Vor 15 Jahren stellte sich der Porno-Rapper in der ARD den Fragen der Feministin Alice Schwarzer – ein folgenschwerer Auftritt.

Konstanz (dol) - "Jetzt sitzen Sie hier. Jetzt müssen Sie uns dazu mal Rede und Antwort stehen." Im April 2007 sieht sich Manuel Romeike einem TV-Tribunal gegenüber. Die Redaktion der Talkshow "Menschen bei Maischberger" hatte den als King Orgasmus One bekannten Rapper zum Thema "Früher, härter, unromantischer – Sex ohne Liebe?" geladen und als besonderes Schmankerl die Feministin Alice Schwarzer als Vertretung für Sandra Maischberger aufgefahren. Zwischen Jugendschützern, einer früheren Klosterschülerin und dem Opfer einer Massenvergewaltigung sollte er sich für sein Werk rechtfertigen.

Ursprünglich hatte die Redaktion einen prominenteren Rap-Vertreter vorgesehen. Bushido hat dann aber doch "nicht die Eier gehabt", wie Alice Schwarzer genussvoll betont. Auch Frauenarzt stand auf der Shortlist, doch er riecht den Braten frühzeitig: "Es war ja von Anfang an klar, wohin die Sendung führen sollte. Und Promo hätte es mir auch keine gebracht. Die brauchten nur jemand, auf dem sie herumhacken konnten." Er sollte Recht behalten. Als King Orgasmus One merkt, dass er sich freiwillig zur Schlachtbank begeben hat, ist es bereits zu spät.

"Ist Ihnen sowas eigentlich nicht peinlich?"

Alice Schwarzer tritt als Gouvernante auf, die nicht im Traum daran denkt, Nachsicht mit dem frechen Lümmel walten zu lassen, der sich grinsend hinter dicken Sonnenbrillengläsern versteckt. Der Rapper wirkt fahrig, bekommt kaum einen gerade Satz heraus und dringt nur einmal damit durch, dass man seine Pornos und seine Musik "nicht zu ernst nehmen sollte". Doch Schwarzer fehlt jedes Interesse daran, den infantilen Humor des selbsternannten Sexkönigs als solchen hinzunehmen. Mit maximaler Ernsthaftigkeit fährt sie dem verunsicherten Gast in die Parade: "Sind Frauen keine Menschen?"

Ihre nachhaltige Wirkung entfaltet die Sendung, als Schwarzer das Werk des Rappers zitiert. Ausgiebig stellt sie "Du Nichts, Ich Mann" aus dem Album "Fick Mich ... Und Halt Dein Maul" und "A.N.A.L." aus "OrgiAnal Arschgeil" vor. Für unbedarfte Ohren dürfte sich angesichts der rohen Nacktheit der Songtexte die Hölle auftun. "Ist Ihnen sowas eigentlich nicht peinlich?", fragt die Moderatorin den Rapper, der ihre Präsentation halb abwesend, halb grienend über sich ergehen gelassen hat. Geradezu mit Comedy-Timing erwidert dieser einmalig neben der Spur: "Öhh ... nö."

Im Nachhinein zeigt sich King Orgasmus One ungehalten. Schwarzer habe sich nicht an Absprachen gehalten. Im Interview mit MC Bogy beschwert er sich, dass er zuvor betont habe, über indizierte und beschlagnahmte Songs nicht reden zu dürfen. Sie habe es dann einfach "komplett rausgehauen" und er habe gedacht: "Alter, das kann sie doch nicht bringen. Das geht jetzt richtig nach hinten los." Zumindest finanziell soll sich sein Auftritt dadurch gelohnt haben. So behauptet er, dass es ihm 6.000 € eingebracht hätte, obwohl er deutlich mehr hätte verlangen können, wie er betont.

Mit seiner Leistung zeigt er sich zufrieden. Gegenüber TV Strassensound führt er den misslichen Auftritt auf Schwarzers Animosität zurück: "Für sie war ich auf jeden Fall ein Dorn im Auge." Sie sei halt eine "extreme Feministin", erklärt er kopfschüttelnd, als handele es sich um eine Marotte, aus der sie noch herauswachsen werde. In der Juice stuft er seine Selbstdemontage zum blauen Auge herab: "Ich finde, ich habe mich tapfer und gut geschlagen. Ich bin nicht von meiner Meinung abgegangen." Kleinlaut räumt er zumindest ein, sich "vielleicht nicht perfekt ausgedrückt" zu haben.

Zwischen "Verbaldurchfall" und "Ego-Show"

Die medialen Reaktionen fallen eher verheerend als gnädig aus. King Orgasmus One habe ein "Bild des Jammers" geboten, schreibt die FAZ. Der Spiegel erkennt "eine Runde der Extreme". Romeike scheitere so kläglich daran, "seine provokanten, übertriebenen 'Ich bin der Größte und besorg's dir, du Hure'-Texte mit Freiheit der Kunst und Ironie zu erklären", dass es "durchaus etwas Amüsantes" habe. Mit einem eloquenteren Rapper hätte sich die Sendung "Glaubwürdigkeit bei der Zielgruppe und dringend nötiges Verständnis bei der älteren Generation" verschaffen können.

Über seine "Beschränktheit hätte man lachen können", urteilt die Berliner Morgenpost, "wäre Romeike nicht nur ein Vertreter einer ganzen Brutalo-Rapper-Szene, deren Songs zahllose Kinder problemlos aus dem Internet herunterladen können." Der bekannte TV-Kritiker Hans Hoff bemängelt in der Süddeutschen Zeitung zwar ebenfalls den "Verbaldurchfall" des Rappers, stößt sich aber noch stärker an der Gesprächsführung, die einer Prüfung oder einem Verhör ähnele. In ihrer "Ego-Show" wirke Schwarzer so, "als mache es ihr richtig Spaß, mit vollen Händen aus der Gosse zu schöpfen".

