laut.de-Kritik

So schlecht wie hier klangen die Neunziger nun wirklich nicht.

Review von

Die letzten Monate liefen für Moby rein imagetechnisch nicht besonders gut. Er behauptete in seiner Autobiografie "Porcelain" nicht ohne brunftigen Männer-Stolz eine Affäre mit der Schauspielerin Natalie Portman gehabt zu haben, die dies sofort dementierte. Der nächste Riss im öffentlichen Bild folgte später durch die Entlassung und angebliche fehlende Auszahlung von Mitarbeitern seines hippen Vegan-Restaurants Little Pine. Das frühere Mobbing-Opfer von Eminems Gemeinheiten steht also plötzlich selbst im Fadenkreuz der politisch korrekten Twitter-Blase.

Wenn es aktuell also mit der PR nicht so gut läuft, scheint der Rückblick auf unbeschwerte Zeiten nur folgerichtig. Die ersten Vorboten des neuen Album machten klar, dass es mit Moby zurück zu den Wurzeln Anfang der Neunziger geht, als der kleine Glatzkopf nur eingeschworenen Techno-Jüngern und nicht dem Mainstream ein Begriff war. "Morningside" ist so dermaßen oldschooliger Acid-House, dass instantan Erinnerungen an wirre MTV-Videos und schlechte Epilepsie-Grafiken auftauchen.

Auch die Klavier-Klänge von "My Only Love" gehen zu dem Zeitpunkt zurück, als Aphex Twin gerade mit seinen Ambient-Works für erstes Aufsehen sorgte. Biten bei anderen Künstlern kann man ihm allerdings nicht vorwerfen, schließlich war Moby mit visionären Alben wie "Everything Is Wrong" am Erfolg dieser ruhigen Musikrichtung beteiligt. Die atmosphärischen Songs könnten vom Stil her auch auf Alben wie "Hotel Ambient" und "Long Ambient" vertreten sein, was für die Pop-Fans des erfolgreichen Künstlers höchstwahrscheinlich ein zweifelhaftes Vergnügen sein dürfte.

Auch sonst erklingen für diese Fraktion ungewohnte Klänge. Die lauten Sirenen-Geräuschen von "Power Is Taken" erinnern an frühe Mayday-Events, die politische Botschaft und die Zusammenarbeit mit Dead Kennedys-Drummer D.H. Peligro an seine HC/Punk-Wurzeln. Für die breite Masse oder den aktuellen Zeitgeist wurde das Album nicht produziert. Es klingt eher wie ein Versuch, noch einmal die Techno-Jünger von wirklich ganz früher zurückzugewinnen. Die hörten "Next Is The E", "Electricity" oder viele andere 90er-bpm-Bretter aus der Underground-Zeit von Moby.

"Rise Up Nn Love" klingt anfangs sogar nach der wirklich großartigen Hymne "Feeling So Real" von 1994. Ein ermüdendes Reggae-Sample und weitere Synthie-Eintönigkeiten geben dem Track leider schnell den Todesstoß in Richtung Belanglosigkeit. Da mögen ab und zu Flashbacks an Strobo-Gewitter und den leibhaftigen Westbam auftauchen, aber diese halbgare Oldschool-Nummer wäre wohl selbst den damaligen Kommerz-DJs nicht auf den Plattenteller gekommen. Moby kopiert seinen eigenen Sound ausgerechnet am schlechtesten.

Immerhin wühlt er sehr tief in der verstaubten Plattenkiste herum und holt für Nonstop-Verstrahlte Goa-, Trance- und House-Sounds heraus, die so wirklich schon sehr lange nicht mehr zu hören waren. Wer noch einmal den Schwarzlicht-Teppich und die Lava-Lampe für ein endkrasses Wohnungs-Accessoire herauskramen möchte, darf sich gerne den nächsten Beweis der schon länger andauernden Midlife Crisis von Moby geben. Für den Rest gilt: So schlecht wie auf diesem Album klangen die Neunziger nun wirklich nicht.

