laut.de-Kritik

Interpretationen von Prince, Sade, Janet Jackson u.a.

Review von

"Ventriloquism" bedeutet Bauchrednerei. Einen passenderen Titel hätte Meshell Ndegeocello für dieses Album kaum wählen können. Elf popkulturelle Klassiker aus den Jahren 1982 bis 1994 gabelt sie vom Teller der Musikgeschichte und drückt allen einen eigenen Stempel auf. Heraus kommen etliche brillante Neuinterpretationen und ein Totalausfall.

Die in Berlin geborene Amerikanerin nimmt sich nicht zum ersten Mal fremder Stücke an. Ihr berühmter Duetthit "Wild Night" (mit John Mellencamp) stammt von Van Morrison. Ebenso gab es live bereits eine Prince-Revue oder die Nina Simone-Hommage "Pour Une Âme Souveraine". Dieses Mal ist aber alles anders.

Ndegeocellos Konzept entsprang hier vor allem Schmerz und Empathie. Todesfälle in der Familie sowie die neue, anti humane Politik in ihrem Land trugen zur depressiven Stimmung bei. Gleichzeitig blockierte beides aber nicht den Kampfgeist der ebenso toughen wie sensiblen Künstlerin. Und so erfüllt diese Platte mehrere Aufgaben gleichzeitig.

In Zeiten von White Supremacy-Wahn, Rückabwicklung von Frauenrechten und wachsender Homophobie fällt es vielen Menschen nicht leicht, den Blick nach vorn zu richten. Dies gelingt oft, wenn man die eigenen Batterien durch ein paar wohlbekannte wie geliebte Klänge aus der Vergangenheit wieder lädt. Ganz bewusst wählte sie deshalb Künstler aus dem afro-amerikanischen, afro-britischen und Latino-Spektrum aus, deren Hits weltweit funktionieren. Im Gepäck befinden sich große Namen wie Prince, Sade, George Clinton oder TLCs "Waterfalls".

Zum Abschalten gibt es aber auch ein paar Partynummern, die den Kopf frei pusten, den Groove auspacken, aber nie oberflächlich daher plätschern. Im Gegenteil: Die hohe Kunst, das Unbeschwerte mit filigraner Handwerkskunst zu adeln, ist eine Hauptstärke Ndegeocellos. So bleiben die Melodien die alten, während sie die Arrangements der Evergreens aus ihrem teils etwas sterilen Eighties-Klangkorsett befreit. Anspieltipp: der der Opener "I Wonder If I Take You Home" (Lisa Lisa And Cult Jam).

Gleichwohl verankert sie die Grundstimmung der Platte insgesamt in totaler Finsternis. Mit dem schäumend sprudelnden Übermut ihrer Anfänge hat vieles nichts mehr zu tun. Die Tragik war ihr zwar nie fremd, doch dräuende Dunkelheit, unbezwingbare Bedrückung und lauerndes Unheil schweben über Platte wie ein Damoklesschwert.

Die Neuinterpretationen fördern mit Abstand das Intensivste zu Tage, was Meshell atmosphärisch bisher ablieferte. Janet Jacksons "Funny How Time Flies (When You're Having Fun)" windet sich herrlich missmutig in einem apokalyptischen Arrangement nahe bei Dark-Ambient. So mutieren Janet Zeilen in böse Ironie. Absolute Höhepunkte sind dennoch Ndegeocellos Versionen von "Sometimes It Snows In April" (Prince) und Tina Turners "Private Dancer".

Dem lila Genius webt sie ein tiefschwarzes Totenhemd und ist dabei mehr Gothic-Soulqueen als Neo-Soul-Königin. Besonders die schwebenden, recht flächigen Gitarrenlicks unterstreichen die Trauer vortrefflich.

Doch in den Keller aller Empfindung gelangt man erst mit dem "Private Danver". Tina Turner legte den Mark Knopfler-Track bereits als melancholische Klage über das Los einer Prostituierten an. In dieser Deutung wächst sich die dort noch handhabbare Desillusion nun zur suizidalen Depression aus. Gimmicks wie die effektvolle Akustikgitarre oder schamanisch eingestreute Perkussion perfektionieren die inspirierte Umsetzung.

An diesem Punkt freut man sich eigentlich auf das vermeintliche Finale mit Sades "Smooth Operator". Das Original ist ein sarkastisches Juwel über einen kaltherzigen Heiratsschwindler, dessen Zynismus sich im lässigen Cocktail-Sound des Jetset-Yuppies versteckt. Die hintersinnige Doppelbödigkeit Sade Adus wäre nach allen bisherigen Glanzlichtern dieses Albums ein gefundenes Fressen, sollte man meinen.

Doch ausgerechnet diese tolle Vorlage versägt Ndegeocello komplett. Den Rhythmus bürstet sie seelenlos auf Avantgarde. Die Melodie geht nahezu komplett baden. Übrig bleibt anklagender Sprechgesang zu eher masturbierenden, denn interpretierenden Instrumenten. Der einzige Ausfall auf einer ansonsten meisterhaften Scheibe.

