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Advanced Chemistry - "Fremd Im Eigenen Land"

Kommen wir zu den großen Säulenheiligen des hiesigen Hip Hop: Advanced Chemistry. Ja, stimmt schon: Die Heidelberger waren früh dran mit Rap auf Deutsch. Der Titeltrack von "Fremd Im Eigenen Land" galt auch nicht grundlos als gehaltvoller Gegenentwurf zum farbenfroh-vergnügten Spaßrap der Fantastischen Vier. Torch, Toni L und Linguist sprachen Missstände an, bezogen sich zum Beispiel (per Nachrichten-Sample auch ganz direkt) auf die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen.

Vor allem aber thematisierten sie, die Söhne von Einwanderern aus Haiti, Italien und Ghana, ihre Wurzeln. Sie ließen an den Erfahrungen teilhaben, die Menschen mit migrantischem Hintergrund wahrscheinlich nur zu gut kennen. Alltagsrassismus, Diskriminierung, das Gefühl, nirgends dazuzugehören, nicht mitspielen zu dürfen, zwischen den Stühlen zu sitzen und sich tagein, tagaus misstrauisch beäugen zu lassen ... wie sich all das anfühlt, wussten diese Jungs aus Heidelberg im Gegensatz zu den Schwaben from the Mittelstand eben ganz genau.

Diese Sorte Deutschrap diente als Nährboden für ein wirklich neues Selbstverständnis. Die Bezeichnung "afro-deutsch" etwa dürften die meisten im Kontext dieser Platte zum ersten Mal gehört haben. Sie mag, was Sound und Rap-Skills betrifft, miserabel gealtert sein, bleibt aber inhaltlich brandaktuell und ein viel zitiertes Referenz-Werk für deutschsprachigen Hip Hop.

(Dass sich die Beginner für ihr Murks-Comeback den Bandnamen borgten, betrachten wir als Strafe dafür, dass hängengebliebene Rap-Fans Torch als Deutschraps Gottkönig anbeten, und nicht Toni L, der das mindestens genau so verdient hätte, wenn nicht mehr. Bloß weiß der, wie man Bescheidenheit schreibt.)

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