1. Juni 2012

"Wo Xavier steht, muss ich erst noch hin."

Interview geführt von

Nach achtzehn Jahren im Musikbusiness wird es Zeit für ein eigenes Album. Lange war es als gemeinsames Projekt von Melbetz, Moe Mitchell und Savas angekündigt. Jetzt lässt der King of Rap seinen langjährigen Backup-MC unter seinen Fittichen hervor: "MMS" mutiert zu "Moe Mitchell Solo", Moe darf endlich alleine fliegen. Wie sich das anfühlt und warum die Reise bis hierhin so lange gedauert hat, erzählt uns ein stolzer Moe kurz vor dem Releasetermin. "Hier - this is Moe!"Savas und seine Liga der außergewöhnlichen Emcees in Basel: Das lassen wir uns nicht entgehen und nutzen die Gelegenheit für ein Interview mit Sänger und Savas-Backup-Rapper Moe Mitchell. Am Nachmittag vorm Konzert spielt er uns dort sein Solodebüt vor: elf Songs in voller Länge. Während Moe sanft zum Sound mitwippt, tippt er mit frisch eingecremten Fingern auf dem Touchscreen seines Smartphones herum: "Da kann ich jetzt hier so raufmalen." Song für Song bekommt einleitende Worte verliehen:

"Alles an dir": Wirken lassen.

"Stern": Der nimmt dich jetzt mit auf die Reise. Zuhause sitzen, Weinchen trinken und Depri schieben - und dann hört man den Song. Na ja - damals war das so. Ich trink' ja inzwischen keinen Alkohol mehr. Der Song ist ja aber nicht erst seit gestern drauf ...

Bevor wir "Gangster", die zweite Singleauskopplung, zu hören bekommen, zeigt uns Moe noch das Making-Of vom Video:

Ramazotti auf dem Tisch? Kein Whiskey?

Einfach so. Aber kuck' mal: Das sieht nämlich keiner ...

Wodka.

Ed Hardy-Wodka! Die Flasche ist very expensive.

Es geht hier um Gangsterliebe?

Genau - es geht hier um Gangsterlove, aber nicht um Sie ist ein Gangster, Er ist ein Gangster. Es geht wirklich nur um die Art und Weise, wie man sich streitet. Das ist halt Gangster.

Hast du Erfahrung damit?

Ich bin jetzt 29 und habe gerade eine lange Beziehung hinter mir. Gerade wenn man aus einer Stadt kommt, in der es sehr ghettomäßig ist, fällt man schnell in so Sachen rein ... Aber wie gesagt: Das sag ich dir alles gleich!

"Es Tut Mir Leid" wird ebenfalls entsprechend eingeleitet:

Auch kurz, der Song, aber der sagt alles! Als Frau wirst du schon merken, warum der so kurz ist. Ich bin kein Mann vieler Worte, in dem Moment. In der Kürze liegt die Würze!

Vielen Dank, Moe! Ein Konzentrat der Themen Liebe, Leidenschaft und Tod.

Es soll halt alles dabei sein. Oder was heißt alles ... Es war ja so, dass alles sehr melancholisch war – zumindest nur auf diese Liebe bezogen. Es war notwenig, dass es auch andere Tracks gibt - wie "Feuer und Flamme" oder "Gangster", die jetzt vom Song her einfach frischer sind. Oder wo man das Gefühl hat, dass da einfach ein bisschen mehr geht. Bei "Joe Black" ist das ein anderes Thema, von dem ich aber finde, dass es auch sehr gut zum MMS-Album passt. Da bin ich der Tod. Kennst du den Film "Rendezvous mit Joe Black"? Mit Brad Pitt?

Ja – aber das ist ja schon ewig her.

Ja, aber da stammt halt die Inspiration her. Da haben wir uns einfach gedacht, das ist mal 'ne coole Sache, über so etwas zu singen.

Verschiedene Facetten der Liebe - bis auf "Meine Stadt" ... wobei das ja eigentlich auch ein Lovesong ist. Oder?

