Die ermüdend langatmige Dokumentation porträtiert eine deutsche Erfolgsgeschichte und entpuppt sich am Ende doch als die nächste PR-Inszenierung.

Gartenzaun/Kleinmachnow (rnk) - Sechs Stunden mit Bushido. Dieses Vergnügen erwartet den Amazon Prime-Kunden, wenn er wirklich alle Episoden der sogenannten Dokumentation "Unzensiert: Bushido's Wahrheit" schafft.

Schon der Kinofilm "Zeiten ändern dich" lud 2010 dazu ein, die Geschichte vom kleinkriminellen Schulabbrecher zum Millionär mitzuerleben. Besagter Streifen ging seinerzeit an den Kassen und vor allem bei der Kritik gnadenlos baden, trotz prominenter Besetzung mit zum Beispiel Moritz Bleibtreu in der Rolle von Ehrenmann und Manager Arafat Abou-Chaker.

So lauteten jedenfalls die Liebesschwüre, die Bushido auf seinen Mentor jahrelang sang, bis diese Traumbeziehung, für alle Außenstehenden plötzlich, in die Brüche ging. In den Jahren zuvor gab es noch Disses und Ansagen an alle, die es nur wagten, ihr Verhältnis in Frage zu stellen.

Früher Staatsfeind, heute braucht er Staatsschutz

Solche Äußerungen, die Bushido als eher ambivalenten Charakter skizzieren, lässt die neue Dokumentation von Peter Rossberg, der sonst als Repoter für die Bild arbeitet, weg. Der Rapper erhält jetzt nicht nur seitens der Polizei, sondern auch von Axel Springer Support. In kitschiger Til-Schweiger-Überbelichtung sehen wir Bushido als liebevollen Papa, der seine Kinder im unprätentiösen Dad-Schlabber-Look nach draußen begleitet.

Eine deutsche Familienidylle - bis plötzlich das LKA vor der Tür auftaucht. Das ist die neue Realität und traurige Ironie im Leben von Anis Ferchichi, der früher Staatsfeind sein wollte und nun Staatsschutz benötigt. Einen Rücken in der Berliner Unterwelt besitzt er angeblich nicht mehr, nachdem er dem berühmt-berüchtigten Abou-Chaker-Clan selbigen zugedreht hatte.

Wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte, haben Talkshows und Boulevard-Berichte eigentlich erschöpfend erzählt, aber eben aus dritter Hand, nicht von einem der Beteiligten selbst. Die libanesische Großfamilie war zu keiner Aussage bereit und fühlt sich zu Unrecht als kriminell verunglimpft. So übernehmen eine Einordnung hier nun das Ehepaar Ferchichi, die Berliner Polizei und frühe Wegbegleiter wie Frauenarzt.

Ehrgeiziger als der Rest

Letzterer darf, sympathisch und stets typisch breit in die Kamera grinsend, noch einmal die gut gelaunten Jugendtag-Anekdoten verifizieren. Ein in dem Augenblick wirklich blendend aufgelegter Anis erzählt von gemeinsamen Blödeleien, aber zeigt auch bereits den großen Ehrgeiz, der ihn damals schon von den meisten seiner Mitstreiter unterschied. Stundenlang bastelt und feilt er auf der MPC, der Fame in der Szene wächst.

Eine deutsche Erfolgsgeschichte

Bei Aggro Berlin sieht sich Ferchichi nicht angemessen gewürdigt, so dass es zu der bis heute folgenschweren Entscheidung kommt, Arafat Abou-Chaker damit zu beauftragen, ihn vorbei an der Justiz aus seinem Vertrag zu befreien. Anis hat genaue Vorstellungen, Abweichungen lassen ihn cholerisch werden.

