Freunde der Musik, Weihnachten wird vorgezogen: Mit "1001 Alben: Musik, die sie hören sollten, bevor das Leben vorbei ist" erscheint bei Edition Olms ein wunderbares Standardwerk der Popgeschichtsschreibung.

Zürich (mis) - "Different strokes for different folks" hieß es 1973 bei Sly Stone. "Jeder Jeck ist anders", stimmen Kölner Traditionalisten zu, aber darf der geschmackliche Toleranzrahmen denn auch für ein Standardwerk der Popgeschichtsschreibung gelten? Der Zürcher Verlag Edition Olms, Rolling Stone-Gründer und Herausgeber Robert Dimery und 90 internationale Musikjournalisten werden es bald heraus finden, nachdem der augenzwinkernd betitelte Wälzer "1001 Alben: Musik, die sie hören sollten, bevor das Leben vorbei ist" in der zweiten Auflage in den Handel gekommen ist.

Das umfassende Werk, dessen Erstauflage Ende 2006 schon wenige Tage nach Erscheinen ausverkauft war, präsentiert auf 960 Seiten (broschiert, 29,95 Euro) einen vielleicht nicht repräsentativen, aber doch beeindruckenden Querschnitt über 50 Jahre Popkultur, in deren Verlauf Jugendbewegungen wie Country, Rock'n'Roll, Jazz, Beat, R&B, Soul, Funk, Disco, Glam-, Prog- und Hard Rock, Avantgarde, Punk, Metal, Synthiepop, Weltmusik, House, Dance, Hip Hop und Techno entstanden sind.

Jedem Album werden neben dem Cover-Artwork technische Details zur Seite gestellt (Label, Produzent, Art Direction, Nationalität, Spielzeit) und die Rezension ordnet das Werk musikhistorisch und mit informativem Gestus ein. Für Klassiker erachtete Werke erhalten einen Zusatzkasten mit der Tracklist inklusive Songlänge und Komponist sowie ein kurzes Zitat eines Bandmitglieds oder eines anderweitig Beteiligten zum historischen Werk.

Hier darf des öfteren geschmunzelt werden, etwa wenn George Clinton zum '71er Funkadelic-Werk "Maggot Brain" anmerkt: "Ich habe Glück gehabt, dass ich jene Zeit überlebt habe. An viel kann ich mich nicht erinnern, aber ich habe überlebt." Oder wenn Basser Dusty Hill das ZZ Top-Album "Tres Hombres" von 1973 erklärt: "Überall gehen die Leute zu Huren, trinken Bier und fahren schnell."

Den Auftakt des Reigens bestreitet Frank Sinatra mit "In The Wee Small Hours" von 1955, gefolgt von Elvis' gleichnamigem Debüt (1956), zahlreichen Rock'n'Roll-Legenden, ohne aber die Jazzerriege zu vernachlässigen (Duke Ellington "Ellington At Newport 1956", Count Basie "The Atomic Mr. Basie"). Bob Dylan, die Beatles und David Bowie dürfen sich über sieben Albumeinträge freuen, die Stones über sechs und jüngere Semester wie Sonic Youth und Radiohead immerhin über fünf.

Die schönen Momente treten besonders dann ein, wenn man die eigene Lieblingsband sucht und sich entweder über die Anzahl oder die Auswahl der jeweiligen Platten wundert. Doch auch hier wird in den seltensten Fällen daneben gelangt. Stattdessen findet man neben den großen Namen auch immer wieder Bands, die entweder nur ein großes Werk zustande brachten oder deren Lebensleistung die Macher mit einem Werk gewürdigt sehen. In diese Reihe gehören etwa Throbbing Gristle ("D.O.A. Third And Final Report"), Leftfield ("Leftism"), Turbonegro ("Apocalypse Dudes"), Wu-Tang Clan ("Enter The Wu-Tang - 36 Chambers"), Violent Femmes ("Violent Femmes"), A-ha ("Hunting High And Low") und Queens Of The Stone Age ("Queens Of The Stone Age").

Dass hier nicht das QOTSA-Konsens-Höllenalbum "Songs For The Deaf" steht, belegt die leichte Tendenz der Autoren, Debütalben vorzuziehen. Und wo ich schon beim Motzen bin: Das Fehlen eines Kyuss-Albums wird zumindest die Hardrock-Fraktion nachhaltig verstören, zumal wenn Neo-Acts wie The Mars Volta gewürdigt werden.

Aber schließen wir versöhnlich mit einem Zitat Lou Reeds aus dem Jahre 1998, das in "1001 Alben" neben dem Velvet Underground-Album "White Light/White Heat" (1967) prangt: "Ich glaubte immer, dass ich etwas Wichtiges zu sagen hatte und ich habe es gesagt: Mein Gott ist Rock'n'Roll." Amen.

  • Hier gibts das Buch! http://www.amazon.de/1001-Alben-Robert-Dimery/dp/3283005265/ref=pd_bowtega_1/laut-21/302-3513532-6542468?ie=UTF8&s=books&qid=1180610057&sr=1-1

21 Kommentare

  • Vor 13 Jahren

    @Jazz-Hörer (« (wieviel % kennen hier eigentlich QOTSA?) »):

    meld

  • Vor 13 Jahren

    @Jazz-Hörer (« Vielleicht sollte das Buch lieber "Amerikanische Musikgeschichte mit kleinen Ausblicken nach draußen" benannt werden? Ohne das jetzt direkt negativ werten zu wollen, aber dieses Buch ist doch ein einziger Ausdruck der anglo-amerikanischer Dominanz der westlichen und mittlerweile globalen Jugendkultur über die letzten 7 Dekaden hinweg.

    Davon ist vielleicht nicht einmal jeder junge Mensch von gestern und heute direkt betroffen (wieviel % kennen hier eigentlich QOTSA?), doch im Rückblick zählt nichts anderes, wie dieses Buch eindrucksvoll zeigt.

    Oder findet sich dort in der Auflistung z.B. auch "Andrea Doria" von Udo Lindenberg? Ich denke nicht. »):

    also qotsa is mittlerweile ja schon ziemlich bekannt...

  • Vor 13 Jahren

    Meinte jetzt auch nicht im laut.de-Forum, sondern allgemein im Land. ;)