Ja, stimmt - das ist eigentlich auch ein Lovesong. Bedingt dadurch, dass ich meine Stadt natürlich sehr liebe. Für mich ist es sehr wichtig gewesen, dass ich mich auch so präsentiere. Viele haben ja gedacht: Okay, das ist der Moe, der Backup-Rapper oder -Sänger von Kool Savas. Aber Savas und ich wollten mit dem Song den Leuten zeigen: 'Hier - this is Moe! Der kommt von da und das ist Moe!'

Wo lebst du jetzt

In Hannover.

"MMS" ist seit fast drei Jahren angekündigt, war ursprünglich geplant als gemeinsames Debüt von Melbeatz, Savas und dir. 2010 las man, dass 20 Songs bereits fertig seien. Warum kommt das Ding erst jetzt?

Zum einen sind wir drei musikalisch sehr starke Persönlichkeiten. Das bedeutet, dass wir natürlich Kompromisse eingehen müssen. Was wir jetzt gemacht haben, ist so noch nicht passiert. Es gibt Glashaus – da ist ein Produzent, Moses, der geschrieben hat, und die Cassandra, die es dann gesungen hat. Aber, wenn du "MMS" jetzt gehört hast, weißt du: Das hat mal gar nichts mit Glashaus zu tun. Es gibt auch Songs, wo ich vom Flow her anders singe, das ist ja schon fast gerappt. Über die Zeit hinweg haben wir uns vorgenommen, etwas Neues zu erfinden. Wir hatten ja schon Ansätze – sprich bei "Til Infinity". Da haben wir schon gesehen, was so gehen könnte. Da wars auch schon dieses: tackatata tacktata.

Um das alles auf einen Punkt zu bringen und diesen roten Faden zu bekommen, haben wir mehrere Sessions gebraucht. Mehrere Sessions bedeutet, dass wir uns oft getroffen haben - mal in Stuttgart, mal in Rothenburg, mal in Hannover. Letztens hatten wir sogar mal zehn Tage ein Boot Camp. Da sind wir aufs Land gefahren, in Dinkelsbühl, und haben uns da eingeschlossen, zu sechst, und uns ausschließlich mit diesem Projekt beschäftigt. Das war aber auch nötig, um dieses Album so fertig zu stellen. Wie gesagt: wir mussten einen Kompromiss finden und diesen roten Faden. Dafür waren über die Jahre diese Sessions einfach nötig.

Dann kommt auch noch dazu, dass wir zwischendurch viel gemacht haben. Ich war ja nicht tatenlos rumgesessen und habe nichts getan, sondern war viel beschäftigt mit Savas. "John Bello II" – "Takeover" war ja davor, dann kam "John Bello III", davor irgendwann noch mal "Tot Oder Lebendig", wo ich Savas mit Rat und Tat zur Seite gestanden bin, um für ihn das Bestmögliche rauszuholen. Das hab' ich auch gern gemacht, er ist halt mein Bruder. Aber wie gesagt: Das sind alles Aspekte, die dazu geführt haben, dass es solange gedauert hat. Trotz alledem ist es ein sehr starkes Album geworden. Die Jahre haben hervor gebracht, was das Album jetzt auch mit sich bringt. Es hat sich gelohnt und ich freu' mich sehr, dass es jetzt am Start ist.

Savas hat den Großteil der Texte geschrieben, ist das richtig?

Ja - Savas hat sechs oder sieben Texte geschrieben und Franky Kubrick hat vier, fünf gemacht. Franky war auch der Art Director des Making-Ofs, das wir gerade gesehen haben. Er ist ein Typ, der sehr visuell sein kann, wenns ums Schreiben geht. Der hat dann sofort Bilder im Kopf. Man gibt ihm nur ein Thema, und der schreibt sofort drauf los. Die Arbeit mit Franky lief so: Ich habe ihm die Melodien vorgegeben, und er hat eins zu eins darauf geschrieben. Ich weiß nicht, ob du Ryan Leslie schon mal gesehen hast? Wenn der "Gibberish" macht?

Ja.

