laut.de-Kritik

Die Wehwehchen der Prinzessin Valium in Superzeitlupe.

Review von

"Mein Label hat 'n Tipp: Mach' mal 'n Hit. Dann noch 'n Hit. Ich mach' da nicht mit." Eine schöne Vorstellung: Eine unabhängige Künstlerin entzieht sich dem Diktat des Marktes, pfeift auf eventuellen kommerziellen Erfolg und die Verkaufszahlen und zieht ihr eigenes Ding durch. Schade nur, dass diese Worte mit der auf "Glück Und Benzin" präsentierten Realität nicht die Bohne zu tun haben. "Ich mach' da nicht mit" - am Arsch.

Statt "noch 'n Hit" schickt Miss Platnum den "Lila Wolken" nicht eine, nicht zwei, sondern satte zwölf Kopien hinterher - eine dröger, langweiliger und schnarchnasiger als die nächste. Als habe sie sich in Baldrian mariniert, trant sich die Sängerin durch ihre Nummern, als stehe sie jederzeit höchstens sekundenkurz vorm Wegdämmern. Ein Umstand, der aus gleich mehreren Gründen befremdlich, ärgerlich und tragisch wirkt.

Zum einen: "Glück Und Benzin" wartet mit richtig, richtig guten Produktionen auf. Der staubige Sound drückt dick und mächtig. Hall und Echo und diverse Details - etwa eine einsam jaulende E-Gitarre in "Frau Berg", ein cooler Bass im Vintage-Look in "Perfekte Illusion", elektronisches Flackern im Titeltrack oder Streicher in "Kleiner Schmerz" - sorgen für Atmosphären, die einander über die gesamte Spieldauer hinweg zwar stark ähneln, aber durchaus ihren Reiz besitzen. Der immer gleiche müde Vortrag Miss Platnums setzt darin keinerlei Akzente.

"Ich hab' 99 Probleme, aber keins mit meinem Mann." Der steht offenbar auf Transusen. Verständlich, die strengen auch nicht so an. Was ist nur mit dem lebenslustigen, energiegeladenen Ausbund an Bühnenpräsenz passiert, der noch auf "The Sweetest Hangover" alle Blicke auf sich zog? "Glück Und Benzin" zeigt noch nicht einmal mehr einen leisen Abglanz der übersprudelnden Balkan-Fröhlichkeit von einst. Der traurige Eindruck, dass die quirlige Wuchtbrumme von früher, die damals tatsächlich noch "stur, egoistisch und stolz" erschien, statt solches schwach beteuern zu müssen, einer enttäuschten, gebrochenen, resignierten Frau gewichen ist, lässt sich kaum abschütteln.

Die Diskrepanz zwischen dem, das Miss Platnum sagt, und der Art, wie sie es sagt, unterstreicht dieses Gefühl noch. An grellen, zuweilen sogar explosiven Vokabeln herrscht nämlich kein Mangel. "Ich mag es lieber zu laut als zu still", behauptet Miss Platnum - mit angezogener Handbremse. "Manchmal regnet es Feuer" oder "Du schlägst ein in mein Leben wie eine Bombe auf mein Haus" oder "Wir tanzen bis zum Morgengrauen" intoniert sie kaum weniger schläfrig. "Wenn wir feiern, fliegen Gläser an die Wand" - ohne Ton, dafür in der gleichen Superzeitlupe, in der sich auch der "Letzte Tanz" über den Dancefloor schraubt.

Dabei hätte Miss Platnum durchaus Bilder und Storys im Ärmel, die zu betrachten oder auszubreiten sich lohnte. Ihre Metaphern geraten so wenig schief wie ihre Texte dumm. Die Lebensgeschichte der "Frau Berg" etwa gibt durchaus genug her, um einen Song mit Inhalt zu füttern. Wenn man all das im immer gleichen lahmen, aber theatralischen Stil zu Ohren bekommt, erlahmt die Aufmerksamkeit, noch ehe ein Titel zuende geht. Jedes Thema verkommt so zur belanglosen Randnotiz, zu einem "Kleinen Schmerz". Einem Wehwehchen.

Neben K.I.Z.s Nico, der in "Hüftgold" sicherheitshalber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt, begrüßt Miss Platnum Yasha und Marsimoto als Gäste. (Aber ein zweites "Lila Wolken" möchte natürlich niemand machen. Nein, nein!) Marterias grüner Zwilling liefert in "1000 Jahre Telefonieren" übrigens den einzigen Hauch von Spaß und Abwechslung in der Einöde von "Glück Und Benzin". Dass ein Track, in dem original so viel passiert wie in einem endlosen Teenietelefonat - nämlich nichts - tatsächlich siebeneinhalb Minuten dauern muss, rechtfertigt das aber auch nicht. "Alle Farben sind Pastell. Ich ertrink' in Aquarell." Damit trifft Prinzessin Valium am Ende den Nagel doch noch auf den Punkt. Die letzten aufsteigenden Luftblasen platzen dann auch bestimmt in Slow Motion.

Trackliste

  1. 1. 99 Probleme
  2. 2. Gläser An Die Wand
  3. 3. Letzter Tanz
  4. 4. Frau Berg
  5. 5. Nur Die Liebe
  6. 6. Glück & Benzin feat. Yasha
  7. 7. Hüftgold
  8. 8. Spiegelschrift
  9. 9. Kleiner Schmerz
  10. 10. Perfekte Illusion
  11. 11. Mein Kleid
  12. 12. 1000 Jahre Telefonieren feat. Marsimoto

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8 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor 6 Jahren

    Also ich finde Miss Platnum seit eh und je sympathisch und ein paar gute Lieder hat die Platte auch. Allerdings sind alles Songs in einem Schnarchtempo, sodass man echt das Gefühl hat 11 mal den selben Song zu hören. Allerdings finde ich die Beats immernoch toll und Miss Platnums Stimme ist ebenfalls wunderschön. Und nach Liedern wie "Letzter Tanz", "Glück und Benzin" und "99 Probleme" habe ich wahrscheinlich einfach mehr erhofft. Naja, mal sehen obs doch noch was wird, nach mehreren Durchgängen. Die neue "Subway To Sally" - Platte gefällt mir da aber schon eher :D

  • Vor 6 Jahren

    "the sweetest hangover" war soo gut und ich fand es schon enttäuschend, als ich gehört habe, dass sie jetzt deutsch singt.
    und "lila wolken" war an sich auch fett (habs in der heavy rotation aufgrund radio-verweigerung nie so um die ohren gehauen bekommen), aber fand ihren part doch sehr mau!
    das hier ist ja nun irgendwie die fortführung dessen, sie hat so viel potenzial und verschenkt es für lahme pseudo-hip-hop irgendwas musik.
    ich habe jetzt nur "99" probleme gehört, aber ich muss dani komplett zustimmen, geile beats, gute texte, aber ein schnarchvortrag vorm herrn.
    da sieht man mal, was die industrie und der erfolg selbst mit einer scheinbar so unangepassten künstlerin wie miss platnum machen kann...
    wirklich schade, wünsche mir ihren quirligen balkan-sound zurück...

  • Vor 6 Jahren

    Hallo Dani,

    immer wieder schön zu sehen wie verschieden die Geschmäcker sind. Ich bin etwas anderer Meinung und feier das Album zu großen Teilen sehr! :-)
    Nachzulesen im Übrigen auf meinem Blog: http://www.kai-dickas.de/review-miss-platn…

    LG KAi