laut.de-Kritik

So klingt Schlager-Rock!

Review von

Das erste Mal "knutschen" im "rostigen R4" mit "Miss Megarattenscharf", während im Radio Deep Purple und Led Zeppelin, Black Sabbath und die frühen Queen laufen. Dieses Feeling ist für immer passé? Denkste! Mit seinem neuen Album "MR20" bringt Matthias 'Matze' Reim die "Zeitmaschine Rockmusik" wieder zum Laufen und entführt uns in eine Welt "so klar und voller Licht" wie Glühwürmchen: "Die geile Zeit, da ist sie wieder."

Neunzehn Alben hat Matthias Reim der Welt schon zum Geschenk dargebracht, 1990 gelingt ihm der Durchbruch mit "Verdammt ich lieb dich", "verdamp lang her" also schon und eine verdammte Frechheit, wie selten das eigentlich in der Öffentlichkeit Erwähnung findet. Der Zahn der Zeit scheint jedenfalls den Macher aus Korbach verschont zu haben, daran ändert auch das Cover nichts. Eher beweist dieses lausbübische Lächeln doch, dass da unter den Falten noch immer der junge vitale Kerl vom "Sommer 77" schlummert, der nur darauf wartet, in seinen Liedern zum Leben erweckt zu werden.

Wie anders ist ein Song wie "Hauptstadt" zu erklären, in dem Reim sich noch einmal 'on the road' begibt: "Und der Fahrtwind erzählt mir Geschichten von Tagen und Nächten, die nie zu Ende geh'n." Auf einem stampfenden Beat singt Reim von Lichtern die "flashen", vom Tanzen auf Dächern und von vorbeilaufenden Gesichtern, die wie der Fahrtwind ebenfalls Geschichten von "der ganz großen Liebe, von Leid und Mut" erzählen.

Der Schlagerstar entscheidet sich für das Leben, für die Liebe, aber auch für das Leiden als die andere Seite der Medaille. Das Leben von Matthias Reim ist einfach so intensiv, dass der Alltag darin keinen Ort zum Nisten findet. Immer und immer wieder durchlebt er das Trauma des Verlassenwerdens, sieht sich mit dem "Whisky" in der Hand in "Runde zwölf" zu Boden gehen und droht in einem "Tränensee" zu ertrinken. Bis halt die Alte wieder auftaucht und ihn mit einem Vodoo-Zauber komplett dusselig macht: "Ich werd' niemals wieder untergehen, schon gar nicht wegen dir. Geisterstunde, Mitternacht, was zauberst du jetzt hier?".

Matthias Reim geht immer auf's Ganze. Die schonungslose Ehrlichkeit der Texte spiegelt sich in der deutlichen Sprache. Als Freund klarer Ansagen entwischt ihm mehr als einmal das S-Wort, aber blöde "Spielchen" sind eben nicht sein Ding: "Wirf' ne Münze, ist mir scheiß-egal. Sag mir: Er oder ich. Krieg den Arsch hoch, entscheide dich." Die Worte dürfen dem Fühlen nicht im Weg stehen, scheiße ja!

Episch wird es, wenn der Barde mit der Reibeisenstimme den Irish Folk der Kelly Family für die Gegenwart entstaubt und in "Rüstung" und mit "Schwert" von einer archaischen Liebe singt, die auch den schwersten Sturm übersteht ("Stärker"). So viel Glück in der Liebe wünscht man Matthias Reim auch in den übrigen elf Songs, stattdessen spart sich der Fuchs zum Ende des Langspielers noch die großen Balladen auf. In "Dezember" legt er wirklich alles hinein, was seine Stimme zu bieten hat, und "Wo ist der Mond" gestaltet sich über metaphorische Naturbilder und mitsamt musikalischer Verbeugung vor den anderen Legenden Pink Floyd als der avancierteste Versuch, auch die Talsohlen des Lebens einzufangen.

Mit "Großes Kino" bittet Reim die Massen im Zelt ein letztes Mal aufs Parkett zum Disco Fox, ehe er uns im Duett mit der Ex Michelle an die große Liebe gegen alle Widerstände glauben lässt. Eine wilde Berg- und Talfahrt geht zu Ende: "Als ich das Album aufgenommen, und es in der fertigen Reihenfolge komplett durchgehört hatte, überkam mich zum ersten Mal seit 29 Jahren wieder dieses 'Wow'-Gefühl.". Dem kann man nur beipflichten, ein Album prall gefüllt mit "magic moments", danke Matthias!

Trackliste

  1. 1. Eiskalt
  2. 2. Deep Purple und Led Zeppelin
  3. 3. Tattoo
  4. 4. Karma feat. Sarah Fresh
  5. 5. Problem
  6. 6. Stärker
  7. 7. Hauptstadt
  8. 8. Wo ist der Mond
  9. 9. Kopf oder Zahl
  10. 10. Dezember
  11. 11. Grosses Kino
  12. 12. Nicht verdient (Rock Edit) feat. Michelle

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