Das mach' ich halt auf Deutsch. Fantasiesprache, einfach. Franky hat dann eins zu eins auf diese Silben geschrieben. Bei Savas ist es so, dass er die Beats sofort kriegt, oft schon bevor ich sie hatte, und er sich dann einfach eingeschlossen hat ins Zimmer - auch bei den verschiedenen Sessions, die wir hatten. Mal hat er zwei, drei Stunden gebraucht, mal kam er nach zehn Minuten schon raus und war fertig. Dann ist er direkt in die Booth gegangen und hat das da à la 50 Cent eingesungen, für mich, und ich hab' das dann einfach noch mal Moe-mäßig feingeschliffen.

Inhaltlich bzw. themenmäßig habt ihr euch nicht abgesprochen? Savas und Franky haben einfach drauf los geschrieben, was ihnen gerade in den Kopf kam?

Nee. Also in der Anfangszeit war es ja noch nicht so, dass Franky mitgearbeitet hat. Da war es auch noch so, dass ich durch sehr viele Facetten in meinem Leben gegangen bin, die sehr melancholisch waren, die ganze Zeit. Da ist es schwierig für mich - und auch für jemanden, der für einen schreibt - da was Fröhliches zu schreiben, weil das Gemüt so melancholisch ist. Als ich angefangen habe, mit Franky zu schreiben – was dann wieder so zwei Jahre später oder so war – wars dann aber genauso. Da war ich wieder in so 'ner Situation. Das hat mir über die Jahre gezeigt, dass das Album dann halt auch so sein muss. Ich bin sehr sensibel, bin auch sehr emotional in gewissen Hinsichten, und find' das auch ganz in Ordnung so. Das spiegelt sich in dem Album wider. Aber da werden sich sehr viele Menschen mit identifizieren können. Weil es ganz alltägliche Probleme sind, die dort angesprochen werden. Wir haben uns aus den zwanzig, die du ja vorhin genannt hast, die besten rausgenommen, die vor allem auch zueinander passen. Und das sind sie jetzt.

Also bist du an der Themenwahl schon beteiligt? Deine Stimmung hat auf die Texter abgefärbt?

Richtig.

Wie genau kann man sich vorstellen, wenn Savas in einem anderen Raum ist?

Savas war zum Beispiel in Österreich, in Sölden, glaub' ich. Da hat der sich locker gemacht, zehn Tage oder so und auch so Sachen wie "Herz In Ketten" geschrieben. Er wusste genau, wie es mir in der Zeit ging. Savas, das habt ihr ja alle auch an "Aura" gesehen, ist sehr offen, was Land bzw. ländliche Umgebung angeht. In diesem Ländlichen steckt ja schon eine gewisse Melancholie. Das hat ihm natürlich auch sehr dabei geholfen, für mich in dieser Hinsicht weiter zu schreiben - zusammen mit dem, was er ansonsten schon über mich wusste.

Mel hat, wie ursprünglich auch geplant, sämtliche Produktionen auf dem Album gemacht. Wer war denn im Boot Camp noch dabei? Du hast von sechs Leuten gesprochen ...

Zum einen Sir Jai, unser Toningenieur und DJ – der macht praktisch alles für uns, musikalisch gesehen. Und unser Fahrer. Das war aber echt total geil und auch nötig, um das Letzte für das Album rauszuholen.

"Wenns nicht zündet, geh' ich wieder kochen."


Warum wird denn das Ganze trotzdem als dein Solodebüt gehandelt? Also als Moe Mitchell-Debüt und nicht als MMS-Debüt?

Tür geht auf, Plan B und Tua strecken die Köpfe zur Tür herein: Hi! Macht ihr hier gerade noch Session?

Moe: Nee, wir haben hier gerade ein Interview.

Plan B: Ah okay - steht nix dran hier. 'Tschuldigung!

Tür geht wieder zu.

