In seinem Buch "Ben Salomo heißt Sohn des Friedens" erzählt der Rapper unter anderem, warum er bei "Rap am Mittwoch" ausgestiegen ist.

Berlin (end) - Die Deutschrap-Szene hat ein Problem mit ihrem Wortschatz: homophobe und frauenfeindliche Texte gehören leider längst zum normalen Vokabular. Seit einigen Jahren macht sich aber auch immer mehr eine antisemitische Haltung breit, die in den Texten deutscher Hip Hopper mal offener und mal versteckter zum Ausdruck kommt.

Für den Rapper Ben Salomo ist das einer der Gründe, warum er als Moderator bei "Rap am Mittwoch" ausgestiegen ist, obwohl er selbst dieses Format gegründet hat. Seine Erlebnisse als Jude in Deutschland hat Salomo, der eigentlich Jonathan Kalmanovich heißt, jetzt in einem Buch verarbeitet. "Ben Salomo heißt Sohn des Friedens" (Europa Verlag, 235 Seiten) zeigt die Probleme im deutschen Hip Hop auf, trotzdem ist Kalmanovichs Bericht keine Abrechnung mit der Szene geworden. Vielmehr geht es darum, für ein toleranteres Miteinander unabhängig der Herkunft oder des Geschlechts zu werben.

Die Kindheit in Israel und Deutschland

Dafür holt Salomo weit aus, berichtet von seiner eigenen Kindheit: Wie er mit etwa vier Jahren von Israel nach Deutschland kam, die Jugend in den Problemvierteln Berlins. Salomo lässt sich Zeit, und auch wenn diese Schilderungen teilweise ziemlich langatmig geraten, bieten sie doch einen interessanten Einblick in die Lebensrealität von jüdischen Familien in Deutschland. Es sind schöne Erzählungen von der Erinnerung an das ferne Israel, die Verwandten und Orte aus seiner frühen Kindheit. Es sind aber auch Erinnerungen, die einen bestürzt machen beim Lesen. Etwa wenn Salomo davon berichtet, wie er sich als kleiner Junge darüber wundert, dass vor dem jüdischen Kindergarten Polizisten mit Maschinenpistolen stehen. Oder wie er später in der Schule beschimpft und angegriffen wird, weil er Jude ist. Schnell folgt die Verbitterung, weil Eltern und Lehrer tatenlos bleiben, die Diskiriminierung hinnehmen oder totschweigen.

Erste Gehversuche und "Rap am Mittwoch"

Kalmanovich erzählt von seinen ersten Gehversuchen mit Texten, die auf Beats vom Kasettenrekorder gerappt werden, von der ersten Auflage von "Rap am Mittwoch". Und natürlich vom Comeback der Veranstaltungs-Reihe zehn Jahre später. Er erzählt von Gangster-Clans, die sich bei Rap am Mittwoch breit machen wollen, von Rockergruppen und immer wieder vom latenten Misstrauen, dass ihm als Jude entgegen gebracht wird. Das alles schildert Salomo sehr eindrücklich, wobei er leider einen leichten Hang zur Wiederholung hat. Man stolpert beim Lesen immer wieder über Sätze, die man so oder so ähnlich schon vorher gelesen hat.

Das macht aber auch gar nichts, weil Salomo ein authentisches Bild zeichnet, man hat das Gefühl, ihm nochmal über die Schulter zu schauen, wenn er von der Suche nach der passenden Location für RAM, den internen Streitereien oder ganz banalen Anekdoten schreibt. Fest steht: wen die Geschichte von "Rap Am Mittwoch" interessiert, der kommt hier voll auf seine Kosten.

Antisemitismus im Deutschrap

Um den wachsenden Antisemitismus in der deutschen Rap-Szene geht es erst im letzten Kapitel des Buches. Das liest sich wie ein Plädoyer für mehr Offenheit in der einstmals von Respekt geprägten Szene. Den wachsenden Judenhass macht Salomo unter anderem daran fest, dass "Migranten mit arabischen, iranischen oder türkischen Wurzeln" antijüdische Meinungen in der Szene verbreiten. Dazu gehören einerseits Forderungen, wie "Israel von der Landkarte zu tilgen", aber auch anti-jüdische Narrative oder Verschwörungstheorien, etwa, dass die Rothschilds die Welt erobern wollen oder dass unser Bankwesen von jüdischen Bankern kontrolliert wird.

In diesem Teil des Buches ändert sich der Ton und Ben Salomo teilt aus gegen diejenigen Rapper, die solche Aluhut-Theorien in der Öffentlichkeit verbreiten. Es ist erschreckend, wie viele Beispiele Ben Salomo findet für den Trend, anti-israelische und anti-jüdische Texte zu schreiben. Neben Rappern wie Prinz Pi, Massiv oder eher unbekannten Namen wie Karub geht Salomo besonders auf Kollegah ein. Dessen Song "Apokalypse" (mittlerweile von YouTube gelöscht) enthält zahlreiche antijüdische Anspielungen, die Salomo sehr genau seziert.

