laut.de-Kritik

Die Neuauflage macht manches besser und nur wenig schlechter.

Review von

Muse leisten sich mit "Origin Of Symmetry: XX Anniversary RemiXX" etwas, das sie seit langer Zeit, zumindest in der überkandidelten Phase seit "The 2nd Law" vermissen lassen: Mut. Das Original aus dem Jahre 2001 ist allgemein anerkannt als bestes Werk der Band und ein Meilenstein der Rock-, Metal- und Emogeschichte. Es hat hunderte Bands weltweit beeinflusst, in Deutschland am offensichtlichsten die einstigen Myspace-Heroen Museum. Geld haben die Briten als eine der erfolgreichsten Tourbands überhaupt genug, die heilige Kuh "Origin Of Symmetry" hätten sie nicht schlachten, sich den erwartbaren und eingetretenen Entrüstungssturm nicht aussetzen müssen.

Das Album von vor 20 Jahren steht sehr stark für seine Epoche, allein schon deshalb liegt es etwas quer im heutigen Ohr, dazu kommt die Komplexität dieses Werks samt Streichern und Elektronika. Technisch ist "Origin Of Symmetry" nicht schadlos gealtert, insofern gibt eine Generalüberholung Sinn, auch wenn der künstlerische Anspruch zur alternativen Schaffung von neuen Werken damit etwas kollidiert. Aber die drei Bandmitglieder legten persönlich sowieso wenig Hand an, das gaben sie in die Hand von Rich Costey, ihrem Haus- und Hofproduzenten seit "Absolution". Der hat mit "You Could Have It So Much Better" und "Our Love To Admire" schon hinreichend nachgewiesen, dass er keiner der ganz Schlechten ist.

Natürlich spielt es eine Rolle, wie die Neuauflage technisch gelungen ist, allein schon, weil dabei einige durchaus nicht intuitive Entscheidungen getroffen wurden. So sprießen bei einem guten Teil der Becken die Sibilanten nur so vor sich hin, und die Kompression des Originals wird stellenweise sogar noch übertroffen. Allerdings sind diese Betrachtungen der Unterschiede in den Veröffentlichungen, die Interessierte auf loudness-war oder anderen Spezialistenforen weiter erkunden können, schon deshalb Makulatur, da der normale Hörer 2001 realiter auf einem Kindergeburtstags-CD-Player beim Duschen hörte. Die hier vorliegende Edition dagegen ist eine mit der Technik der heutigen Zeit neu produzierte LP - natürlich hört sich die satter & knackiger an, die Instrumente sind klarer herausproduziert und wenn man die Nostalgie mal zur Seite schiebt, ist das hier die technisch weitaus überlegene Version.

Interessanter ist aber doch die Frage, wie sich die Änderungen im Sound über das rein Technische hinaus aufs Hörerlebnis auswirken. Und da gibt es einiges zu berichten: "Origin Of Symmetry" ist erwachsener und druckvoller geworden. Bellamys Stimme liegt über das ganze Album mehr als nur einige Nuancen tiefer, die ganz hysterischen Ausbrüche wurden weniger, die Gitarre findet sich deutlich weiter hinten im Mix. Weniger Bellamy, mehr Howard und vor allen Dingen Wolstenholme, dessen Bass ungleich prägnanter ausfällt. Dadurch gerät die ganze Angelegenheit etwas weniger schneidend, jedoch dynamischer. Songs wie "Citizen Erased" fühlen sich tanzbarer und weniger schrill an, die Streicherarrangements, die von Bellamy stammen, ersetzen die Gitarre oft im Spiel mit der Rhythmussektion. Die neue Produktion ändert einiges, nicht alles, macht nicht alles besser, aber nur wenig schlechter.

Die Platte heißt übrigens zurecht "Remix", denn die Neuauflage präsentiert zahlreiche Passagen leicht verändert, selten sogar neu aufgenommen, häufiger mit anderen Betonungen im Mix. Diese Änderungen äußern sich vergleichsweise weniger stark als die oben angesprochenen Anpassungen im Sound, da die Idee jedes Songs, die zentrale Hook, der für dieses Werk charakteristische katharsische Ausbruch, doch unverändert blieben. Das Gros der Änderungen fügt sich organisch ein, ohne Kanten unnötig zu schleifen, und stellt insofern einen Gewinn im Vergleich zum Original dar.