Wir mussten ja erstmal sehen, wohin uns die Reise führt. Dann haben wir uns überlegt, wie das alles praktisch aussehen würde. Zum Beispiel wenn MMS auf Tour geht, dann bin ja nur ich auf der Bühne! Das ist ja dann nicht wie bei Glashaus, wo man weiß: Okay, Glashaus ist Cassandra Steen. Glashaus klingt auch schon sehr weiblich, da weiß man gleich: 'Ah! Das is die Halbschwarze von Moses.' Bei uns ist das mit MMS dann so: 'Kommt Mel oder kommt Savas auch? Oder wie machen die das? Rappt Savas auf irgendwelche Songs?' Bla, bla. Das ist ja aber nicht so. Über mehrere Sessions hat sich herauskristallisiert, dass es dann doch mehr ein Moe Mitchell-Soloalbum ist.

Dann haben wir überlegt: Nennen wir es trotzdem "Mel, Moe, Savas"? Oder "Musik Mit Seele"? Am Ende wars dann einfach "Moe Mitchell Solo", also auch "MMS". Ich fands cool. War zwar erst sehr überrascht und unsicher, so von wegen 'Ah-dann bin ich ja alleine!' und so. Man wird halt losgelassen. Aber ich finde es gut. Nach 18 Jahren Musik-Machen ist das mein erstes Soloalbum, wo auf elf Tracks nur ich alleine drauf bin. In all den Jahren hab' ich bisher sonst echt nur vielleicht so 15 Dinger, wo ich alleine zu hören bin.

Hattest du manchmal das Gefühl, in Savas' Schatten zu wandeln und da jetzt mit deinem eigenen Ding auszubrechen?

Nö. Überhaupt nicht. Ich war ja immer am Start. Ich muss ehrlich sagen, dass erst im Nachhinein die Leute oder Fans oder Reporter mich daran erinnern oder aufmerksam darauf machen: 'Ey, du standest ja die ganze Zeit im Schatten von Savas.' Natürlich kann man das jetzt so sehen und natürlich hängt einem das jetzt nach, das ich der Backup von Savas war. Aber ich sag' dir ganz ehrlich: Ich war die ganze Zeit am Start! Ich hab zwar nur Hooks gesungen, aber das hat Nate Dogg auch gemacht. Und der ist trotzdem 'ne gestandene Persönlichkeit gewesen, in dem Business. Wer das nicht erkennt, der kennt mich halt nicht, kennt meine Musik nicht und kennt vor allem Savas nicht.

Im Soul und R'n'B geht in Deutschland nicht gerade besonders viel. Du hast schon früher gesagt: "Feiert mehr R'n'B und Soul in Deutschland. Dann ist die Welt wieder okay."

(Lacht.) Ja - die deutsche Welt, sozusagen!

Einzelne Künstler wie Xavier werden ja extrem gefeiert, aber der umfassende Soul- oder R'n'B-Hype bleibt hierzulande noch aus.

Ja - das stimmt.

Liegt das an der deutschen Seele?

Das kann gut möglich sein. Aber ich glaube, dass es daran liegt, dass wir zu viel aus Amerika haben. Da gibts dann 'nen Chris Brown oder, wenns um Soul geht, andere Leute wie Andrew Hamilton oder so, die die Leute in Deutschland feiern. Xavier ist wirklich die Ausnahme in Person, weil er diese engelsgleiche Stimme und zum richtigen Zeitpunkt auch seinen Hype bekommen hat. Als der den Song mit Sabrina gemacht hat, damals - ganz ehrlich - da war sogar ich gefesselt von. Als Sänger dachte ich: 'Der ist krass, Alter, weil ers auf Deutsch macht, aber genauso amerikanisch klingt.' Das ist auch das, was die Deutschen wollen. Das klingt jetzt blöd, aber: Ich bin Halbschwarzer, seh' vielleicht auch ein bisschen so aus, als könnte ich tanzen wie Chris Brown oder so. Wenn ich mit R'n'B ankomme und versuche, einen auf Chris Brown zu machen und zu tanzen, dann sagen die sich: 'Sorry - das haben wir schon.' Oder: 'Das kennen wir schon von dem da drüben.' Xavier ist nicht so ein Typ. Der hat halt einmal in dem Song mit Megaloh so ein bisschen Choreo getanzt (lacht), das wars. Aber sonst hatte er nie nötig, irgendetwas zu machen, um zu wirken wie ein Amerikaner oder um soulig zu klingen. Das macht einfach seine Stimme.

