laut.de-Kritik

Pompös und steril: Ein Album wie ein Hans Zimmer-Score.

Review von

Eminems Karriere scheint zwar mit jedem Release mehr und mehr ihrem Ende zuzusteuern. Doch sein Impact wird in der Welt des amerikanischen Hip Hop wohl auch noch zu spüren sein, wenn der Detroiter schon lange nicht mehr selbst hinter dem Mikrofon steht. Zu verdanken ist das unter anderem Rappern wie NF. Er ist wohl einer der profiliertesten und talentiertesten Kandidaten, was das Brandschatzen von Eminems Erbe angeht.

Der 30-Jährige ist nicht nur stark von Slim Shadys Musik beeinflusst, er ist auch einer der wenigen Nachahmer, dem es gelang, in Rekordzeit eine vergleichbar treue und eingeschworenen Fankultur um sich herum zu versammeln, die ihn als das lyrische Non Plus Ultra der Szene anhimmelt. Und das vor "Let You Down", der Single, die ihm 2017 den Durchbruch in den Mainstream bescherte.

So sehr NFs Musik hinsichtlich Flow, Kadenz und selbst Stimmlage der seines Idols ähnelt, so unterscheidet sie sich jedoch in einer Hinsicht wesentlich. Nathan John Feuerstein, wie NF bürgerlich heißt, ist gläubiger Christ und verzichtet in der Folge vollkommen auf Flüche oder Schimpfwörter. Auch inhaltlich trägt er seinen Glauben und die Zweifel, die er hin und wieder daran äußert, auf oftmals sehr direkte Art und Weise nach außen.

"Clouds", das erste Mixtape in der Karriere des Amerikaners, macht da auch keine Ausnahme. Zeugnisse seines Glaubens finden sich wie Sand am Meer: "I don't know why God chose me" heißt es beispielsweise im Opener. Sie stehen dem Unterhaltungswert der Musik jedoch nur sehr selten im Weg, da NF keine missionarischen Reden schwingt oder gar versucht seine Hörer zu bekehren. Nein, die Probleme von "Clouds" finden sich an anderer Stelle.

Wirft man einen Blick in die Texte dieses knapp 45-minütigen Projekts, so kommt man schnell zur der Erkenntnis, dass NF nicht wirklich etwas zu sagen hat. Mit Ausnahme der Storytelling-Fingerübung "Story" ist kaum auszumachen, was die restlichen neun Songs abseits von vagen Phrasen überhaupt thematisieren.

So handelt "Lost" von einem Gefühl der Verlorenheit, "Just Like You" versichert dem Hörerdass dieser mit seinen Problemen nicht alleine sei, und "Prideful" blickt auf eine verflossene Beziehung zurück. Alles Inhalte, die private Einblicke versprechen und, so müsste man meinen, von Grund auf emotionale Potenz mitbringen. Aber leider lässt sich der Michigan-stämmige Rapper nie ausreichend in die Karten schauen, um dieses Potential auch zu realisieren.

Stattdessen rappt er um den heißen Brei herum, füllt seine Verses mit inhaltlich leeren Doubletimes und schwammigen Vergleichen ("How could you call me unskilled? That's like lookin' at Mount Everest and then calling it a small hill") und beteuert immer wieder, ganz getreu seinem Idol, anders als die verdrogte, heruntergekommen Szene zu sein.

Einen weiteren Beitrag zur emotionalen Sterilität von "Clouds" leistet die Produktion, die NF größtenteils in Kollaboration mit Tommee Profitt selbst übernahm. Die Instrumentals klingen überproduziert, schwülstig und erinnern mit ihren cineastischen Build-Ups und Blockbuster-Drones an die mit Bombast beladene Theatralik eines Hans Zimmer. Und ähnlich wie bei den Scores des Frankfurters ignorieren sie jegliche Nuancen und emotionalen Zwischentöne und diktieren vielmehr auf grellste und nervigste Art und Weise, was man zu fühlen hat.

Auf "Story" rechtfertigt die cineastische Geschichte, die NF erzählt, diese Art der Instrumentierung noch, auf dem Rest des Tapes kaschiert sie jedoch nicht einmal die Nichtexistenz einer emotionalen Grundlage. Handwerklich ist das erstklassig produziert und fast schon erschreckend nah am Zeitgeist, das muss man NF zugute halten. Aber wer außerhalb von Christopher Nolan-Filmen eine Existenzberechtigung für derart dick aufgetragene Theatralik sucht, der wird mit "Clouds" ganz sicher nicht fündig.

Im Gegenzug sind es die Beats, die die leiseren Töne anschlagen, auf denen NF brilliert. Auch weil sie ihn dazu zwingen, seinen gewöhnlich immer gleichen angestrengten Flow kurz beiseite zu legen und einen Gang runter zu schalten. "Prideful" punktet mit geschmackvollem Soul-Sample, zu dem auch ein Drake nicht nein sagen würde, und "Drifting" lässt mit gedämpften Background-Vocals und epischen Streichern tatsächlich so etwas wie Melancholie aufkommen.

NF ist kein außergewöhnlicher Rapper und "Clouds" ist alles andere als ein außergewöhnliches Mixtape. Es leidet wie jedes vorige Projekt des 30-Jährigen auch an den Problemen, die seit geraumer Zeit die Musik seines größten Vorbilds plagen: Schwache Hooks, ein oftmals etwas bitter wirkendes Konkurrenzdenken (sehr deutlich auf "Paid My Dues") und ein ungesundes Maß an Selbstüberschätzung.

Vergleicht man aber NF mit einem gealterten Eminem und der restlichen Riege der Lieblingsrapper weißer High School-Kids - zwei davon sind oh wunder auf "Clouds" als Gäste gelistet - so schneidet er fast schon überdurchschnittlich gut ab. Nie erreicht er die Corniness eines Eminem, nie die Preachyness eines Hopsin und niemals das technische Skillgewichse eines Tech N9ne. Im Umkehrschluss erreicht er jedoch auch nur sehr sehr selten die musikalischen Höhen, zu denen jene Rapper im Laufe ihrer Karriere hin und wieder aufliefen.

Trackliste

  1. 1. Clouds
  2. 2. That's A Joke
  3. 3. Just Like You
  4. 4. Story
  5. 5. Prideful
  6. 6. Lost (feat. Hopsin)
  7. 7. Layers
  8. 8. Drifting
  9. 9. Trust (feat. Tech N9ine)
  10. 10. Paid My Dues

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