Selbst in der Rap-Szene, die ihre Wagenburgmentalität selbst in Friedenszeiten pflegt, sorgt Orgis Performance für Stirnrunzeln. Er sei "von dieser komischen Alice Schwarzer mit Haut und Haaren gefressen" worden, "weil er sich nicht artikulieren" könne, gibt Bushido in der Juice eiskalt zu Protokoll. Auch Frauenarzt gibt zu, dass sein Wegbegleiter "nicht der Wortgewandteste" sei, stößt sich aber auch an der Moderation: "Da kämpft sie für Frauenrechte und pocht auf Gleichberechtigung, stellt dann aber in dieser Sendung Frauen die ganze Zeit als hilf- und wehrlose Geschöpfe dar."

"Gut, dass ich nicht in seiner Haut stecke", dachte sich Schwartz. Schon durch die Ausgangssituation habe der Rapper nur verlieren können. Während die Mitdiskutanten aus der "Überlebenden-Perspektive" sprechen, habe King Orgasmus One dort "quasi stellvertretend für die Täter" sitzen sollen: "Das ganze Ding ist surreal!" Er habe sich dadurch nicht "fertig machen lassen", aber ebenso wenig clever argumentiert. "Wenn du Orgi kennst, dann ist es halt auch lustig. Aber so von außen gesehen, wirkte er einfach komplett überfordert mit der Situation – was er vermutlich auch war."

Unterstützung von Pilz, MC Bogy und der Netzkultur

Für derlei Differenzierungen hat MC Bogy wenig übrig. Er habe alles "genau richtig gemacht", versichert der arglose Atzenkeeper im Gespräch mit King Orgasmus One. Immerhin gebe es einen solchen "Promoschub" nur selten. Auch Pilz stellt sich bedingungslos an seine Seite. "Alice Schwarzer hat die Kunst nicht verstanden. Alice Schwarzer möchte diese Art von Kunst auch nicht verstehen. Probs an Orgi, dass er sich in ihre Sendung gesetzt hat", erklärt sie kämpferisch in der Backspin und schießt im gemeinsamen Song "Es Gibt Kein Battle 4" mit Mordfantasien weit übers Ziel hinaus.

Ohnehin setzt die musikalische Verarbeitung sofort ein. Noch bevor die Netzkultur in den sozialen Netzwerken ihre volle Kraft entfaltet, avanciert der Auftritt zum Meme. Hobbyproduzenten schneiden Schwarzers Vortrag, unterlegen ihn mit Instrumentals und laden ihre Ergebnisse auf YouTube und SoundCloud hoch. Und auch King Orgasmus One selbst beweist Humor und lässt von Jim Tonic einen "Alice RMX" für seinen Labelsampler erstellen. So reiht sich die Feministin ungefragt neben Joka, Sera Finale oder Hollywood Hank auf "ILM Sampler II" ein.

Ein knappes Jahrzehnt später überführen SXTN die Schwarzer-Sprachsamples in ihr "Asozialisierungsprogramm". Lustvoll spielen sie in "Hass Frau" mit Perspektiven, wenn sie mit der Feministin im Trio von ihrem "Schwanz" rappen. Der Tagesspiegel zeigt sich davon weniger angetan. Die Rapperinnen spielen mit Orgis "Frauen-Unterwerfungsfantasien", doch ihr Ansatz könne "beim besten Willen nicht mehr als feministische Selbstermächtigung gesehen werden". Es sei "schlicht menschenverachtende Provokationslust und wohl auch das traurige Spiegelbild einer misogynen Szene."

Auch die sonst linksalternative Taz rümpft im Angesicht des Brachial-Feminismus von SXTN die Nase. Sie rappen versierter als Orgi, dessen "Frauenverachtung" sie weiterführen. "Wenn zwei Frauen 'Kotz auf meinen Schwanz' fordern, mag das den Gehalt der Aussage ad absurdum führen", auf den "eindeutigen ironischen Bruch mit der Dicke-Hose-Nummer" warte die Hörerschaft aber vergebens. Ganz im Gegenteil sogar ließe sich einwenden. Juju und Nura streiten jede Distanzierung regelrecht ab, indem sie den Berliner als Gast auf den Remix ihres Songs "Hass Frau" einladen.

Neue feministische Sicht, neue mediale Regeln

SXTNs selbstbewusster Umgang mit der Prügel-Poesie des King Orgasmus One lässt sich repräsentativ für jüngere feministische Strömungen lesen, die mit Alice Schwarzers Kampf gegen Prostitution und Pornografie zunehmend fremdeln. Die Feministin lebe im "Bunker der Binarität", warf ihr unlängst die Taz nach transphob wahrgenommenen Aussagen vor. Romeike wiederum verheddert sich zwar in reaktionären Haltungen, was gerade einem Porno-Rapper schlecht zu Gesicht steht, winkt aber auch ab: "Von mir aus können auch Transsexuelle auf der Bühne stehen und rappen – das ist mir egal."

Medial hat sich die Sicht ebenfalls verschoben. Selbst seriös gemeinte Sendungen erfreuen sich heute daran, wenn ihnen etwa ein sympathischer Schlingel wie Sido mit einem deftigen Statement die Reichweite erhöht. Und bei aller Liebe für politische Korrektheit lässt sich auch King Orgasmus One nur schwer dämonisieren, dieser schrullige Sonderling, der sich als einer der ersten Deutschrapper konsequent zu einer Art wandelnden Comicfigur überhöhte – mit charakteristischer Sonnenbrille und explosiver Lache zwischen Kleinkind ohne Affektkontrolle und Batman-Bösewicht.

Fotos

SXTN und Bushido

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