Dieser Charakterzug unterscheidet ihn interessanterweise kaum von Arafat, der infolge des Deals mit Bushido und dessen baldigen Erfolgs auch in der Hackordnung seiner Großfamilie aufsteigt. Zwei Emporkömmlinge, die es nach weit oben in die Villengegend schaffen: natürlich ein Mittelfinger in Richtung Gesellschaft, die Migranten gerne aus ihrem deutschen Kapitalismus- und Aufstiegs-Traum ausschloss, eine absolute Erfolgsgeschichte der Nullerjahre.

Das Alphatier ist müde

Eigentlich ist Bushido so deutsch wie es nur geht, aber ohne das passende Aussehen. Cut. Die Doku begleitet Familie Ferchichi überwiegend in den eigenen vier Wänden, wohl immer noch der sicherste Raum. Angesprochen, ob er darauf eigentlich stolz sei, kommen Anis die Tränen, ebenso als er einen Brief an seinen Vater, der die Familie früh verließ, herausholt.

Man glaubt ihm, wenn er nun sein Familienleben als Erfüllung ansieht. Ebenso authentisch wirkt die Scham, die über ihn kommt, wenn ihm bewusst wird, was er seiner Familie aufbürdet. Das Alphatier ist müde. Diesen Platz musste Bushido aber eh längst an Gattin Anna Maria abgeben, die den Mut aufbrachte, Abou-Chaker in seine Schranken beziehungsweise zurück hinter den Gartenzaun zu verweisen.

Instagram-Story-Life in Dauerschleife

So sehr dieses couragierte Auftreten die Trendwende einläutet, so repetitiv und boulevardesk entwickeln sich die ohnehin jeweils sehr langen Folgen. Irgendwann kann man es nicht mehr hören. "Ich habe das, Arafat hat dies." "Die anderen!" Das unfassbar dümmliche Image-Getue der ganzen Rap-Szene und das gegenseitige verbale Haareziehen und Kratzen. Das Rechthaben-Wollen und die Botox-Lippen. Instagram-Story-Life in Repeat.

Die nächste PR-Inszeierung

... und am Ende kommt, passend zum Rollout der Doku, ein Album heraus, auf dem Bushido wieder den Gangsta-Image-Film fährt, der doch angeblich sein Leben so nachhaltig gefickt hat, und schon wird einem klar, dass man wieder Teil der nächsten PR-Inszenierung ist. Immerhin muss man diese sechs Stunden nicht auch noch als Getränk saufen. Das Leben im Scheinwerferlicht des Kamerateams scheint Bushido übrigens so schlimm zu finden, dass Staffel zwei bereits in Planung ist.

Fotos

Bushido

Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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6 Kommentare mit 20 Antworten

  • Vor einem Monat

    "Bushido's Wahrheit" - kann man mir mal erklären, warum da nicht irgendjemand Deppen-Apostroph-Alarm geschlagen hat, bevor das so veröffentlicht wurde?! Das muss doch irgendjemandem aufgefallen sein?

    Doku nichts weiter als Hochglanzbullshit. Anis kann man sowieso nichts mehr abnehmen, der Typ weiß wahrscheinlich selber überhaupt nicht, wer er ist (gut, wer weiß das schon, aber bei ihm ist das offensichtlich maximal ausgeprägt).

  • Vor einem Monat

    "Das Alphatier ist müde. Diesen Platz musste Bushido aber eh längst an Gattin Anna Maria abgeben, die den Mut aufbrachte, Abou-Chaker in seine Schranken beziehungsweise zurück hinter den Gartenzaun zu verweisen."

    Alpha-Anna!

    Hm, vllt sind die ersten paar Folgen ganz interessant (bis zur Aggro-Phase).

  • Vor einem Monat

    Zumindest interessanter als seine letzten 5,6 Platten.