Ich finde, dass gerade die Männer in Deutschland, zum Beispiel J-Luv, Jonesmann oder dieser Ramsi, alle irgendwie noch so 'ne eigene Sparte haben. Es ist einfach super hiphoppig! Bei Ramsi ist es halt arabesk, aber bei Manuellsen und Jonesmann ist das einfach alles noch sehr hiphoppig, aber nicht, weil sie hiphoppig klingen, in dem Moment, sondern weil sie einfach vom Hip Hop her kommen. Es sind Rapper, die singen. In meinem Fall bin ich ja ein Sänger, der rappt. Wenn ich Sizzlac oder so mal ausgepackt hab'. Ich bin halt ein Sänger, der rappt, auch weil ich Savas backe. Aber ich bin nie auf dem Film gewesen: Ich bin jetzt ein Rapper. Ich war immer schon ein Sänger und ich glaube, dass das vielleicht ein Vorteil sein könnte und ein Grund, warum die Leute "MMS" mehr feiern könnten. Aber eben nur vielleicht. Viele sehen mich ja trotzdem noch unter diesem Savas-Ding und verwechseln mich mit einem Rapper. Deshalb kann es gut sein, dass es auch bei mir läuft wie bei Manuellsen und Jonesmann. Die Zeit wirds zeigen. Ich bin sehr confident und weiß genau, dass die Leute, wenn sie es feiern, es auch zu Tode feiern.

Was hältst du von "Xavas", dem gemeinsamen Projekt von Savas und Xavier?

Feier' ich voll! Ich hab mit den beiden letztes Jahr im Januar in Berlin die "Wir bieten mehr"-Show gemacht. Da konnte ich zwei Songs von dem Album mit denen performen. Ich hab' eine Harmonie für Xavier gesungen und Savas gebackt und das insgesamt vor 32.000 Leuten, an zwei Tagen. Das war schon 'ne Erfahrung. Das Projekt zwischen Savas und Xavier wird ein richtig cooles Album – ich kanns kaum erwarten, den Rest zu hören, wenn es fertig ist, ehrlich gesagt. Ich werds mir kaufen. Ich geh' mal davon aus, dass du denkst: Das Album hätte Savas auch mit mir machen können ...

Darauf wollte ich hinaus, ja. Bist du nicht gekränkt?

Überhaupt nicht! Warum sollte ich auch? Du musst dir vorstellen: Xavier hat in seinem Leben schon so viel erreicht; ich muss mich da erstmal hinarbeiten. Auch wenn ich der Backup für Savas bin, wir uns privat wirklich sehr nahe stehen – no homo – und wir wirklich sehr gute Freunde sind, hat das nichts damit zu tun, dass Savas nur aus Freundlichkeit oder Sympathie sagen muss: 'Wir machen jetzt das Album miteinander.' Es soll sich ja auch lohnen – nicht geldmäßig, sondern musikalisch. Ich muss erst noch auf ein Level kommen. Savas hat ja auch schon sehr viel erreicht. Wenn Savas jetzt nur irgend so ein Rapper wäre, würde Xavier wahrscheinlich auch kein ganzes Album mit ihm machen. Savas hat für sich so viel erreicht, dass Xavier da dahinter stehen kann und sagen kann: 'Komm wir machen das Ding hier zusammen.' Und da muss ich erst hin. Da bin ich super realistisch und auch bescheiden. Ich wär der Letzte, der sagen würde: 'Ey Savas, ich bin super abgetörnt, weil du jetzt mit Xavier ... und ich bin hier doch 'n Sänger! Warum machst dus nicht mit mir? Du supportest mich doch damit ...' Macht kein Sinn. Ich muss mich erstmal dahin arbeiten. Hier ist das erste Album: "MMS", am 27. April kommts raus, und die Leute können sich bei der Tour auch noch mal überzeugen. Wenn das dann immer noch nicht zündet, dann muss ich halt schauen, was ich mach'. Dann geh ich wieder kochen oder so (lacht).