Letztendlich bleibt es natürlich jedem selbst überlassen, sich eine Meinung zu Kollegah und Konsorten zu bilden. Ben Salomo spricht auch klar davon, dass viele dieser Lines als reine Provokation zu sehen sind. Einen Grund für immer provokantere Texte sieht Ben Salomo auch beim Publikum selbst: dieses fordere immer härtere Texte und mit antisemitischen Anspielungen könne man, gerade in Deutschland, sehr schnell für Aufsehen sorgen. Für Salomo liegt ein großer Unterschied darin, ob ein Rapper gezielt provozieren will oder tatsächlich antijüdische Narrative weitergibt. Wenn dann in "Apokalypse" von der "Gefahr von Palästina bis Katar" die Rede ist und man Mönche mit Davidstern-Ringen sieht, die das Ende der Welt planen, gehen solche Anspielungen für Salomo über pure Provokation hinaus.

Unabhängig davon, was diese Rapper von sich geben, sollte man nie vergessen, welchen großen Einfluss Rapper wie Kollegah auf die überwiegend jugendlichen Fans haben. So kann es schnell passieren, das irgendwelche Klischees unreflektiert übernommen werden. Genau dagegen will Ben Salomo in der Zukunft ankämpfen, nachdem er "Rap Am Mittwoch" den Rücken gekehrt hat.

Selbst aktiv werden möchte Salomo in seinen neuen Songs, denn gänzlich vom Hip Hop wird er sich nicht verabschieden. Bereits jetzt ist der Berliner auf den deutschen Schulhöfen unterwegs und spricht mit den Jugendlichen über die problematischen Texte mancher Rapper. Er deutet sogar an, dass weitere Bücher folgen könnten.

Viele Argumente von Salomo kann man so auf jeden Fall unterschreiben. An manchen Stellen gerät sein Bericht dann aber doch relativ subjektiv und gerade sehr verallgemeinernde Passagen darf man beim Lesen auch mal kritisch hinterfragen. Ein Beispiel: "Die ganze Deutschrap-Szene ist komplett unterwandert von Clans, die aus arabischen Antisemiten bestehen." Das ist eine ziemlich steile These, die hier aufgestellt wird, einen derartigen Vorwurf kann man nicht auf die gesamte Szene eines Genres anwenden. Sie tut auch den MCs unrecht, die sich gegen Rassismus und Ausgrenzung engagieren.

Bei Sätzen wie "Die Leute von DLTLLY [Don't Let The Label Label You, konkurriende Rap-Veranstaltung zu RAM] haben schon Schwänze gelutscht, bevor sie überhaupt Relevanz hatten." fragt man sich außerdem, ob Salomos Buchtitel nicht auch eine ziemliche Doppelmoral beinhaltet. Solche Sätze darf man natürlich auch nicht überbewerten, immerhin hat Salomo Battle-Rap-Turniere veranstaltet, bei denen ein ungehobelter Sprachduktus dazugehört.

Am Ende seines Buchs stellt Ben Salomo mehrere Forderungen:

  1. Rap-Künstler, die mit antisemitischen Texten polarisieren wollen, sollen in der Zukunft auf solche provokanten Lines verzichten.
  2. Die Deutschrap-Szene solle sich dem Antisemitismus-Problem stärker stellen als bisher, indem sie antijüdische Texte und Künstler stärker kritisiert.
  3. Salomo fordert, dass Eltern genauer darauf achten, was ihre Kinder hören und im Zweifelsfall rassistische oder homophobe Musik auch verbieten. Genau so in der Verantwortung sieht Salomo die Lehrer.
  4. Auch die Musik-Industrie müsse genauer darauf achten, welche Künstler sie unter Vertrag hat. Das gleiche fordert Salomo für Veranstalter, die genau so in der Verantwortung sind, welche Inhalte verbreitet werden.
  5. Die staatlichen Behörden müssten genauer auf die Inhalte der Rap-Musik achten. Salomo fordert auch eine strengere gesetzliche Regelung: "antisemitische Rapmusik muss genauso verfolgt werden wie Neonazi-Musik, denn sie ist noch gefährlicher als diese, einfach deshalb, weil sie ungleich mehr Jugendliche erreicht."

Ben Salomo öffnet damit noch einmal einen ganz neuen Raum für Diskussion, dabei ist auch der Rest seines Buchs ziemlich kontrovers. Es lohnt sich, sich genauer mit "Ben Salomo heißt Sohn des Friedens" zu beschäftigen, also: lesen, informieren und eine eigene Meinung bilden!

Fotos

Kollegah

Kollegah,  | © Selfmade (Fotograf: Laion) Kollegah,  | © Selfmade (Fotograf: Laion) Kollegah,  | © Selfmade (Fotograf: Laion) Kollegah,  | © Selfmade (Fotograf: Laion) Kollegah,  | © Selfmade (Fotograf: Laion)

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