laut.de-Kritik

Der Herzschlag von Pink Floyd.

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Lasst uns nicht drum herumreden: Jeder, der mehr als zwei Pink Floyd-Alben kennt, sollte "Live At The Roundhouse" einen Hördurchlauf gönnen. Das Frühwerk dieser Band ist so reichhaltig und farbenfroh und überhaupt vital, dass der Durchschnittshörer verständlicherweise vor der schieren Masse an Studioalben, den kolossalen "The Early Years"-Boxsets oder den tausenden Rauschebootlegs im Hinterzimmer des örtlichen Plattenladens zurückschreckt.

Nick Mason's Saucerful Of Secrets machen dieses Erbe erfahrbar, komprimieren es und spendieren dem Material obendrein ein einheitliches Soundfundament. Aufmachung und Setlist jedenfalls schreien: Shut up and take my money!

Seit 2018 ist die Gruppe um Floyd-Drummer Mason (einziges auf allen Studioalben vertretenes Bandmitglied), Spandau Ballet-Gitarrist Gary Kemp, Floyd-Live-Basser Guy Pratt, Ex-Blockheads-Gitarrist Lee Harris und Keyboarder Dom Beken aktiv. Ihre Live-Shows erinnern trotz klarem Retro-Setting aber eben nicht immer nur an die mannigfaltigen Bootlegs der frühen 70er, die meist aus zwanzigminütigen Versionen der immer gleichen Songs bestanden.

Natürlich gibts auch hier die erträumte Psych-Ladung ("Set The Controls For The Heart Of The Sun"), doch garnieren die fünf Saucer das Ganze mit reichlich diskografischem Kleinod. Fans des flamboyanten ersten Fronters Syd Barrett müssen sich nicht einfach mit "Interstellar Overdrive" und "Astronomy Domine" abspeisen lassen - nein, sie bekommen die volle Debüt-Dröhnung samt jugendlicher Beatles-Naivität ("Arnold Layne"), grenzwertigem Klamauk ("Bike") und sogar einiger Live-Premieren ("Lucifer Sam").

Und wie klingt das? Tja, eigenwillig, aber professionell. Spandau-Gitarrist Kemp outete sich bereits vor den ersten Gigs als jahrzehntelanger Floyd-Connaisseur. Diese Begeisterung schwingt nicht selten in seinen Gesangslinien mit, die er sich mit Floyd-Alumni Pratt teilt. Sein Hang zur quetschigen Überakzentuierung mag für manchen ein Stein des Anstoßes sein – man kann es aber auch als gelungenes Gegenstück zu Barretts nicht minder eigenwilligem Vokalstil betrachten.

Da der Querschnitt durch die Diskografie aber ohnehin alle sieben Studioalben vor dem Erscheinen von "The Dark Side Of The Moon" umfasst, und die beiden damit nicht nur Barrett, sondern insgesamt vier verschiedene Stimmen abdecken müssen, kann man auch einfach mal sagen: Chapeau!

Spielerisch sind Nick Mason's Saucerful Of Secrets den Sixties-Floyd offenkundig weit überlegen. 'Klingt wie 'ne Coverband'-Kritiker können sich argumentativ gewiss darauf stützen, dass mit Kemp und vor allem Pratt (Pink Floyd sowie David Gilmour, aber eben auch Madonna und Michael Jackson) zwei sehr routinierte Instrumentalisten an Bord sind.

Statt aber wie die großen Tributebands sogar die Fehler der Originale zu kopieren (so spricht jedenfalls Mason), mischen gerade Harris und Beken immer wieder bisher ungehörte Klavier- und Slide-Guitar-Tupfer bei. Und gleichgültig, ob kultige Stereoeffekte, Basssoli oder fiese Vibraphon-Kaskaden: Wie die Dauergrinser im DVD-Format deutlich untermauern, bereitet den Musikern das Spiel mit den Nuancen allergrößte Freude. Nuancen, die selbst das dank Waters- und Gilmour-Tourneen ausgelutschte "One Of These Days" für Altfans wieder erfahrbar machen.

Das Mensch gewordene Gaffer-Tape, das den Zirkus sowohl zusammen-, als auch auf dem Boden der Tatsachen hält, versteckt sich dabei wie seit jeher hinterm Drumset. Was Nick Masons Schlagzeugspiel selbst angeht, kann man nicht genug betonen, wie viel besser ihm das Material der frühen Alben im direkten Vergleich zu "Dark Side" oder "The Wall" liegt.

Es ist leicht, Pink Floyd neben den Beatles und Metallica zur Riege der einflussreichen Bands mit unterdurchschnittlichem Trommler zu zählen. Aber es ist eben auch falsch.