"Futurism" war nicht in der Original-Fassung enthalten bzw. nur in der japanischen Ausgabe, wurde seitdem in Streamingportalen aber hintan gefügt. Der Song fügt sich sehr gut ein, ein toller Refrain mit scheinbarer Verschnaufpause, die manischen Basspassagen in der zweiten Strophe kommen auf dem Remix gut raus.

Gelungen auch Sujin Kims coole Neubearbeitung des Covers, verschwommene Stimmgabeln, Wüsten-Mars-Landschaft, Flimmern. Auf den Schallplattenhüllen finden sich die zehn Grafiken des ursprünglichen Gatefolds, allerdings im Farbschema von Kims neuer Frontgestaltung, was die charmante Dissonanz der Grafiken in einem breiigen Matsch ertränkt.

In der Gesamtbetrachtung kann es nur ein Fazit geben: Das Songwriting dieses Albums bleibt über alle Zweifel erhaben. Die Neuauflage "Origin Of Symmetry: XX Anniversary RemiXX" hebt dieses absolute Meisterwerk, das eine Band auf dem Zenit ihres Könnens zeigt, nicht auf eine ganz neue Ebene. Es macht das Album an vielen Stellen aber einen Deut besser, ein Jota aktueller und versieht es mit einer so nicht gekannten Dringlichkeit, raubt ihm im Gegenzug etwas an Weirdness. Wenn so eine neue Generation das Album für sich entdecken kann, haben Muse alles richtig gemacht.

Trackliste

  1. 1. New Born
  2. 2. Bliss
  3. 3. Space Dementia
  4. 4. Hyper Music
  5. 5. Plug In Baby
  6. 6. Citizen Erased
  7. 7. Micro Cuts
  8. 8. Screenager
  9. 9. Darkshines
  10. 10. Feeling Good
  11. 11. Futurism
  12. 12. Megalomania

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13 Kommentare mit 26 Antworten

  • Vor 22 Tagen

    Es ist nicht die Absolution, aber ich kann verstehen warum man's mag. Maybe bringt der Remix die drei Dullis nochmal dazu, sich beim Songwriting für die nächste sowas wie Gedanken zu machen anstatt nur rum zu referenzieren wie ein schlechtes Imageboard.

  • Vor 17 Tagen

    Für meinen Geschmack haben sie ein paar der wummigeren Stücke zu sehr reduziert. Der Charakter des Albums leidet schon ein bisschen darunter wie ich finde. Gerade bei Micro Cuts fiel mir das sehr negativ auf, wie die neue Fassung so vor sich hinplätschert. Klar kann man Bellamy jetzt auch besser verstehen, aber gerade dass er durch die ganze Kompression klang wie eine Gitarre machte das Original doch so geil. Streicher in Space Dementia sind mir auch too much. Citizen Erased gefällt mir in der neuen Fassung besser. Generell sehr hit or miss dieses Album.

  • Vor 14 Tagen

    Viel Hoffnung das Muse "Back To The Roots" sich aufmachen, macht mir das Reiew ja nicht gerade. Trotzdem möchte ich mal anführen, das seit 2009/10 nix gescheites von Muse erschienen ist und sie jetzt durch die Verbesserung des damligen Hörerlebnisses, wieder Licht am Horizont aus machen könnten.

    Im vergangen Jahrzehnt haben sie ja hauptsächlich die großen Stadien gefüllt und immer schlechtere Musik von Jahr zu Jahr abgeliefert.

    Was spricht also dagegen, das sie nicht den "Coldplay" machen?

    Muse sind anders, einfach gesagt. Irgendwer sagte zu ihrer besten Zeit mal über Muse, sie würden Hallen mit ihrer Musik füllen, so das jede Lokation als zu klein erscheint. Das macht doch eher Hoffnung, das sie die Kurve eventuell doch noch bekommen.