Kubakrise und Spiegelaffäre beherrschen die Nachrichten, in der Jukebox regieren Soul, Jazz, Blues und der allerheißeste Scheiß: der Twist!

Konstanz (laut) - Weil eine Gruppe Straßenmusikanten nach 22 Uhr 30 noch munter aufspielte, rief am 21. Juni 1962 ein Münchener Stadtrat die Polizei. Ob er das auch getan hätte, hätte er geahnt, was er damit anrichtet? Vier Tage lang prügelten sich in der Folge bis zu 40.000 meist jugendliche Protestierende mit der herbeigerufenen Ordnungsmacht, es kam zu rund 400 Festnahmen. Wenig überraschenderweise verliefen die Klagen gegen die mit überzogener Härte vorgehende, teils berittene Polizei nahezu sämtlich im Sand. Die Unruhen, die als Schwabinger Krawalle in die deutschen Geschichtsbücher eingingen, nahmen nicht nur die Proteste vorweg, die sich 1968 noch intensivieren sollten, sie legen auch ein beredtes Zeugnis davon ab, was Musik lostreten kann. Deswegen werfen wir heute einen Blick darauf, was dieses geschichtsträchtige Jahr dahingehend so zu bieten hatte:

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60 Jahre, 60 Alben

Natürlich denkt man bei der Jahreszahl nicht zuallererst an die Schwabinger Krawalle. Das alles beherrschende politische Thema, das im Oktober die Welt in Atem hielt: die Kubakrise. Niemals schrammte die Welt seither dichter am dritten Weltkrieg vorbei. Hoffen wir, dass der Schrecken darüber, wie schnell nuklearwaffenstarrendes Drohgebaren eskalieren kann, noch immer tief genug sitzt.

Durch die Redaktionsräume des Nachrichtenmagazins Der Spiegel tobte unterdessen eine Razzia nach der anderen. Mehrere Mitarbeiter, darunter Chefredakteur Rudolf Augstein, wanderten in Untersuchungshaft, manche monatelang. Weil ein Artikel unter Berufung auf Informationen aus dem Verteidigungsministerium die Lage der Nation als "Bedingt abwehrbereit" eingeschätzt hatte, lautete der Vorwurf auf Landesverrat. Immerhin blieb dieser ungeheuerliche Angriff auf die Pressefreiheit zur Abwechslung einmal nicht folgenlos: Verteidigungsminister Franz Josef Strauß musste infolge der Spiegel-Affäre seinen Kabinettsposten räumen.

Straßenfeger und Wüstenepos

Derweil ging der Deutschlandfunk auf Sendung, im Bayerischen Rundfunk gab der Pumuckl sein Hörspiel-Debüt, und der TV-Sechsteiler "Das Halstuch" fegte buchstäblich die Straßen leer, während auf der großen Leinwand der epochale Streifen "Lawrence von Arabien" Premiere feierte. Die Gründung der Fußball-Bundesliga war gerade frisch beschlossene Sache, der Spielbetrieb allerdings noch nicht aufgenommen, im Jahr, in dem Brasilien den Gewinn der Weltmeisterschaft begoss, Jamaika seine neu gewonnene Unabhängigkeit und Marilyn Monroe den Geburtstag von John F. Kennedy: "Happy Birthday, Mr. President", kiekste sie noch im Mai im Madison Square Garden, drei Monate später war sie bereits tot.

Magie!

Doch wir wollten ja über Musik reden, und neben grandiosem Soul, grandiosem Jazz und grandiosem Blues bedeutete 1962 vor allem eins: Twist! Wenn außerdem wirklich stimmt, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt, dann muss 1962 vor Magie schier geplatzt sein: Axl Rose, Dave Gahan, Heinz Strunk, Max Raabe, Sheryl Crow und Tommy Lee erblickten beispielsweise das Licht der Welt, und die Rolling Stones, ganz junge Hüpfer, absolvierten ihren ersten Live-Auftritt. Eine andere Formation nahm ihre Debüt-Single "Love Me Do" auf, holte sich damit bei der Plattenfirma jedoch einen Korb ab: Gitarrengruppen seien nicht mehr modern, begründete Deccas Ablehnungsschreiben die Entscheidung. Na, sie haben es überwunden, diese ... Beatles.

