laut.de-Kritik

Pop-Punk vom Rapdevil.

Review von

2020 war ein bislang fulminantes Jahr für Machine Gun Kelly. Colson Baker, wie der Midwester bürgerlich heißt, spielt im Netflix-Film "Project Power" mit, eröffnet sein eigenes Café und gewinnt bei den MTV VMAs den Preis in der Kategorie "Best Alternative". Zwischenzeitlich nimmt er im Lockdown Coverversionen von allerlei Klassikern auf. "Tickets To My Downfall" vollzieht den musikalischen Wandel von Tech-Rap zu Pop-Punk, unterstützt von Co-Produzent Travis Barker.

Zugegeben: Er war schon vor dem Trend da. Machine Gun Kelly hat immer schon mit Punk geflirtet. Ihm jetzt vorzuwerfen, er reite auf der nächsten Welle, wäre unfair. Trotzdem ist 2020 natürlich ein gutes Jahr für etwas Punk. Nach Emo-Trap und Horrorcore schließt sich hier der Kreis zurück in die 90er. Zusammen mit dem Nostalgiebedürfnis in unsicheren Zeiten setzt MGK trotz vermeintlichem Neuanfang auf Bewährtes. "I Think I'm Okay" vom letzten Album "Hotel Diablo" stellte bereits die Weichen für den zukünftigen Sound: eingängige Riffs und Gesang like it's 1999. Mit "Tickets To My Downfall" wendet sich Kelly jedoch erst einmal vom Rap ab.

Das Album beginnt mit dem bezeichnend bezeichneten "Title Track". "I use a razor to take off the edge / I sell tickets to my downfall", heißt es da, und: "If I'm a painter I'm a depressionist." Machine Gun Kelly möchte sein Innerstes nach außen kehren und uns mit auf seinen Niedergang nehmen, eingebettet in ein flottes Gerüst aus dem Pop-Punk-Baukasten.

Weiter geht es mit "Kiss Kiss", einer klassischen Sauf-Party-Hymne, und "Drunk Face", das die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens beschreibt. Beide machen Spaß, die herausragenden Eigenschaften von MGK als Rapper mit druckvoller Delivery machen sich auch hier bezahlt. Die Töne sitzen und der Musiker bleibt - anders als mancher Punk-Kollege - immer gut verständlich, ohne sich dabei allzu sehr anzustrengen.

Das inhaltlich nicht so viel zu holen ist, überrascht wohl niemand. Auf "Tickets To My Downfall" geht es um eingängige Melodien. Das haben schon die Vorabsingles demonstriert, allen voran "My Bloody Valentine". Zwischendrin haut Co-Produzent Travis Barker ein wenig auf die Drums und dreht am Verstärker. Überhaupt klingt die Produktion nicht nach "drei besoffene Typen im Proberaum". Der Rapdevil hat vielleicht keinen riesigen Stimmumfang, probiert sich aber auch nicht an gewagten Tonlagen.

Die Begleitung hat ebenfalls wenig mit der Klischee-Garagenband zu tun, die bei einem Punk-Projekt vielleicht erwartet wird. Hinter dem Album steht ein versiertes Team. MGK spielt teilweise selbst Gitarre, fürs Songwriting zeichnen neben ihm unter anderen Josh Farro und Hayley Williams von Paramore, Omer Fedi (24kGoldn, The Kid Laroi) und Nick Mira (Juice WRLD) verantwortlich.

"Forget Me Too" täuscht kurz mit weniger Tempo an, schmeißt dann schnell die Akustikgitarre weg und zeigt sich als melodisches Punk-Duett mit Halsey. "All I Know" mischt Trippie Redd auf einen seltsamen Rap-Rock-Beat, dabei singt MGK trotzdem konsequent weiter. Warum dieser Track existiert, erschließt sich nicht, plätschert er doch völlig belanglos vor sich hin.

Das andere Rap-Feature ("Nothing Inside" mit Iann Dior) bleibt mehr auf Linie mit dem Album. Hier entsteht tatsächlich interessanter Crossover, auch dank des detaillierten musikalischen Gerüsts. Die melodische Gitarre mit dem rauen Gesang bildet einen der verstreuten, aber doch vorhandenen Höhepunkte auf "Tickets To My Downfall".

"WWIII" klingt mit seinen sich überschlagenden Drums und dem groben Gesang am meisten nach Punk, auch die Länge von gerade mal einer Minute wirkt schön hingerotzt. Vielen anderen Stücken geht diese Attitüde etwas ab. Der Pop-Aspekt ist auf "Tickets To My Downfall" auf jeden Fall stets präsent. So auch bei "My Ex's Best Friend" mit Blackbear. Da die Single ein voller Erfolg war, packt MGK mit "Jawbreaker" danach noch einmal den exakt gleichen Song ohne Rapfeature aufs Album. Beide Tracks machen Spaß, so etwas wie ein liedübergreifender Spannungsbogen bleibt aber durchgehend Wunschdenken.

Auf "Banyan Tree (Interlude)" finden sich kurz vor Ende des Albums Liebesschwüre von Kelly und neuer Freundin Megan Fox. Schon süß, aber auch etwas unangenehm. Den Abschluss zu MGKs Abstiegsshow bildet das akustische "Play This When I'm Gone". Er wendet sich an seine Tochter, ohne Gitarrengeschrammel kann seinen Worten auch mehr Gewicht beigemessen werden. Der abgrundtief traurige Titel behandelt Sucht und sein Versagen als Vater. Wirkliche Erlösung sieht er für sich nur im Tod. Diese düstere Perspektive bricht drastisch mit seiner Verliebtheit ein paar Minuten zuvor und zeigt gerade im Kontext eine innere Zerrissenheit, mit dem er endlich dem Anspruch aus dem Albumtitel gerecht wird.

Macht Pop-Punk Spaß? Ja. Macht Pop-Punk von Machine Gun Kelly Spaß? Ja. Hätte es ein ganzes Album gebraucht? Nein. "Tickets To My Downfall" trifft einen Nerv, er hatte offensichtlich Lust darauf, neue Wege zu beschreiten. Die gleichen 26 Jahre nach "Dookie" jedoch eher gut beschilderten Straßen, wirklich Neues kann der Musiker nicht entdecken. Somit bleiben 15 Titel mit etlichen Ohrwürmern und einigen Aussetzern, die live bestimmt allesamt funktionieren. Und da soll man Punk ja auch hören.

Trackliste

  1. 1. Title Track
  2. 2. Kiss Kiss
  3. 3. Drunk Face
  4. 4. Bloody Valentine
  5. 5. Forget Me Too feat. Halsey
  6. 6. All I Know feat. Trippie Redd
  7. 7. Lonely
  8. 8. WWIII
  9. 9. Kevin And Barracude (Interlude)
  10. 10. Concert For Aliens
  11. 11. My Ex's Best Friend feat. Blackbear
  12. 12. Jawbreaker
  13. 13. Nothing Inside feat. Iann Dior
  14. 14. Banyan Tree (Interlude)
  15. 15. Play This When I'm Gone

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