Das neue Game des Rappers: Mein Charakter nimmt in 15 Minuten sechs Alben auf und 300.000 Dollar ein. Dann habe ich keine Lust mehr.

Compton (ynk) - Snoop Dogg ist keine Bastion der Integrität. Der Mann nahm Musik mit der Nickelodeon-Boyband Big Time Rush auf, er war in Starsky & Hutch zu sehen, DJBooth nennt ihn "Hip Hops liebsten Sellout" - würde der Mann morgen aufstehen und seine eigene Schokoladenfabrik gründen, die ausschließlich nach Aprikoko und Gras schmeckende Frühstücksflocken herstellt, würde das auch keinen wundern. Onkel Snoop macht, was er will, beziehungsweise vor allem das, wofür ihm gerade Geld geboten wird.

Dass er seinen Namen und seine Marke nun für ein Handyspiel hergibt, überrascht mich also nicht. Qualität erwarte ich genauso wenig. Fragt sich nur: Wie schlecht ist "Snoop Dogg: Rap Empire"? Und vor allem: Was zum Henker ist das überhaupt?

Mir wird es jedenfalls nach 15 Minuten zu blöd. Ein schlechtes Zeichen, denn meine Bullshit-Toleranz liegt schon weit, weit über dem Durchschnitt. Ich bin mir zum Beispiel nicht zu schade, einzugestehen, dass ich über zehn Stunden meines Lebens in das kongeniale Nonsense-Web-Spiel "Cookie Clicker" verschossen habe. Und mich akademisch damit auseinandergesetzt habe. Fragt nicht.

Ironischerweise ist "Cookie Clicker" in Sachen Gameplay auch, was "Snoop Dogg: Rap Empire" am ehesten spiegelt. Der vermeintliche Karriere-Simulator funktioniert nach demselben Suchtprinzip. Das Belohnungsareal im Hirn mit aller Kraft anzapfen, egal, wie wenig Sinn das Drumherum auch ergeben mag. Die meiste Zeit des Spiels verbringt man damit, einem reglosen Avatar vor einer Comic-Booth beim Nichtstun zuzusehen. Eine Leiste generiert automatisch Songs, alle Minute oder so passiert ein Konzert. Im Grunde geschieht im Spiel nichts, außer dass man den Bildschirm berührt, um irgendwelche Zahlen zu erhöhen. Zwischendurch bekommt man allen möglichen Krimskrams, um diese Zahlen noch schneller zu erhöhen. Cookie-Clicker macht es vor: Wir lieben eine gute Zeitverschwendung, um uns an der intrinsischen Freude an exponentiellem Wachstum zu laben. Auch, wenn die wachsenden Zahlen rein gar nichts bedeuten.

So mittel-anspruchsvoll, das Ganze

Im Grunde saß da wohl einfach ein App-Entwickler, der mit dem Wurstfinger durch das erste Kapitel von 'User-Manipulation für Dummies' fuhr und die Evergreens der Spielsucht so uninspiriert wie möglich in diese App ohne Sinn und Verstand kloppte. Keine Viertelstunde, und ich sah schon Automatisierungs-Mechanismen, billigste Immersions-Tricks, habe ein Glücksrad gedreht, fünf Lootboxen geöffnet und ein Dutzend Achievements freigeschaltet. Irgendwann habe ich die intrinsische Logik des Spiels quasi ausgeblendet und mich nach Bauchgefühl durch die bunt blinkenden Wuseleien und Werbeanzeigen geklickt. Dreihundert Versuche, mein Dopamin-Zentrum zu manipulieren, später: Ich rekapituliere, was ich dem Spiel zufolge eigentlich gerade tue. Ich beschließe: Genug gesehen.

Pardon, was passiert hier gerade?