Denn Mason ist schlicht und ergreifend kein Prog-, sondern ein Psych-Rock-Drummer. "Comfortably Numb" oder "Money" zeigten ihn als mediokren Begleitdrummer, die auf "Live At The Roundhouse" vertretenen Nummern wie "See Emily Play" und "A Saucerful Of Secrets" hingegen als treibende, gleichzeitig aber sehr unaufgeregte, Ringoeske Kraft im Hintergrund – oder im letzteren Fall auch als greifbare Kraft beim Songwriting.

Der Schere zum Opfer gefallen sind leider jegliche Ansagen der Beteiligten, wobei gerade der Namenspatron eigentlich mehrere amüsante Anekdoten über schlechte Bandnamen und geklaute Gongschlägel auf Tour ausplauderte. Doch Nick Mason's Saucerful Of Secrets möchten lieber die Musik sprechen lassen. Lasst uns darüber reden.

Über die Heavy Metal-Vibes in "The Nile Song" (ein Jahr älter als Black Sabbath), über die ziemlich bösen Synth-Experimente in "Obscured By Clouds" (zu einer Zeit, als Kraftwerk noch Krautrock spielten) und über dieses Feeling der weingetränkten, lauen Festivalnächte der Siebziger, das die Gruppe hier mit "Fearless" und "Green Is The Colour" mit einer Leichtigkeit wieder heraufbeschwört.

Und lasst uns darüber reden, dass es trotz aller Raritäten am Ende dann doch ein langjähriger Liveklassiker ist, der die Endorphine säckeweise über den Köpfen der Hörenden entleert. Schließlich muss man kein alter Sack sein, um den emotionalen Kick zu spüren, den der hier immerhin fragmentarisch eingebettete "Atom Heart Mother"-Lauf auch 50 Jahre nach Release noch auslöst. Zum Heulen schön.

Lasst Gilmour und Waters mit ihren Big-Hit-Reisen so viel touren, wie sie wollen. 2020 huldigen wir Sir Nick und Kumpanei. Auf den Gralshüter. Prost!

Trackliste

  1. 1. Interstellar Overdrive
  2. 2. Astronomy Domine
  3. 3. Lucifer Sam
  4. 4. Fearless
  5. 5. Obscured By Clouds
  6. 6. When You're In
  7. 7. Remember A Day
  8. 8. Arnold Layne
  9. 9. Vegetable Man
  10. 10. If
  11. 11. Atom Heart Mother
  12. 12. If (Reprise)
  13. 13. The Nile Song
  14. 14. Green Is The Colour
  15. 15. Let There Be More Light
  16. 16. Childhood’s End
  17. 17. Set The Controls For The Heart Of The Sun
  18. 18. See Emily Play
  19. 19. Bike
  20. 20. One Of These Days
  21. 21. A Saucerful Of Secrets
  22. 22. Point Me At The Sky

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LAUT.DE-PORTRÄT Pink Floyd

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6 Kommentare mit 10 Antworten

  • Vor einem Monat

    Zum tausendsten Mal: Ringo Starr ist einer der besten Rockdrummer überhaupt. Ich glaube, er ist heute immer noch der teuerste Studiodrummer der Welt - angesichts dessen, daß viele seiner Beteiligungen längst nicht so prominent beworben werden wie sie es könnten, muß das auch an seinen Fähigkeiten und seinem sensiblen Groovegefühl liegen.

    Das Projekt klingt sehr interessant! Von Floyd steh ich fast nur auf die Barrett-Sachen (wegen später fehlender Energie, Wildheit, Hoden oder wie auch immer man es nennen möchte), also werde ich hier wirklich mal reinhören. Das verspricht mir jedenfalls viel weniger Einschlafmaterial als die Livemitschnitte, die noch unter dem großen Namen liefen.

    • Vor einem Monat

      "Ich glaube, er ist heute immer noch der teuerste Studiodrummer der Welt"

      Ich frage mich, warum. Dass der Typ weitaus besser ist als sein Ruf steht außer Frage. Aber teure Session Musiker können sich m.E. nicht leisten, nur ein Genre bedienen zu können. Die glänzen gerade duch ihre Vielseitigkeit. Und die besitzt er nicht.

      Ändert freilich nichts daran, dass er mit den Beatles Großes geleistet hat.

      Aber ja, wenn Rezensenten nicht verstehen, wie Musik gemacht wird. Werter Rezensent: Der Groove auf Pink Floyds Money ist beileibe kein mediokeres Beiwerk. Das Stück verlangt, dass der Groove "unisono" auf den Bass- und Gitarrenspuren aufliegt. Alle Alternativen (Synkopierungen, Chops etc) würden von hier nur ablenkend und unnötig selbstreferenziell wirken. Nur weil's simpel ist, ist es nicht weniger musikalisch oder "mediokerer" als technisch anspruchsvolleres Spiel.

