Die britische Musikszene steht unter Schock: Mit dem 63-jährigen Terry Hall verabschiedet sich einer der intelligentesten Texter des Landes.

Konstanz (mis) - Terry Hall ist tot. Der Sänger der einflussreichen britischen Ska-Band The Specials starb im Alter von 63 Jahren nach kurzer Krankheit, so die Mitteilung der Band auf Social Media. "In tiefer Trauer verkünden wir den Tod von Terry, unseres wunderbaren Freundes, Bruders und einem der brillantesten Sänger, Songwriter und Texter, die dieses Land je hervorgebracht hat", beginnt die einfühlsame Nachricht der verbliebenen Bandmitglieder Lynval Golding (Gitarre) und Horace Panter (Bass). "Seine Musik und seine Auftritte verkörperten die wahre Essenz des Lebens ... die Freude, der Schmerz, der Humor, der Kampf für Gerechtigkeit, aber vor allem Liebe", heißt es weiter.

Der frühere Specials-Percussionist Neville Staples, der neben Hall auch als Sänger fungierte, erfuhr vom Tod seines Freundes am Sonntag. Auf Facebook schreibt er: "Wir sind in Ägypten aus dem Flugzeug gestiegen, wo wir unseren Urlaub verbringen wollten, als meine Frau und Managerin Sugary viele Anrufe von Lynval Golding und anderen bekam. Wir wussten, dass es Terry in letzter Zeit nicht so gut ging, erst vor kurzem erfuhren wir, dass es ernst sei. Für 2023 gab es schon gemeinsame Pläne. Diese Nachricht trifft mich schwer und muss extrem schwierig für seine Frau und seine Familie sein. Im Musikgeschäft gibt es viele Höhen und Tiefen, aber ich werde die großartigen Erinnerungen an Terry für immer behalten, wie wir als Sänger der Specials und Fun Boy Three Geschichte geschrieben haben. Mach's gut, Terry!"

Die Specials gründeten sich im Zuge der Punkbewegung im Jahr 1978 und setzten mit ihrem Label 2-Tone und dem Album-Meilenstein "Specials" eine neue Jugendbewegung in Gang. Zusammen mit den Labelkollegen Madness und The Selecter rekurrierte die Band aus Coventry auf jamaikanische Ska-Acts der 60er Jahre und kämpfte unter dem schwarz-weißen Farbbanner des Labels für Gleichberechtigung und Toleranz. Bereits 1981 bricht die Band nach zwei Studioalben auseinander, kurz nach Veröffentlichung ihres größten Hits "Ghost Town", der die Rassenunruhen und die hohe Arbeitslosigkeit im damaligen Thatcher-England thematisisert.

Anschließend gilt die Band über Jahre, analog zu den Smiths, als nicht reunierbar. Speziell aufgrund der Fehde zwischen Sänger Hall, der mit den Kollegen Golding und Staples kurz nach dem Split die Band Fun Boy Three ins Leben ruft, und Songwriter Jerry Dammers. Während letzterer sich von der Songwriting-Bühne verabschiedet, verfolgt Hall eine Solokarriere, die ihn auch mit Dave Stewart, Damon Albarn und Tricky zusammen bringt. Zu großen Specials-Fans zählen außerdem Massive Attack, die Zeilen des Songs "Blank Expression" auf ihrem "Protection"-Album zitieren.

Anfang des Jahrtausends leidet Hall unter Schizophrenie und ist manisch depressiv. Der Genesungsprozess bewirkt auch ein neues Interesse am Wiedersehen mit seinen ehemaligen Bandkollegen. Im Zuge einer von Roger Daltrey organisierten "Teenage Cancer Trust"-Charityshow nähern sich die Specials wieder an und es kommt zu Reunionkonzerten - ohne Dammers. Viele Jahre spielt die Band ihre alten Hits für nachgewachsene Fan-Generationen - auch auf der Bühne, u.a. mit Amy Winehouse 2009.

Überraschend kündigt die Band, bestehend aus Hall, Golding und Panter, im Jahr 2019 ein neues Studioalbum an: "Encore" erscheint damit 39 Jahre nach "More Specials". 2021 setzt die Band mit "Protest Songs 1924-2012" eine im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung spontan entstandene Idee um, Protestlieder von Größen wie Frank Zappa, Leonard Cohen und Bob Marley aufzunehmen, die Polizeigewalt, Rassendiskriminierung und Straßen-Aufstände zum Thema haben.

Auf die Frage, ob "Ghost Town" aufgrund des nach wie vor aktuellen Texts in Zeiten von Globalisierung und unwürdigen Brexit-Szenarien der wichtigste Specials-Song sei, antwortete Hall im Interview 2019: "Ich denke schon. Rückblickend spielt es keine Rolle, in welchem Jahr er veröffentlicht wurde, denn er hätte zu jedem Jahr gepasst. Aus dem Song spricht allerdings auch Optimismus, den wir gerade heute nicht aus den Augen verlieren dürfen. Etwa dass wir Menschen besser aufeinander achtgeben sollten, wobei ich vermute, dass man erst 60 Jahre alt werden muss, um daraus diese Schlussfolgerung zu ziehen." Terry Hall hinterlässt eine Frau, einen Sohn sowie zwei Söhne aus erster Ehe.

Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler drückten über ihre Social Media-Accounts bereits ihr Beileid aus, darunter Sleaford Mods, The Libertines, Massive Attack und Geoff Barrow (Portishead). Damon Albarn stellte ein Video ein, in dem er "Friday Night, Saturday Morning" anspielt, untertitelt mit dem Satz: "Terry you meant the world to me. I love you."

Update 21. Dezember: In einem längeren Facebook-Posting benennt Horace Panter die Todesursache: Hall litt an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er hatte im September von der Krankheit erfahren.

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