  • Vor einem Monat

    Bushido hat 2 Klassikerplatten rausgebracht (CCN mit Fler und Vom Bordstein zur Skyline), die zwar sehr stark damaligen französischen Rap rezipieren aber noch originell genug waren, um genreprägend für deutschen Rap zu sein. Er und die gesamte Deutschrapszene im Mainstream haben von diesem Style etwa 12 Jahre lang gelebt, bis Haftbefehl auf der einen und Trap auf der anderen Seite um die Ecke kamen. Für den Einfluss, den er hatte, kann man ihn von Business-seite her mehr als respektieren.
    Bushido ist aber auch zugleich der absolute Zweckreimkönig im Deutschrap, noch mehr als Kollegah auf manchen Tracks. "Ich hab auf die Skyline raufgeschaut/ und deine Eltern essen Eisbein mit Sauerkraut" und "Ich Schlag ein wie ein Meteorit/deine Mama flippt aus, wenn sie den Hetero sieht" sind meine Favoriten unter vermutlich tausend anderen

    • Vor einem Monat

      „Sehr mutig, weil dein krasser Bruder neben dir chillt/
      Eure Atzen trinken Hasseröder Premium Pils“

      Mein Bubu-Alltime-Fave.

      Aber ist dieses Zweckgereime nicht irgendwie typisch für Streetrap? Man erzählt recht wenig, muss aber damit trotzdem seine 16 Bars vollmachen. Ich kann, glaube ich, sehr gut nachvollziehen, wie solche Lines zustande kommen.

    • Vor einem Monat

      Doku juckt mich insgesamt nicht, aber bei jedem neuen Release höre ich nach wie vor mindestens einmal rein. Wenn auch eher aus Neugier als in der Hoffnung, dass da was brauchbares rumkommt.

    • Vor einem Monat

      Das ist auf jeden Fall der Grund dafür! Aber deswegen ist es halt umso besser, wenn zB Haze auf seinen Platten zwar das typische street-gelaber bringt aber einen halt nicht mit "warte mal, wie war das?"-Zeilen rausbringt.
      Was ich auch noch mag ist " hier drin wirst du hart und clever/du tauschst deine Bravo ein gegen ein Glas Nutella". irgendwo war auch mal eine Line, die mit "vom riesenrad gekotzt" endete, die Kriege ich aber spontan nicht zusammen

    • Vor einem Monat

      Schönes Thema. Jetzt habe ich immer mehr von den Lines im Ohr :phones:

      „Du brauchst Gleitcreme, denn du bist ein schwuler Mann/
      Tefla und Jaleel sind nur wegen mir im Ruhestand“

    • Vor einem Monat

      Haha, ich erhöhe um "Du isst zum Frühstück Haferflocken, ich bin ein harter Brocken/Fick' deine Schwester, während deine Eltern im Theater hocken"

    • Vor einem Monat

      :D

      Einen habe ich auch noch:
      „ Du Bastard, bring mir Pasta... mit Mascarpone/
      Wer nimmt dich ernst mit deinem Haarschnitt, du Katastrophe?“

    • Vor einem Monat

      Sorry, aber nichts geht über "ich bin zu wortgewandt - du Horst, du Hans."

    • Vor einem Monat

      @Xc: :rayed:

      kommen wir hier raus, aus dem schwarzen loch? auf die snobs hab ich damals schon vom riesenrad gekotzt.

      ... das war irgendein chakuza-track, ich komm aber auch nicht drauf.

    • Vor einem Monat

      "Jetzt ist Polen offen, du hast an den Hoden stoppeln"
      Müsste aus Bravo Cover von VDSZBZ sein. Das Album ist pures Comedy-Gold und man merkt an so vielen Stellen, dass Eko das geschrieben hat.

    • Vor einem Monat

      "Nur weil du eine Frau bist und man dir in den Bauch fickt / heißt es nicht, dass ich dich nicht schlage bis du blau bist" ♥

    • Vor einem Monat

      "Scheiß auf Rap meine Lieblingsband war Scooter / Ich bin und bleib der Sharpshooter"

    • Vor einem Monat

      @ InNo: Geil, die Mascapone-Line wollte ich auch gerade droppen, die ist meine persönliche Bu Nr.1

    • Vor einem Monat

      @NervMichOK: Classic Shit, in der Tat.