Du warst Koch?

Ja.

Ich dachte, du warst Tontechniker?

Auch.

Und davor hast du gekocht?

Nee, danach! Ich wollte immer in den Musikbereich, deshalb habe ich auch versucht, Tontechniker zu lernen. Aber da war ich dann auch eher nur der Koch und die Putze, deswegen hab' ich mir etwas anderes gesucht. Ich mochte, wie meine Mutter kocht. Das wollte ich immer können. Ich hab' aber schnell gemerkt: Ich kanns auch so.

Wie kocht die?

Gut!

Was für 'ne Richtung?

Deutsch. Richtig deutsch. Alles, was du dir in Deutschland vorstellen kannst, das kann und macht sie.

Du auch?

Ich jetzt auch. Ich hab' nur noch sehr viel mehr andere Einflüsse, sprich: Afrikaner aus Angola oder Leute von den Philippinen – gibt da diverse Leute. Vor kurzem hab' ich erst wieder Philippinisch zuhause gemacht. Adobo nennt sich das. Chicken Adobo, ist super lecker. Grenzt schon knapp an diese afrikanischen Sachen, die ich dann koche, wie Fufu und solche Dinger mit Yamswurzeln und so. Solche Sachen macht man dann halt (lacht).

Kommen diese Einflüsse aus der Verwandtschaft?

Nein, durch Freunde. Da, wo ich herkomme, in Bremerhaven, ist es sehr multikulti, in dem Ghetto. Ist blöd, wenn ich sag 'Ghetto', aber es ist halt so. Ich war schon immer sehr frühreif und hing mit den älteren Afrikanern rum. Die haben dann gekocht, das fand ich cool. Ab meinem fünfzehnten Lebensjahr hab' ich auch schon alleine gewohnt. Da hab ich mich ein Jahr noch von YumYum-Nudeln ernährt, mir einen Karton von geholt, das wars. Nach dem Jahr hab ich mir geschworen, ich koch' nur noch, und hab' mit sechzehn angefangen.

"Als ich meine Stimme gehört habe, hab' ich geweint."


Über deine Mutter bist du ja auch zum Soul gekommen ...

Richtig. Ein Kollege meiner Mutter war ein pensionierter GI, der bei uns um die Ecke gewohnt hat. Bei dem hat meine Mutter mal gechillt, oder meine Schwester hat auf seinen Sohn aufgepasst. Ich war dann auch mal dort und hab' da in seinem Flur rumgesungen. Damals war ein Kollege von ihm da und hat das gehört. Er meinte: 'Cool. Komm mal mit! Wir gehen ins Studio, singen.' Ich dachte: 'Boah, geil! Studio!' und was man sich da halt mit elf Jahren so denkt. Dann haben wir uns getroffen, wir waren bei dem zuhause und er meinte so: 'Yeah, let's write!' Write? Was soll ich schreiben, Alter? Ich dachte, wir gehen ins Studio, Alter!(lacht) Ich dachte, wir nehmen jetzt was auf und gut is?! Als Kind hatte ich keine genaue Vorstellung von, was da so passiert. Er hat mich davon überzeugt, weiter zu machen. Als ich dann im Studio stand, wars geil - obwohl ich geweint hab', weil sich meine Stimme nicht so angehört hat, wie ich sie aufgenommen habe. Als Elfjähriger hat man da ja so voll die Vorstellung von. Da wurde ich dann das erste Mal damit konfrontiert, dass die Stimme, wenn man sie aufnimmt, nicht so klingt wie wenn man spricht.

Na, klar. Das kennt wohl jeder. Da muss man sicher erstmal Routine darin kriegen, damit umzugehen.

Ja, genau. Und das ist sehr schwierig als kleiner Bub. Da fängt man dann einfach an zu heulen, weil man denkt, man hätte was falsch gemacht. Über die Jahre bin ich damit klar gekommen, aber das war schon eine sehr krasse Erfahrung.