    • Vor einem Monat

      Gab letztens zu Ringos 80tem einen ehrenrettenden Artikel in der Zeit, in dem z.B. Huldigungen seines Spiels durch Mike Portnoy und Vinnie Colaiuta zitiert werden:
      https://www.zeit.de/kultur/musik/2020-07/r…

      Wobei mir persönlich das Schlagzeug bei den Beatles auch häufig negativ auffält. Das liegt aber m.E. vor allem am (nach heutigen Maßstäben) sehr komischen Drumsound.

      Ich muss hier weiterhin einen Stab für den armen Lars Ulrich brechen. Natürlich ist er kein Marco Minnemann, aber Kirk Hammett ist auch kein Govan Guthrie - um mal in dieser Analogie zu bleiben. Wenn ich Metallica live gesehen habe, kamen die gröbsten Verspieler (eigentlich immer, wenn er langsam und exakt spielen musste) alle vom Hammett. Also mal schön den Ball flach halten und nicht immer diese wohlfeile Mär nachplappern!

    • Vor einem Monat

      Ist natürlich was dran, Schwinger. Für Jazz wird Starr in der Regel nicht gebucht. Er hat eben ein ganz bestimmtes Groovegespür, das nicht leicht zu imitieren und vor allem für Pop-/Rock-/Blues-Songs gebucht wird. Ich vermute, wenn nicht 128tel-Noten gespielt werden, bemerkt der Rezensent einen guten Drummer nicht.

    • Vor einem Monat

      "Ich muss hier weiterhin einen Stab für den armen Lars Ulrich brechen."

      Der Typ versagt beim wichtigsten Job, nämlich die Time zu halten. Und das nach +30 Jahren Bühnenerfahrung.
      Case closed.

    • Vor einem Monat

      Nun lasset den armen Dänen in Frieden!
      Er hatte stets nur die Wahl zwischen Drums und Tennis!
      Wie würdet Ihr euch fühlen, müsstet Ihr entweder hausen bei den Ratten oder bei den Maden?

    • Vor einem Monat

      "Der Typ versagt beim wichtigsten Job, nämlich die Time zu halten."

      Das bestreite ich ja gar nicht, ich setze es nur ins Verhältnis zu seinem Leadgitarristen, der sich ständig verspielt, sobald er nicht irgendwas dudeln kann, sondern langsam und präzise spielen muss (z.B. live das Intro von Fade to black... war jedesmal eine Katastrophe, wenn ich die Jungs gesehen habe).

      Ich will nur darauf hinaus, dass nicht der Larsi eine Pfeife inmitten einer Ansammlung von Berklee-Absolventen ist, sondern dass die alle auf einem ähnlichen Niveau spielen (Trujillo lasse ich mal außen vor, den kann ich nicht einschätzen).

    • Vor einem Monat

      Nun, ist es dann nicht in etwa so wie mit den Kommentatoren auf laut.de? Ist nicht dann ein jeder ein Lars von uns?

    • Vor einem Monat

      Bei Lars isses irgendwie umgekehrt - je langsamer er spielt, umso besser. Zumindest war das beste Drumming, was ich von ihm gehört habe, auf dem fast allseits verhassten "Lulu", was von sehr getragenem, fast schon jazzigen Spiel geprägt war.

  • Vor einem Monat

    War 2018 in Berlin dabei. War schon ein ziemliches Fest.

  • Vor einem Monat

    Super update, druckvoll und kein bisschen verstaubt (leider an mir vorbeigegangen). Erfrischend, dass die beiden Gitarristen es nicht nötig haben, wie Gilmour klingen zu wollen - so wie Gilmour klingt halt nur Gilmour, und die etwas rockigeren Gitarrensounds bringen sicherlich frischen Wind rein.
    Im übrigen ist so verkehrt Masons Geklöppel nun auch nicht, siehe z.B. Astronomy Domine weiter oben (oder mal in Scream thy Scream reinhören). Ist halt nicht so der filigrane Techniker, sondern scheint insgesamt eher was für Tribals u.ä. übrig zu haben. 10-20 Jahre jünger hätte er vielleicht Industrial gemacht.

  • Vor einem Monat

    Wirklich stark, hab sie eben mit DVD bestellt. Aber Waters' Stimme gefällt mir um einiges besser.

  • Vor einem Monat

    Eine handwerklich saubere, im Vergleich zu den Originalversionen gestraffte Live-Compilation früher Pink-Floyd-Perlen. An sich wenig essentiell, aber die mitunter exotische Songauswahl weiß durchaus zu begeistern. Besonders die Non-Album-Singles aus der Anfangszeit der Band werden ja durchaus gerne mal übersehen.

  • Vor einem Monat

    Die PF Cover Band Interstellar Overdrive, die haben Eier. Spielen Dogs in der Originalversion 20min+. Da bekommt man Gänsehaut; und das schöne ist, man kann sie sich auch in unseren Breiten ansehen- Tourplan sollte zu bekommen sein.