laut.de-Kritik

Die beste Antwort auf den Rausschmiss bei Fleetwood Mac.

Review von

Spätestens mit dem Einstieg von Lindsey Buckingham und Stevie Nicks war Fleetwood Mac für viele der Peter Green-Anhänger*innen gestorben. In Buckinghams Pop-Rock-Kompositionen steckt immer etwas kindlich Naives. Mögen die Texte oft eine andere Sprache sprechen, mag ihm das Leben noch so hart in die Fresse schlagen, die Perspektive verändert sich nicht. Seine Songs verfügen über eine unberührte Schönheit, als würde er bei jedem neuen Lied zum ersten Mal das Wunder der Musik entdecken.

Im Grunde verständlich, dass viele Hörer*innen, die schwitzigen Blues gewohnt waren, hiermit nur schwer klar kamen. Für geschundene Seelen ist es das Einfachste, auf diesen Ansatz mit Nasenrümpfen zu reagieren, und erfordert Überwindung, sich diesem zu öffnen.

Auch auf seinem ersten Solowerk seit dem vor zehn Jahren veröffentlichten "Seeds We Sow" verändert Buckingham nichts. Über die Jahrzehnte gelang es ihm, zwischen seiner gehauchten Stimme, differenziertem Fingerpicking und oftmals etwas cheesigen Synth-Einsätzen eine ganz eigene Sprache zu finden. Ein Konzept, das genug Raum für "Rumours"-Noblesse und "Tusk"-Experimente bietet.

Nach 1987 ist Buckingham nun unter lautem Getöse wieder einmal nicht Teil von Fleetwood Mac. Laut ihm ist Nicks Schuld, laut Nicks nicht. Unterhalb der ständigen Eskalationsstufe 'Drama' kann es diese Band einfach nicht. Wie schon beim letzten Mal wurde er auch diesmal gleich von zwei Personen ersetzt: Neil Finn (Split Enz, Crowded House) und Mike Campbell (Tom Petty And The Heartbreakers). Doch Fleetwood Mac wären nicht Fleetwood Mac, wäre diese Entscheidung in Stein gemeißelt. Zuletzt öffnete Mick Fleetwood die Tür für Buckingham wieder ein Stück. So viel Popcorn gibt es auf der Welt gar nicht, wie man bei der Beobachtung dieses "Game Of Thrones"-gleichen Epos verknuspern mag.

Nach dem Rausschmiss folgten ein Herzinfarkt, ein durch die Herz-OP verursachter Stimmbandschaden, eine Scheidung und das erste Corona-Jahr. Man kann jetzt nicht zwingend behaupten, dass dieser Mann zuletzt vom Glück geküsst wurde. Nun schließt sich der Kreis, und er kehrt mit dem Album zurück, das ihm all den Trubel einbrachte. Seine Planungen kollidierten mit denen zum 50. Fleetwood Mac-Geburtstag.

Da die meisten Songs vor all dem entstanden, merkt man ihnen diese düsteren Zeiten nicht an. "Lindsey Buckingham" mag zwar nicht die Klasse seiner besten Solo-Longplayer "Gift Of Screws" oder "Out Of The Cradle" erreichen, doch viele dieser im Heimstudio in Los Angeles entstandenen Stücke könnten einen Platz auf "Rumours" oder "Tango In The Night" einfordern, ohne dort zu den schlechtesten zu gehören. Buckingshams Gespür für eingängige Melodien ist regelrecht unverschämt.

Die in Eigenregie durchgeführte Produktion ging Buckingham jedoch gehörig daneben. Ein blecherner Sound, in dem man den Bass mit dem Hörrohr suchen muss, entzieht den Songs Lebensenergie und erschwert den Zugang. Hinzu klingt das Schlagzeug zeitweise, wie schnell mal am Abend mit GarageBand zusammen geschustert.

Mit "Scream" gelingt ein leichtfüßiger fluffiger Auftakt mit etwas merkwürdigen Lyrics ("Down in the valley, hearts dilly dally"). Das besänftigende "I Don't Mind" erinnert mit den seit den 1980ern für Buckingham so typischen verfremdeten Background-Stimmeffekten und spätestens mit seiner hellen Gitarre im Refrain an "Tango In The Night".

"On The Wrong Side" und "Swan Song" stellen das Herzstück von "Lindsey Buckingham" dar. Trotz seiner Leichtigkeit verfügt das hymnische "On The Wrong Side" mit einem mehrstimmigen Refrain und zwei Gitarrensoli über eine Virtuosität, die Buckingham einem eher nebenbei und ohne Poserei unterjubelt. "I'm outta pity / I'm outta time / Another city, another crime / I'm on the wrong side" blickt er auf seine Zeit mit Fleetwood Mac zurück. Trotz der letzten Jahren durchdringt das Lied kein Groll, schwingt eher etwas Versöhnliches mit. "Every now and then I fall / Every now and then I rise / When my back's against the wall / It's just sometimes I compromise / ... / Time is rolling down the road / Love goes riding in a hearse / We were young, and now we're old."

Die Klasse von "Swan Song" versteckt Buckingham hingegen erst mal hinter einem seltsam anmutenden Drum'n'Bass-ohne-Bass-Loop. Ein Beat der wirkt, wie von einem alten Herrn erstellt, der auch mal wieder aktuell klingen mag. Also genau nach dem, was er ist. David Bowie hatte das recht ähnlich auf dem oft unterschätzten "Earthling" durchgezogen, doch war damals noch 1997. Hat man sich erst einmal daran gewöhnt, findet man dahinter einen einnehmenden und paranoiden Track, der in diesem Moment dann wiederum gerade mit seinem ungewöhnlichen Klanggewand eine beklemmende Stimmung entwickelt, mit der er aus dem Album deutlich heraus sticht.

Mit der Doo-Woop-Ballade "Blind Love" kommt Buckinghams siebtes Solo-Album ins Straucheln, landet mit dem Pozo-Seco Singers-Cover "Time" sogar im Alleinunterhalter-Modus. Eine wirklich üble Version, mit dem das Album kurzzeitig auf der Kippe steht. Mit "Blue Light" findet es jedoch wieder in die Spur zurück. Es war knapp, aber wir hatten Glück.

Mit "Lindsey Buckingham" verdeutlicht eben jener noch einmal, wie wichtig sein Beitrag in den letzten Fleetwood Mac-Jahrzehnten war. Während seine ehemaligen Bandkolleg*innen zur letzten Tour auf neues Material verzichteten, gibt er die wohl beste Antwort, die er auf seinen Rausschmiss und die schweren Zeiten geben konnte.

Trackliste

  1. 1. Scream
  2. 2. I Don't Mind
  3. 3. On The Wrong Side
  4. 4. Swan Song
  5. 5. Blind Love
  6. 6. Time
  7. 7. Blue Light
  8. 8. Power Down
  9. 9. Santa Rosa
  10. 10. Dancing

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