So klingt 1962

Bock bekommen, auf den Sound von 1962? Dann seid ihr hier genau richtig. Auf laut.fm/bestof1962 haben wir musikalische Perlen jenes Jahres zusammengetragen. Einschalten lohnt sich, und wenn es euch dann in den Füßen juckt, braucht ihr bloß Gerhard Wendlands Aufforderung Folge zu leisten: Er hatte den ersten Nummer-eins-Hit des Jahres mit "Tanze Mit Mir In Den Morgen".

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Best Of 1992 30 Jahre, 30 Alben

2Pac, Cave, Clapton, Moby, Prince ... sind alle raus. '92 hatte so viel zu bieten, Madonna war schlau, sich mit einem Buch Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Best of 1982 40 Jahre, 40 Alben

Die frühen Achtziger hatten es in sich, was sich wieder daran zeigt, wen wir alles weggelassen haben: Sorry, kein Platz mehr für Prince, Kiss, Oldfield ...

5 Kommentare mit 9 Antworten, davon einer auf Unterseiten

  • Vor 4 Monaten

    Anerkennung für eure mit zunehmender Vergangenheit immer größer werdende Würdigung großartiger Alben und Musiker.
    An der Stelle nochmal die Bitte, die Lücke zwischen 1969 und 1971 zu schließen - vielleicht klappt es ja schon vor 2030?
    Vielen Dank in jedem Falle für die vielen Tipps und die interessanten Artikel!

  • Vor 4 Monaten

    und auch für die Playlist auf laut.fm. Schöner Querschnitt

  • Vor 4 Monaten

    man fragt sich wie alt der geneigte durchschnittslautkonsument sein mag.. für mich sind das alles nichts weiter als alte tote trottel, sorry für die harten worte, aber es gibt heute genügend musik die aktuell und nice ist. warum sollte man sich so nen alten schmarn reinziehen? ich denke ihr solltet mal mit der zeit gehen

    • Vor 3 Monaten

      stimmt absolut! glauben die hier wirklich, musik von vorgestern interessiert noch irgendjemanden? genauso lame wie großschreibung oder geschichte. macht doch einfach noch mehr deutschrap, anstatt irgendwelchen alten säcken beim demenzen zu helfen. und checkt doch einfachmal die b-days eurer user und lasst keinen über 30 mehr hier rein, die waren doch eh alle nazis!

    • Vor 3 Monaten

      ich bin ü30 jedoch bin ich mit dir einer meinung prayn! auch die alten säcke sollten mit der zeit gehen! so hörte ich in meiner jugend bands wie nevada tan oder fools garden heute dagegen höre ich sun diego und flying uwe.. so ändern sich die zeiten. ich finde leute traurig die heute noch den selben nevada tan oder killerpilze sound erwarten wie damals. zeiten ändern sich

    • Vor 3 Monaten

      Schwarz-Weiss- Denken....gute Musik gibt und gab es zu ALLEN Zeiten, was auch manche alten Säcke wissen, ebenso wie manche Frühkartoffel, Offenheit und Verstand vorausgesetzt. Tatsächlich gibt es nur zwei Arten von Musik, vielleicht kommst du drauf? Tipp: alte und neue ist falsch...

    • Vor 3 Monaten

      @prayn: bitte nicht den Troll füttern.

    • Vor 3 Monaten

      "so hörte ich in meiner jugend bands wie nevada tan"

      Mein Beileid.

    • Vor 3 Monaten

      https://www.youtube.com/watch?v=B5K5KCZbTo…

      warum, das sind mmn die unterschätztesten jungs, sie waren die deutschen linkin park - nur mit besseren texten

    • Vor 3 Monaten

      Kamen in meiner Einschätzung nie über den Status als inhaltlich flacheres Such-A-Surge-Abziehbild hinaus.
      Gruß
      Skywise

    • Vor 3 Monaten

      "Kamen in meiner Einschätzung nie über den Status als inhaltlich flacheres Such-A-Surge-Abziehbild hinaus."

      Welche wiederum in meiner Einschätzung selber viel häufiger den ungezwungenen Drive und selbstwirksamen Vibe vermissen ließen, der sie wie so unglaublich wenige Bands aus dem deutschsprachigen Raum vor, während und nach ihnen zu einem Hauch mehr gemacht hat als eben nur wieder eine weitere (Ex-Abifeier-)Band aus dem deutschsprachigen Raum, die sich hörbar ungelenk mit Mittelstufenschulenglisch als Lyrics auf ein provinzdeutsch dünngebohrtes Brett der Mitt-90er NuMetal- und Crossover-Indieclubparty-Wellen im Schland zu schwingen versuchten.

