laut.de-Kritik

Wenn Minuten mehr zählen als Kreativität: die Buchhalter des Prog-Rock.

Review von

Schockschwerenot. Provokant wie Omi benutzen Marillion im Titel ihres achtzehnten Albums das böse F-Wort. Damit manch zartbesaiteter Fan nicht sofort in Schnappatmung verfällt, verstecken sie diesen hinter der Abkürzung "F E A R". Ausgeschrieben "Fuck Everyone And Run". Das klingt nach einem eher schmerzhaften Konzept.

Im kompletten Gegensatz zum unheimlich verwegenen Titel steht die Musik des Longplayers. Bieder und altersschwach schleppt sich die Band durch sechs neue Tracks, von denen drei in mehrteilige Epen ausarten. Wartete der Vorgänger "Sounds That Can't Be Made" wenigstens im Opener "Gaza" noch mit intensiven und ungewohnt wilden Ausbrüchen auf, bleibt hier nur noch geordnete Sachlichkeit. Marillion verwalten ihre Ideen.

Den "F E A R"-Mittelpunkt beansprucht Steve Hogarth diesmal größtenteils für sich alleine. Gitarrist Rothery stellt nur noch den Sidekick dar. Ein Fehler, denn von dem Sänger, der 1989 motiviert Fishs Platz am Mikro einnahm, bleibt kaum etwas übrig. Mit gebrochener Stimme und seltsam unmotiviert verliert er sich in seinen altklugen Texten, denen jegliche Grazie fehlt. Derweil ackert sich Keyboarder Mark Kelly tapfer auf seinen unangenehm gestrig klingenden Keyboards von einem schwülstigen Part zum nächsten.

Den einzelnen Stücken fehlt es dabei an Dynamik. Der schablonenhafte Songaufbau lässt jede Wendung bereits von Weitem erahnen. Zwar suchen Marillion stets den größtmöglichen Effekt, aber die handzahme Produktion, die auf jegliche Ecken und Kanten verzichtet, steht ihnen beim Erreichen dieses Ziels im Weg. Die Emotionen bleiben in Schutzfolie gehüllt. Niemand braucht hier noch Angst zu haben.

Den ewigen 'Meiner ist am längsten'-Vergleich des Prog-Rock startet die Band mit dem Opener "El Dorado", der satte siebzehn Minuten ohne herausstechende Merkmale monoton voran robbt. Uninspiriert kleben sie dafür ein bisschen Pink Floyd ("The Gold") mit ihren abgenutzten Trademarks aneinander. Dabei vergessen Marillion, dem Song eine langsam aufkeimende Idee einzupflanzen, und bleiben beim drögen Stückwerk.

In dieser Welt, in der Minuten mehr als Kreativität zählen, setzen Marillion mit "The Leavers" noch einen drauf. Zwanzig Minuten, in denen Hogarth ohne neue Eingebung noch einmal "Montréal" vom Vorgänger aufkocht und dieses nur noch um die "The Remainers"-Perspektive ergänzt. Zwanzig austauschbare Minuten, deren Fragmenten es egal ist, in welchem Track sie unterkommen.

Zwischen all diesem substanzlosen Bombast wirken die auf das Wesentliche konzentrierten "White Paper" und das arg am Coldplay-Sound angelegte "Living In F.E.A.R." (Living In Fuck Everyone And Run?) regelrecht erlösend. Doch rechtzeitig zum ausufernden "The New Kings" packen sie die rechthaberische Kapitalismuskritik-Keule aus. Wie das Kind, mit dem niemand spielen mag, mahnt Hogarth mit erhobenen Zeigefinger. Gleich zu Beginn versucht er sich an einer misslungenen Thom Yorke-Imitation. Wie so oft stechen einzig Rotherys überschwängliche und viel zu kurz kommende Soli aus diesem Schwulst positiv heraus.