Lasst mich also nachvollziehen, was ich in Snoop Doggs Rap-Imperium an Story und Abenteuer erlebt habe: Es beginnt mit einer drei Comic-Panels starken Storyline. Ein Dude schlendert durch die Gegend, vermeintlich an seiner Rapkarriere gescheitert, dann verliert er sein Mixtape. Snoop schlendert durch dieselbe Gasse, hebt es auf und beschließt, ihn anzurufen. Das Mixtape sei fett, aber es gebe noch viel zu lernen. Ich darf mir hier nun einen von vier Charakteren aussuchen, ich nehme eine, die zwar nicht im Intro zu sehen war, aber Wurst - und stehe in der Booth. Zeit, Rapper zu werden, also: Ich habe zwei Leisten, eine Spielwährung und drei Echtgeld-Shops zur Verfügung.

Bevor Snoop mir als Erklär-Büronadel an der Ecke beibringt, was ich nun zu tun habe, hat die automatisierte Leiste auch schon angefangen, Songs zu produzieren. Dafür muss ich nichts machen, Songs passieren einfach. Und spülen Geld in meine Kasse. Zwanzig Sekunden vorbei, schon steht der nächste Song. Das muss Lil Uzi Vert mit der Zeile "Money keep coming" gemeint haben, denn - meine Fresse - diese Karriere läuft besser an als dieser Journalismus-Blödsinn, den ich bisher mache.

Cartoon-Snoop oben rechts schaltet sich ein und erklärt, dass ich mit Cash Instrumente kaufen könnte, die automatisch Hype generieren. Ich kaufe also ein erstes Instrument und bin stolzer Eigentümer einer Gitarre. Die ist das einzige Instrument, das ich mir an dem Zeitpunkt leisten kann. 100 Dollar für die erste Stufe.

Gut, denke ich, Gitarren-Beats sind ja auch en vogue, merke aber dann, dass alle weiteren Instrumente, die ich mir noch nicht leisten kann, gar nicht so unwesentlich wären. Meine Booth hat nämlich bislang keine Drums. Rappe ich also auf YouTube-Freebeats, während ich Gitarre spiele? Kann nicht sein, denn ein Mic habe ich auch noch nicht. Ging meine Rap-Karriere mit einem Solo-Gitarren-Instrumental-Album los? Dieser Snoop hat wohl ein Herz für die Indie-Kids. Die Logik der Objekte wird übrigens immer wilder. Würde ich ins Lategame vordringen, könnte ich mir eine Boombox für schlappe 1,5 Billionen Dollar erstehen. Wenn die mich dann aber nicht mindestens automatisch in die Bronx beamt und die Fu-Schnickens höchstpersönlich rappend an meine beiden Ohren beschwört, klingt das nach einem ziemlich mittelmäßigen Deal.

Zwei Minuten später: Das erste Konzert. Siebzehn Mal auf den Bildschirm tippen musste ich, bevor in bolden Lettern "ERFOLG!" aufploppt. Das Geld regnet auf hernieder, ich verdiene eine Lootbox voll Bling und (wahrscheinlich auch) Bitches, fünf Einheiten an Kram, den ich in der Funktion nicht einordnen kann und einen Dude, der sich als mein neuer Manager vorstellt. Beim nächsten Konzert würde er meinen Hype um 20 Prozent steigern. Ob er mir auch Rücken besorgt? Man kann nur spekulieren.

Aber ja. Nach fünfzehn Minuten meiner Mittagspause bin ich bei Album Nummer sechs, habe aber laut App schon schlappe 40.000 Songs aufgenommen und 300.000 Dollar Cash gemacht. Im Hintergrund dudelt das Spiel weiter, bis ich es noch mal öffne, um Screenshots für den Artikel aufzunehmen. Es läuft Werbung, dann werden mir Unmengen an Lootboxen angeboten und mein Vermögen ist auf solide 39 Millionen Dollar gewachsen. Nicht schlecht. Vielleicht hätte ich mir, würde ich weiterspielen, davon ein Mikrofon für mein siebtes Album leisten können. Oh, Onkel Snoop, danke für diese fünfzehn Minuten, in denen ich moderat unterhalten wurde.

Fotos

Snoop Dogg

Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein) Snoop Dogg,  | © laut.de (Fotograf: Michael Grein)

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