Trackliste

  1. 1. Morningside
  2. 2. My Only Love
  3. 3. Refuge
  4. 4. One Last Time
  5. 5. Power Is Taken
  6. 6. Rise Up in Love
  7. 7. Forever
  8. 8. Too Much Change
  9. 9. Separation
  10. 10. Tecie
  11. 11. All Visible Objects

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7 Kommentare mit 30 Antworten

  • Vor einem Monat

    Vielleicht sollte man die Rezension jemanden schreiben lassen, der auch nur einigermaßen unvoreingenommen an die Sache rangeht? Oder was soll das Bashing im ersten Absatz sonst bewirken?

    Weder bin ich großer Fan von Moby noch ein besonderer Anhänger des klassischen Ravesounds der 90er. Wenn man darüber schreibt, dann sollte man jedoch Ahnung von der Materie haben. Ich bezweifle stark, dass der Rezensent die Neunziger überhaupt selber als erwachsener Musikhörer erlebt hat. Sowohl die stilistische Unwissenheit als auch die Gnade der späten Geburt bestätigen sich in einem einzigen Zitat: ""Morningside" ist so dermaßen oldschooliger Acid-House". Was für ein Quatsch. Das Stück ist ganz klassischer Trance/Dream House, wie er 1993/1994 rauf und runter lief. Die für Acid House stets im Mittelpunkt stehende TB303 Bassline möge mir der Autor hier doch bitte aufzeigen.

    Kurz gesagt: doch, genau so haben die früher Neunziger geklungen. Ob das nun gut oder schlecht ist, steht auf einem völlig anderen Blatt.

    Vielleicht nächstes Mal einfach wieder über irgendeinen Newcomer schreiben, danke.

  • Vor einem Monat

    Ich glaube, es wäre imagetechnisch erheblich schlechter, würde sich Natalie Portman an (unfreiwilligen) Sex mit Moby erinnern, von dem er nichts mehr weiß

  • Vor einem Monat

    Habe das Album, wie alle Alben von Moby, nun mal mehrfach durchgehört. Um meine Intension zu verstehen - ich bin Moby-Fan seit den 90er Jahren, habe seine Biografie gelesen, ihn live auf Konzert erleben dürfen und verfolge ihn auf Social-Media. Ich bewundere ihn für seine Vielfalt und Konsequenz in seiner Musik.

    Das Album bekommt von mir 3 Sterne. Um zu verstehen warum - ich liebe vor allem den typischen Mobysound mit den Samples, Pianoelementen und Streichern.

    Leute die diesen Sound mögen kommen auch auf diesem Album voll auf ihre Kosten.

    Man kann das Album zweiteilen aus meiner Sicht.
    Der erste Part ist überwiegend dancelastig, mit teils harten Beats und komplett im Style der 90er-Jahre. Es sticht aber kein Song wirklich heraus oder ist sonderlich innovativ. Für diesen Teil des Albums würde ich 2 Sterne geben. Da war Moby bereits deutlich kreativer in der Vergangenheit und die Songs klingen teilweise übertrieben verspielt. In einigen dieser Songs hört man Mobys Wut über die aktuelle Lage teils deutlich heraus.

    Die zweite Hälfte ist eine Rückbesinnung an die Stärken Mobys, tolle Athmosphären zu schaffen mit eben jenen Samples, Streichern und Pianoklängen. Wer diese Elemente an Moby liebt wird ab dem Song "Forever" seine pure Freude am Album haben. Vor allem Forever, ein typischer Moby-Chill-Song und Too much change, ein toller Blues-Song mit typischen Mobybeats wechselnd und Tecie, ein kraftvoller Mobyträumer, haben wirklich klasse und sind meiner Meinung nach absolute Highlights auf dem Album.

    Setzt euch Kopfhörer auf und genießt diese Songs! Der hintere Teil des Albums bekommt deswegen von mir 4 Sterne und das Album insgesamt 3 Sterne.