      Und wer hätte es ihnen verübelt? Es war der Beginn der Epoche, in der zu allermeist die untalentiertesten Personen aller Bands im Karriereherbst derselben das einträglichste Auskommen abseits der Band zu realisieren begannen. Menschen wie Henning Wehland von den H-Blockx wurden wegen genau dieser 90er viel später im öffentlichen Diskurs von der Mehrheitsgesellschaft sogar noch zum seriösen Künstler (Söhne Mannheims, kennste kennste?) rehabilitiert.

      Bands wie The Bates aus dem Großraum Gießen/Weilburg bekamen trotz oder gerade wegen 10x größeren Suchtproblematiken als Talent zum Quadrat in der Band vorhanden gewesen wäre erst mal nen 4-Platten-Vertrag nach einer einzigen durch einen Entscheidungsträger bezeugten Liveshow - ganz klassisch MIT Vorschuss, sollte klar sein - hinterher geschmissen. Andere signten gar Hirngespinste zukünftig erst nocvh konkret zu begründender Bands wie z.B. Whale, die ich neulich schon mal einwarf... Ein bienchenfrommer und ebenso leistungsorientierter Teenie wird mit 14, 15 über Nacht und völlig gefeiert das häufigste Masturbationsphantasie von Männern Ende 20 im Land...

      Nicht ganz so häufig wie Such a Surge ließen Claus Grabkes Thumb solche Attribute vermissen, imo, was Such a Surge dann auch in meiner Wahrnehmung schon seit Anbeginn zum hölzern-verkopfteren Abziehbild von Thumb werden ließ....

      Wussten übrigens auch damals schon Chrisses, die dann viel später im mittleren Alter doch noch irgendwas gebacken bekommen haben, wenn auch in bedrückender Mehrheit mutmaßlich beim Weihnachtswichteln von der gelernten Sozialversicherungsfachangestellten und Arge-Sachbearbeitungskollegin, hm? Danke. :)

    • Vor 3 Monaten

      @soulburn:
      "Nicht ganz so häufig wie Such a Surge ließen Claus Grabkes Thumb solche Attribute vermissen, imo, was Such a Surge dann auch in meiner Wahrnehmung schon seit Anbeginn zum hölzern-verkopfteren Abziehbild von Thumb werden ließ...."
      Na ja, Such A Surge waren erstens früher unterwegs und haben zweitens früher Demos bzw. ein Debütalbum vorgelegt als Thumb, insofern taugen sie nur bedingt als deren "Abziehbild", zumal Such A Surge ja auch teilweise französische und deutsche Texte am Start hatte, was Thumb meines Wissens vermieden haben.

      Die ersten beiden Such A Surge-Alben und die "Gegen den Strom"-EP halte ich irgendwie immer noch in Ehren, trotz aller berechtigter Kritik bezüglich holprigem Flow oder Verkopftheit. Mag aber nostalgische Gründe haben. Weil zumindest meiner Wahrnehmung nach mit Such A Surge jemand auftauchte, der tatsächlich wieder Stellung bezog und eine Meinung auf die Bühne brachte, was mir gut gefallen hat, nachdem ja deutschsprachiger HipHop erst mal als Gute-Laune-Musik in die breite Öffentlichkeit gefunden hat (Fantas "Die da") und die direkten Nachzügler zwar dem Affen mit lustig-verspielten Titeln weiter Zucker gaben, aber damit so ungewollt ein paar Pioniere mit ihren deutlich ernsteren Texten von den Bühnen geschubst haben. Gut, musikalisch etwas brachialer untermalten HipHop mit Haltung und Botschaft konnte man damals natürlich auch auf Englisch von Bodycount oder Rage Against The Machine kriegen, aber das ist dann doch noch eine ganz andere Baustelle ...
      Gruß
      Skywise

  • Vor 4 Monaten

    Ein Elvis-Filmalbum in dieser Liste? Scherzt ihr? Die Filmliedchen des Kings in den 60 waren seichte Kost und waren so schnell aufgenommen wie vergessen. Erst ab 1967 (NBC-TV Special) gabs wieder Substanzielles von Elvis.