"F E A R" verfügt über die staubige Ausstrahlung einer Steuererklärung. Marillion schreiben ihre Musik nicht, sie verbuchen sie. Anstatt dabei moderne Technik zu nutzen, greifen sie weiterhin auf manuelle Kontenblätter zurück. So verkommen sie endgültig zu den Ellbogenflicken tragenden Buchhaltern des Prog-Rock.

Trackliste

  1. 1. El Dorado (I) Long-Shadowed Sun
  2. 2. El Dorado (II) The Gold
  3. 3. El Dorado (III) Demolished Lives
  4. 4. El Dorado (IV) F E A R
  5. 5. El Dorado (V) The Grandchildren of Apes
  6. 6. Living in F E A R
  7. 7. The Leavers (I) Wake Up In Music
  8. 8. The Leavers (II) The Remainers
  9. 9. The Leavers (III) Vapour Trails in the Sky
  10. 10. The Leavers (IV) The Jumble of Days
  11. 11. The Leavers (V) One Tonight
  12. 12. White Paper
  13. 13. The New Kings (I) Fuck Everyone And Run
  14. 14. The New Kings (II) Russia's Locked Doors
  15. 15. The New Kings (III) A Scary Sky
  16. 16. The New Kings (IV) Why Is Nothing Ever True?
  17. 17. Tomorrow's New Country

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38 Kommentare mit 70 Antworten

  • Vor 2 Jahren

    Nachdem ich dieses Album nun schon seit Veröffentlichung mein Eigen nenne muss ich sagen, es wird nicht besser. Immer noch stinklangweilig. Und immer noch der Vergleich mit Pink Floyd, nein, das geht überhaupt nicht .Was haben Marillion sich dabei nur gedacht, so ein unspiriertes Abum zu veröffentlichen. Von Titel 1 bis Titel 17, oder doch nur zusammengefasste 6 Titel, wo ist der Prog-Rock hin????Keine Ecken, keine Kanten und Mister H singt die ganze Zeit. Was soll das ??????????
    Von mir nur 1 von 5 Sternen

  • Vor 2 Jahren

    Die Jungs gibts also immer noch. War früher regelmäßiger Besucher ihrer Konzerte, hab alle Alben gesammelt...bis ich vor einigen Jahren nach Marbles den Kontakt verloren habe. Marillion trat für mich auf der Stelle, alles klang jahrelang gleich... Habe gegrübelt, ob es vielleicht am Alter der Musiker liegen könnte, am körperlichen Zustand von Rothery (muss man sich um ihn sorgen, wie er zugenommen hatte)... habe es dann nochmal versucht, mich neu auf sie einzulassen, bin aber nicht inspiriert worden, nichts von denen schaffte es mehr, sich in meine Gedanken zu mischen, keine Akkorde, keine Melodie, kein Klang, kein Geräusch.
    Nun aber kann ich der Kritik dieser Platform nicht folgen.
    FEAR habe ich mir intensiv zum Gemüte geführt, habe mir das lange angehört und es wirken lassen. Ich habe Marillion wieder mal eine neue Chance gegeben und muss sagen, dass es sich dieses Mal gelohnt hat. FEAR ist für mich das Beste Album seit Brave. Absolut überzeugend und ich stelle fest, dass ich die Scheibe jetzt schon lange rauf und runter höre.
    Man muss ihr Zeit geben, wirklich Zeit, ich denke, diese Scheibe lässt sich nicht mal eben schnell nach drei/vier Mal durchhören beurteilen. Und das macht sie so stark, dass man immer wieder Neues entdeckt, wovon man glaubt, es bislang gar nicht gehört zu haben. Am Ende stehen wunderbare Arrangements, schöne Melodien, interessante Breaks und druckvolles Spiel. Hätte persönlich nicht gedacht, dass der alte Mosley doch noch gut auf die Pauke hauen kann. Dachte lange, dass er nicht mehr zu viel Tempo und Druck in der Lage ist. Für mich ist dieses Album 5 Sterne wert

  • Vor 9 Monaten

    Dieser Review ging ja mal so richtig in die Hose. Eines der besten Marillion Alben.