Mit elf hattest du schon deinen ersten Auftritt in einem Nachtclub. Erzähl' doch mal, wies dann weiterging und wie du letztlich bei Savas gelandet bist.

Durch diesen Typen, der mich da mit elf quasi entdeckt hat, war ich schnell im Studio und hatte dann direkt im selben Jahr noch meinen ersten Auftritt in diesem Nachtclub. Dort war ich zwei Jahre später gern gesehener Gast – wohlgemerkt mit dreizehn. Da waren lauter Afrikaner und ich war im Ghetto, denen ist das ja egal. Wenn da 'ne Razzia gemacht wurde, bin ich nach einer Stunde einfach wieder rein. So fing das alles an. Mit vierzehn hatte ich mit meinem Cousin und einem Kollegen von ihm 'ne Gruppe, die hieß "Empada". Mit denen hatte ich dann schon ein etwas professionelleres Ding. Wir waren im Candy-Station-Studio, wo ich übrigens auch meinen Tontechniker machen wollte. Die haben sich dort ein bisschen engagiert für uns. Wobei, ich sag' das jetzt mal ganz dezent, das Ganze da doch trotzdem ziemlich auf Verarschungsbasis lief, weil wir halt jung und dumm waren. Aber: Ich habe mit einem Auftritt bei Udo Lindenbergs Manager im Garten den Auftrag bekommen, für einen deutschen Film den Titelsong zu singen und zu rappen. Das war der erste Geruch (schnuppert in die Luft), den ich wahrgenommen habe von dieser Business-Welt.

Welcher Film?

"'Ne günstige Gelegenheit" mit Benno Führmann. Ist 'ne Komödie. Der Song dazu hieß "Professional Robbing & Crime" (Gelächter).

Sing mal!

(Lacht) Nein! Ich weiß das wirklich auch selber nicht mehr, wie das geht! Ich hab da ja gerappt und gesungen ... Wirklich, da war ich fünfzehn oder so, als ich das geschrieben hab'. Das ist vierzehn Jahre her! Naja, aber das war mein erstes Schnuppern in die Business-Welt. Direkt danach eigentlich kam meine Backpacker-Zeit mit WBC. Das waren wir alle zusammen: die "Wermelskirchen-Bremerhaven-Connection", hieß aber auch gleichzeitig "We burn connected". Mit denen bin ich durch Deutschland hiphop-mäßig unterwegs gewesen, hab' meine englischen Texte gerappt und auch Englisch gesungen. Bis dahin habe ich alles auf Englisch gemacht, die ganze Zeit. Das hab' ich durchgezogen, bis ich so achtzehn, neunzehn war.

Danach kam die Zeit, in der ich mit meinen eigenen Jungs "Straßenlage" gegründet habe. Das war Deutsch-Hip Hop, aber ich war trotzdem noch der englisch rappende Typ da, der aus der Reihe getanzt hat. BIs auf die Hooks, die hab' ich auf deutsch gesungen. Während dieser Straßenlage-Sache, mit der wir lokal recht erfolgreich waren, sind wir nach Süddeutschland zu meinem anderen Cousin, der der kleine Bruder von dem von "Empada" ist, und hab' mit dem ein paar Dinge im Saarland gemacht. Wir haben da 'ne Tour durchgezogen und die letzte Show war dann das Halberg Openair. Da waren Größen wie Mr. President, Jeanette Biedermann, French Affair, Captain Jack, Rest in Peace - und Savas halt. Wir waren die einzigen No-Name-Leute, die auf der Bühne ihr Ding gemacht haben. Für mich war das damals schon so dieses: 'Ey, ich mach jetzt seit zehn Jahren Musik und muss hier niemandem was beweisen oder irgendjemandem in den Arsch kriechen!' Ich hab' mich schon mit denen auf einem Level gefühlt. Hatte zwar nicht so viel Cash und dieselbe Aufmerksamkeit (lacht), aber ich steh' mit denen auf einer Bühne – das muss ja was bedeuten.

