"Der Kritiker hat die Platte doch gar nicht gehört" ist ein gern gezückter Vorwurf an unliebsame Rezensenten. Das Buch "Kopfhörer - Kritik der ungehörten Platten" erhebt diese Arbeitsweise zur Maxime. Mit durchaus amüsanten Ergebnissen.

Duisburg (mmö) - Jeder Musikjournalist kennt das: Man legt viel Herzblut in eine Rezension, feilt nächtelang an Formulierungen und stellt in dunklen, zigarettenrauchgeschwängerten Räumen immer wieder die Sätze um, bis alles passt, und dann kommt der erste Leser und motzt: "Hey, der Schreiber von der Rezession hat die Platte doch gar nicht gehört." Abgesehen von der Fehlentwicklung in der orthographischen Menschwerdung ein Stich ins Herz jeden Vollblutschmierfinks.

Dass sich aus diesem gerne gezückten Anwurf eine Tugend drechseln lässt, haben sich Sabine Müller und Max Nuscheler überlegt. Die Herausgeber des Buchs "Kopfhörer - Kritik der ungehörten Platten" (Salon Alter Hammer, broschiert, 184 Seiten, €11,90) trugen den Beitragenden als einzigen Leitfaden auf, die Platte, über die sie schreiben sollen, nicht zu hören.

Und so kommen 48 Plattenbesprechungen zusammen, zum Teil möchte man zustimmen, zum Teil ob der Absurdität das Haupt schütteln. So wie bei "richtigen" Kritiken halt auch. Das schönste an "Kopfhörer" allerdings ist, dass man immer wieder laut loslachen möchte.

Ralph Buchbender, Insidern bekannt als Newsletter-Monster aus dem Hause Cargo Records, lässt seiner Abneigung gegenüber dem nicht gehörten "Babylon By Bus" von Bob Marley & The Wailers freien Lauf und schwadroniert: "Bis heute zählt für mich dieses Album zu den Standardwerken in der Rubrik 'Ölpest der Tonkunst'".

Martin Büsser, Mitherausgeber der testcard, grätscht genüsslich Dirk von Lowtzow samt Tocotronics "Kapitulation" weg und tritt ebenso lustvoll gegen den "Indie-Schluffi", diese "Leerstelle der Jugendkulturen" nach. Keine Frage: Die, die nicht hören sollen, entscheiden sich häufiger für den Verriss.

Intros Linus Volkmann findet in "Blood Sugar Sex Magik", dem Meilenstein der Red Hot Chili Peppers, erfreulich selbstironisch nicht mehr als die "Arschgeburt der Erwachsenen-Pop-Industrie". Und Tom Tonk ("Raketen In Rock"-Kolumne im Ox) gehört für seinen Text über "Fußball Ist Unser Leben" endgültig in den Rang einer Gottheit erhoben.

Weitere Autoren sind Wiglaf Droste und Oliver Uschmann, der Kölner Hornist Harald "Sack" Ziegler, Barbara Morgenstern sowie die Herausgeber selbst. Manch einer geht sogar so weit und erfindet gleich ganze Alben. Unterhaltsam ist das fast durchgängig, und für uns Musikjournalisten sicher auch eine zukunftsweisende Art, zu arbeiten.

14 Kommentare

  • Vor 13 Jahren

    "jeder Musikjournalist kennt das"

    Aha - Musikjournalist - Toll!

    "feilt nächtelang an Formulierungen und stellt in dunklen, zigarettenrauchgeschwängerten Räumen immer wieder die Sätze um"

    und dann kommt das bei raus:

    "Abgesehen von der Fehlentwicklung in der orthographischen Menschwerdung ein Stich ins Herz jeden Vollblutschmierfinks."

    und das:

    "Dass sich aus diesem gerne gezückten Anwurf eine Tugend drechseln lässt"

    Krass. Rilke remixed, wa?! Um mit einem Hoch auf den Stamm der Vollblutschmierfinken zu schließen:

    "Unterhaltsam ist das fast durchgängig, und für uns Musikjournalisten sicher auch eine zukunftsweisende Art, zu arbeiten."

    Ja, mei. Total verschmitzt sind die M U S I K J O U R N A L I S T E N nun auch noch. Nur mit der Punktion (egal ob inter oder ac) will's noch nicht so, richtig?! - Oder ist die Deutsch-Kenntnis-Absenz trotz Journalisten-Existenz das Äquivalent zur musiklosen Musik-Rezension?

  • Vor 13 Jahren

    @Anonymous (« ich habs nicht nur gelesen, ich hab sogar was drin geschrieben »):

    Ja klar!!! :D Oder doch!?!? Was denn genau?

  • Vor 13 Jahren

    dieser beitrag gehört sicherlich von der inhaltlichen bewertung genannt in einem atemzug mit solch bewegenden stücken deutscher literaturgeschichte wie z.B. der "pommesbuden-füher ruhrgebiet" oder auch nicht zu vergessen diverse jahresrückblicke im handlichen paperback format, welche man gerne auch im zuge nicht vorhandener geschenkideen in gutscheinform weihnachten an geliebte verwandte verschenkt. die idee als solche ist m.e. i.d.tat als ziemlich crazylazy zu titulieren. witzig formuliert, spritzig in form gebracht und durchaus empfehlenswert für menschen, die eigentlich schon alles besitzen.

    was genau wurde in dem artikel besprochen?