laut.de-Kritik

Ein legendäres Bühnenduell.

Review von

Fast hätte Wayne Shorter als zweiter Name auf dieser Dokumentation gestanden. John Coltrane wollte nach fünf Jahren an der Seite von Miles Davis endlich mit seiner eigenen Band durchstarten und hatte seine Kündigung eingereicht, nachdem er bei verschiedenen Auftritten seine Grenzen getestet hatte. "Seine Soli dauerten eine Stunde, obwohl wir nur für 45 Minuten gebucht waren", erinnert sich Schlagzeuger Jimmy Cobb.

Doch Davis hatte ein Angebot erhalten, das er nicht ausschlagen konnte: Eine Europatour mit dem Titel "Jazz At The Philharmonic", die Impresario Norman Granz auf die Beine gestellt hatte. Die weiteren Headliner waren Oscar Peterson und Stan Getz, vom 21. März bis 10. April 1960 traten sie in Frankreich, Schweden, Kopenhagen, Deutschland (Frankfurt und München), Schweiz, Österreich und den Niederlanden auf, teilweise zwei Mal am Tag. Die Chance für Davis, auch auf der anderen Seite des Atlantiks Fuß zu fassen.

Coltrane ließ sich überreden, mit in den Flieger zu steigen, sprühte aber nicht gerade vor Begeisterung. Beim ersten Auftritt, der im Pariser Olympia stattfand, kam es schon fast zum Eklat, als er versuchte, seinen Chef an die Wand zu spielen. Der Saal bebte, Davis schien sich jedoch mit der Rolle als Nebendarsteller zu begnügen. Coltrane sei kaum bekannt gewesen, nach dem Auftritt aber zum Helden geworden, erinnert sich ein Zuschauer in der Zeitschrift New Yorker.

Im Tourbus zog sich Coltrane zurück. "Er saß neben mir und wirkte, als könne er jederzeit das Handtuch werfen. Meistens schaute er aus dem Fenster und spielte orientalische Leitern auf einem Sopransaxophon", so Cobb. Auf der Bühne blies er wie gewohnt in ein Tenorsaxophon und schien alle Noten auf seinem Instrument gleichzeitig spielen zu wollen. Da ihm das nicht möglich war, spielte er sie nacheinander - bei atemberaubender Geschwindigkeit. "Er setzte soviel Energie frei, dass er damit ein Raumschiff hätte antreiben können", stand in den Liner Notes zu Coltranes Album "Giant Steps", das kurz vor der Tour erschienen war.

Davis auf der einen Seite, Coltrane auf der anderen, dazwischen Pianist Wynton Kelly und die Rhythmusgruppe Paul Chambers (Bass) und Cobb, die sich Mühe gab, den Laden zusammen zu halten. Alle waren 1959 an den Aufnahmen zu "Kind Of Blue" beteiligt gewesen (auf dieser Tour fehlten Hauptpianist Bill Evans und Altsaxophonist Cannonball Adderley), das im August 1959 erschienen war und sich in den folgenden Jahrzehnten zum erfolgreichsten Jazz-Album aller Zeiten entwickelt hat.

Eine historisches, ein legendäres Lineup also. Ihr Metier war der Bebop, doch wählte Davis auch viel altbekanntes Material. "Bye Bye Blackbird", "On Green Dolphin Street" oder "All Of You" waren Standards aus den 1940er und 1950er Jahren, "So What" und "All Blues" dagegen Auszüge aus "Kind Of Blue". Natürlich entwickelten sich die Stücke im Lauf der Tour weiter, Davis stand auch wieder mehr im Mittelpunkt, während Coltrane sich nach und nach mäßigte beziehungsweise in seinen Soli nach einer "spirituellen Essenz" suchte, wie es ein Kritiker beschrieb.

Das ist das einzige Manko an dieser Zusammenstellung: Dass sie nur die ersten Auftritte der Tour berücksichtigt. Dafür ist die Klangqualität außerordentlich, denn die Konzerte waren fürs Radio mitgeschnitten worden. Seit Jahrzehnten als Bootlegs erhältlich (wie auch viele der folgenden Europa-Auftritte), haben sich die Verantwortlichen bei Legacy/Columbia wie gewohnt viel Mühe gegeben, das Material klanglich aufzuarbeiten sowie mit Bildern und einem begleitenden Essay des Experten Ashley Kahn zu versehen. Um die Produktion kümmerten sich Steve Berkowitz, Michael Cuscuna und Richard Seidel, um die Abmischung Mark Wilder. Ein Grammy-verwöhntes Team, das auch schon Volume 5 der Miles Davis-Bootleg-Series betreut hat.

Zum Schluss kommt John Coltrane in einem Interview mit dem schwedischen Radio zu Wort. "Bist du wütend?", fragte ihn DJ Carl-Erik Lindgren. "Nein, bin ich nicht. Vielleicht hört es sich wütend an. Der Grund, weshalb ich so viele Klänge spiele, ist, dass ich viele Dinge ausprobiere. Gleichzeitig. Ich bin auf der Suche nach dem, was für mich Sinn macht", so die Antwort eines entspannt klingenden Coltranes.

Die Suche nach dem Sinn setzte er nach der Tour mit seinem eigenen Quartett fort, bevor er 1967 im Alter von 40 Jahren an Krebs starb. Davis nahm sich dagegen erst mal eine Auszeit und stellte 1963 eine neue Band zusammen, der unter anderen Herbie Hancock angehörte. 1964 stieß auch tatsächlich Wayne Shorter hinzu, den Coltrane vier Jahre zuvor als Ersatzmann ins Spiel gebracht hatte.

Trackliste

Olympia, Paris, March 21, 1960

CD 2

CD 3

CD 4

Second Concert

  1. 1. Bye Bye Blackbird
  2. 2. 'Round Midnight
  3. 3. Oleo
  4. 4. The Theme

Tivoli Koncertsal, Copenhagen, March 24, 1960

  1. 1. Introduction
  2. 2. So What
  3. 3. On Green Dolphin Street
  4. 4. All Blues
  5. 5. The Theme (Incomplete)

Konserthuset, Stockholm, March 22, 1960

First Concert

  1. 1. Introduction (by Norman Granz)
  2. 2. So What
  3. 3. Fran Dance
  4. 4. Walkin'
  5. 5. The Theme

Konserthuset, Stockholm, March 22, 1960

Second Concert

  1. 1. So What
  2. 2. On Green Dolphin Street
  3. 3. All Blues
  4. 4. The Theme
  5. 5. John Coltrane Interview (by Carl-Erik Lindgren)

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