      @CoolerTyp: VDSZBZ ist, glaube ich, genau aus dem Grund mein meistgehörtes Bubu-Album, sogar noch vor den genannten Klassikern. Da findet man auch nach dem 100. Durchlauf noch eine weitere Nonsense-Line, bei der man sich fast vor Lachen bepisst. Schade eigentlich, dass Eko sowas selber nie zustande gebracht hat.

      „Blaues Licht, jetzt wird in der Dunkelheit gefeuert/
      Es kann jeden treffen wie bei Trunkenenheit am Steuer.“

    • Vor einem Monat

      "Mittlerweise bist du ein perverser Opa/
      von mir gibt's diverses Merchandise und Poster"

    • Vor einem Monat

      "Ich bin ein Pitbull, Rap ist mein Kampfsport
      Du hörst erst Raptile, Flowin Immo, dann Torch" fand ich ganz witzig :D

    • Vor einem Monat

      Universal Soldier ohnehin Trash-Overload vom feinsten:

      „Immer noch bin ich sowas wie der Sandmann/
      Und immer noch hab ich jeden Film mit Van Damme“

      Zaubert mir immer noch jedes Mal ein Lächeln ins Gesicht. Auch sowas wie „Ich sitz zu Hause und schreibe die Verse auf dem Sofa“, die Pumpernickel-Line oder wie er in der Hook immer wieder betont, dass es sein 3. Album beim Major ist. Da stimmt einfach alles ;)

    • Vor einem Monat

      Meine Favoriten:

      "Du bist ein Klapperstorch/ ich begeh um acht Mord"

      "Manche kommen schwul aus dem Knast/ Doch wenn ich rappe ist die Kuh auf dem Dach"

    • Vor einem Monat

      Style vs Technik ist ja immer so ein bisschen eine Diskussion, bei der ich in dem Fall als große Ausnahme finde, dass Bushido bevor Eko da war eher scheint. Das war Gangsterrap mit ganz einfach gestrickten Texten, die sich aber mit mega prägnanten Phrasen komplett in dein Hirn (und auch scheinbar in das von Bushido und Eko als Schreiber selbst) bohren.
      Ich weiß nicht, ob Fler oder Sentence die Texte für ccn oder vbbzs geschrieben hat und wieviel Bushido tatsächlich dahintersteckt. Dass die Texte aber so viel Strahlkraft haben, zeigt schon, dass mehr als eine Dekade Leichenfledderei an der eigenen Kunst betrieben wurde.
      Bzw. stelle ich mir auch gerne vor, wie Eko als Schreiberling engagiert wurde und total überfordert und geknechtet von Bushido samt Abou-Chakers und Universal schnell irgendwas schreiben musste, damit hinter Bushido der Dampf nicht langsam verloren geht, weil der Albumzyklus zu lange dauert.

  • Vor einem Monat

    Die Doku kann man sich schon geben. Hat natürlich diverse merkwürdige Elemente...wie Anis so tut als wäre Bushido immerschon eine Kunstfigur gewesen z.b. fand seine musik zuletzt gar nicht so übel, aber vor dem Hintergrund dass er eigentlich ein lieber Familienvater ist, wirkt seine Bushido Inszenierung doch irgendwie eigenartig. Nehm ihm auch seine Aussagen über die abou chakers nicht so ganz ab. In den diversen Interviews und vlogs der vergangenen Jahre wirkt er nicht gerade wie ein geknechteter. Ganz im Gegenteil, man merkt ihm oft an, dass er sich im Umfeld der bösen Buben sauwohl fühlt. Denk mal seine olle hat ihn dahingehend beeinflusst...die Wahrheit liegt wohl wie immer irgendwo in der mitte