Statt "Victory Lap" schickt er 2013 erst einmal ein weiteres Mixtape, "Crenshaw", ins Rennen. Jay-Z zeigt sich davon so begeistert, dass er gleich hundert Exemplare davon erwirbt, für 100 Dollar das Stück.

Im gleichen Jahr bandelt Nipsey Hussle mit Schauspielerin Lauren London an: eine Beziehung, die sich als dauerhaft herausstellen soll. Drei Jahre später werden die beiden Eltern. Für Nipsey keine ganz neue Erfahrung: Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits Vater einer Tochter.

"Victory Lap", das Baby, mit dem er deutlich länger als neun Monate schwanger ging, erblickt das Licht der Welt schließlich doch noch: Das Album erscheint im Februar 2018. Im Jahr darauf unterliegt es im Rennen um den Grammy für das beste Rap-Album des Jahres nur knapp. Pitchfork schwärmt vom "packendsten Werk in seinem kompletten Katalog".

Im Grunde stehen alle Zeichen auf Erfolg, als im Frühjahr 2019 die traurige Kunde die Runde macht: Nipsey Hussle lebt nicht mehr. Auf einem Parkplatz im Süden Los Angeles kommt es am 31. März zu einer Schießerei, bei der er sich mehrere Kugeln einfängt. Zusammen mit zwei weiteren Verletzten wird er ins Krankenhaus gebracht, wo die Ärzte allerdings nur noch den Tod des 33-Jährigen feststellen können.

Kurz zuvor hatte Nipsey Hussle via Twitter kund getan, es sei "ein Segen", starke Feinde zu haben. Bewahrheitet hatte sich eher eine andere, viel ältere seiner Prophezeiungen: "Bullets Ain't Got No Names".

News

Alben

Surftipps

1 Kommentar mit 2 Antworten