Mein Cousin kannte Savas schon. Die haben sich unterhalten, und Savas meinte dann wohl: 'Jetzt hol den mal her, deinen Cousin! Der rennt hier die ganze Zeit nur vorbei.' Ich hab' mich in dem Moment, ehrlich gesagt, gar nicht so für ihn interessiert und wollte auch nicht, dass er denkt, ich will ihn mit Absicht anquatschen. Am Ende des Tages habe ich ihnen auch was vorgesungen, von Xavier, und Savas hat das gefeiert. Vorher hatte ich auf Englisch gesungen. Savas hat mich darum gebeten, das auf Deutsch zu machen. Das war dann halt bloß ein Xavier-Song, von dem ich den Text nicht so wirklich kannte. Es hat ihm aber trotzdem so gut gefallen, dass er meine Nummer genommen und sich zwei Wochen später gemeldet hat.

Daraufhin musste ich zwei Jahre warten. Ich habe in diesen zwei Jahren vielleicht fünf Mal mit ihm telefoniert. Beim fünften Mal wars dann was. Das "MMS"-Ding war ursprünglich ja mit Valezka geplant, aber da gab es dann den Bruch. Mel hat wohl irgendwann gesagt: 'Ey, du redest die ganze Zeit von diesem Moe, Alter. Hol' den doch mal jetzt ran.' Ich hab' Savas angerufen, und er so: 'Boah, ich wollte dich gerade anrufen! Komm vorbei.' Ich hatte kein Geld, nichts, aber ich hab' gesagt: 'Ich komm morgen!' Ich wär' da auch hingelaufen! Aber er so: 'Nee, nee. Komm mal Sonntag, ich muss morgen zur Echo-Verleihung.' Also bin ich am Sonntag hingefahren und hab' die ganze Woche mit denen aufgenommen. Da sind Songs wie "Das Ist O.R." oder "Til Infinity" entstanden. Am darauffolgenden Freitag hatten die einen Auftritt, und da meinte Savas direkt: 'Wenn du Bock hast, komm' mit.' Joah, geil. Bevor ich mit denen mitgefahren bin, hat er mir noch gesagt, ich sei jetzt nicht nur Mitglied der Optik-Crew und werde gesignt, sondern ein fester Bestandteil des inneren Kerns! (Moe strahlt beim Erzählen bis über beide Ohren.) Das kam für mich schon so aus dem Nichts! Franky Kubrick war in der Zeit ja da, und ein KAAS. Die gehörten aber nicht zum inneren Kern, waren halt einfach nur gesignt. Savas wollte aber, dass ich direkt gleich zum inneren Kern gehöre. Das war für mich überkrass und voll die Ehre. Hör' bloß auf, Alter! Ich war richtig überwältigt. Ja. Danach ist dann alles Historie.

Abschließend würde ich gern auf das Thema "Gangsterliebe" zurückkommen.

Auf den Song "Gangster“?

Ja. Du meintest vorhin, "Gangster", weil man sich streitet wie die Gangster?

Wenn man schon länger zusammen ist, so zwei, drei oder vier Jahre, und sich streitet, ist es so, dass man da mal aus der Reihe tanzen kann. Man kann auch mal die Jacke nehmen und in die Ecke pfeffern und ein bisschen energischer werden und weiß trotzdem voneinander, dass man sich trotz allem lieb hat und alles cool ist. Mit diesem Wort "Gangster" meine ich nicht, dass man ein Gangsterleben führt wie Bonnie und Clyde und wenn Bonnie und Clyde sich streiten, dann die Fetzen fliegen und Schüsse fallen (lacht), sondern es ist einfach die Art und Weise gemeint, wie man sich streitet. Man hätte auch sagen können, das ist "Psycho" - im übertragenen Sinne. Dann hätte man den Song auch "Psycho" nennen können oder so.

Leidenschaft!

Genau! Leidenschaft. Das ist 'ne sehr, sehr gute Beschreibung dafür. Leidenschaftlich.

Ist der Text von Savas?

Der ist von Savas.

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