Trackliste

  1. 1. I Wonder If I Take You Home
  2. 2. Nite And Day
  3. 3. Sometimes It Snows In April
  4. 4. Waterfalls
  5. 5. Atomic Dog 2017
  6. 6. Sensitivity
  7. 7. Funny How Time Flies (When You're Having Fun)
  8. 8. Tender Love
  9. 9. Don't Disturb This Groove
  10. 10. Private Dancer
  11. 11. Smooth Operator

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2 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor 10 Monaten

    Bäh, Coverplatten. Wenn es um Huldigung von Genregrößen bzw. persönlichen Lieblingen geht, reicht es auch, dies live oder nur privat zu tun. Ne Platte braucht's davon nicht. Zumal die Dame gerne doch wenigstens versuchen sollte, ihrem Opus Magnum 'Comfort Woman' (wie wär's mal mit ner Meilenstein-Rezi?) mal nen würdigen Nachfolger zu bescheren.

  • Vor 10 Monaten

    hast du die stücke gehört? nicht wirklich, oder? einfach mal ins blaue hinein "bäh, coverplatten" geflötet, schätze ich. wäre es anders und du hättest dich weigstens mal mit "private dancer" oder dem prince-track beschäftigt, du würdest so etwas nicht schreiben. das sind keine cover, das sind glasklare weiterentwicklungen und neuinterpretationen, die vollkommen neue facetten abringen.

    und überhaupt: es ist doch ne neumodische idee des populärmusik-wutbürgers, einfach auf dem konzept "coveralbum" herum zu hacken. musikhistorisch ist das doch in etlichen genres die normalität. allein schon im jazz, folk oder blues ist es völlig normal, dass etliche klasasiker immer weiter getragen werden. warum also nicht in rock, pop, soul etc?

    wichtig ist doch nur, ob man es drauf hat oder langweilt. meshell hat es hörbar drauf.

    deine meilenstein-idee finde ich aber gut. tolle anregung. danke.

    • Vor 10 Monaten

      "das sind keine cover, das sind glasklare weiterentwicklungen und neuinterpretationen, die vollkommen neue facetten abringen."

      Möglich. Aber die Dame ist ne talentierte Songwriterin, und anstatt sich auf den Werken anderer auszuruhen (selbst ne originelle Umgestaltung fällt darunter) wäre es schön gewesen, originales Material zu hören.
      Ihr mag ich das nun nicht unterstellen, aber für die meisten sind Cover doch nur ein fauler Cashgrab.

      Natürlich ist das Covern im Jazz und Blues gang und gäbe - ein bedeutender Grund, warum diese Genres mittlerweile in der breiten Masse strunzlangweilig geworden sind. Will ich im lokalen Jazzclub die x-te Version von Embraceable You hören, die die Musiker mit aufgeschlagenen Real-Books runterotzen? Nein! Ich will, dass sie die Bücher wegpacken und sich mal um Eigenkompositionen bemühen. Aber dann müsste man ja unter Umständen riskieren, sich nicht eingefahrener Crowd-Pleaser zu bemächtigen. Das würde plötzlich die ganze Sache abenteuerlich und fehleranfällig machen.

      "hast du die stücke gehört? nicht wirklich, oder? einfach mal ins blaue hinein "bäh, coverplatten" geflötet, schätze ich. "

      Richtig. Ich will ja gar nicht sagen, dass es keine gut gemachten Covers gibt. Hab selbst etliche gehört und auch durchaus genossen. Aber originale Musik ist vorzuziehen, daher mein Kommentar.

    • Vor 10 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 10 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 10 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 10 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 10 Monaten

      versteh ich schon. aber sie macht doch dauernd was eigenes. warum es nicht kumulativ als ergänzung sehen? und wie es im artikel steht, ist diese platte ja ne ausnahme und half ihr, über so eine brücke aus der eigenen depression wieder heraus zu finden. damit ist so eine zwischenplatte doch wahrscheinlich sogar eine bedingung, damit es hinterher weiter gehen kann mit eigenen sachen.

      diese hier jedenfalls sind so stark - zumindest und besonders die dunklen stücke - dass man ihr dafür nur danken kann. wer macht schon solchen soul-noir? und dann auch noch den schneid haben, janet jackson in die twilight zone zu zerren, prince zum requiem zu machen und tina turner zum suizidal-depri.

    • Vor 10 Monaten

      Uuii...hart für eingesetzt.
      Wird gecheckt

    • Vor 10 Monaten

      Dieser Kommentar wurde vor 10 Monaten durch den Autor entfernt.

    • Vor 10 Monaten

      Im Jazz wird auf jeder zweiten Platte gecovert. Es geht dort oftmals um eine eigene Sichtweise auf das Erbe, statt sich einfach nur auf die nostalgischen Wurzeln zu besinnen. Finde ich einen vernünftigen Ansatz, weil etwas Neues erst entstehen kann, wenn man die einstige Entwicklung im Hinterkopf bewahrt.

      Bin kürzlich auf die Coverplatte "Pop Pop" von Rickie Lee Jones gestoßen. Die Singer/Songwriterin singt Jazz so, als wären es ihre eigenen Songs. Die diversen Jazz-Musiker wie Joe Henderson, Charlie Haden und Dino Saluzzi holt sie nur auf dem Album hinzu, um die Songs zu akzentuieren und die Emotionalität zu verstärken. Wäre mal ein Beispiel für ein äußerst gelungenes Coveralbum.