laut.de-Kritik

Leute, ein bisschen Fantasie hätte schon sein dürfen.

Review von

Wenn eine Kollabo über Albumlänge derzeit Sinn ergibt, dann diese hier. 2021 gehörte als kommerzielles Rapjahr bisher Lil Durk und Lil Baby. Beide haben Buzz ohne Ende, machen die wertvollsten Features nach Drake und teilen eine klar abgesteckte Zielgruppe. Diese mag an ihnen vor allem eines: Sie sind real wie die Bretter. Sie können spürbar machen, wovon sie reden, "Pain Rap" benannte man diese Stilrichtung.

Entsprechend klingt auch das Kollabo-Album "The Voice And The Hero" real und authentisch. Aber genauso, wie die Beiden sich in ihren Stärken decken, so amplifizieren sie ihre Schwächen: Dieses Album ist monoton wie weißer Reis. So stabil jeder Partauch rattern mag, die Eigenschaft, in der sich Durk und Baby am meisten beflügelt haben, das muss wohl ihre Fantasielosigkeit gewesen sein.

Wie schlecht kann ein Album aber sein, wenn jeder einzelne Verse mindestens gut ist? Schwere Frage. Hört man die Tracks isoliert, findet man keine Patzer. Eher gibt es Nummern wie "Please", "2040" oder "How It Feels", auf denen Baby oder Durk besonders ruppig oder emotional aufschlagen. Und das können sie am besten: Mit dreidimensionalem Schmerz in der Stimme sinnt man darüber nach, wo man herkommt und wie diese Vergangenheit geprägt hat. Man schaffte es raus aus der Hood, resümieren sie, ist aber auf dem Boden geblieben. Dies qualifiziere sie nun dafür, Held und Stimme der alten Nachbarschaften zu sein.

Am Ende des Tages kennt man derlei Verses aber schon längst. Neues erzählen sie nicht, und an bisherige Höchstformen reicht es auch nicht heran. Stattdessen hält "The Voice Of The Heroes" einen bierernsten Song nach dem anderen bereit, alle hauen etwa in die gleiche Kerbe und vermitteln nicht eine Sekunde lang Konzept, Freude oder Humor.

Vielleicht sollte man besser nicht nach den ersten fünf Sekunden mit völliger Verlässlichkeit schon vorhersagen können, was in einem Song passieren wird. Es gibt keinen Moment auf dieser Platte, der auch nur ein bisschen überrascht. Jeder Song ist gleich strukturiert, jeder Verse enthält die gleichen Wörter und bedient sich in etwa des gleichen Tons. Dass Durk zwei Mal zumindest versucht, eine sich melodisch abhebende Hook zu schreiben, muss man ihm hoch anrechnen, denn Baby rappt seine Hook-Duties schlicht jedes Mal runter wie einen verlängerten Part.

Auch Produktion kommt von der Stange. Von einer Boutique-Stange, aber nonetheless: ATL Jacob und London On The Track können Piano-Trap mit sehr viel Atmosphäre, Murda Beatz oder Wheezy können ein auch wertige Sample flippen, aber kein Beat gibt Anlass zu größerer Begeisterung: Essentiell unterscheiden sie sich nur im Grad ihrer Melodramatik. Wenn dann doch mal ein Beat herausragt, wie der etwas ausgefallenere Wheezy-Synthesizer auf "That's Facts", dann fühlen die beiden Performer sich sofort ein bisschen deplatziert an.

Wenn dann doch mal ein Thugger auftaucht, merkt man augenblicklich, wie sehr man ihn vermisst. Man halte von dem Mann, was man will, aber wenn er am Fuß eines Beats steht, dann gibt es hundert Wege, die er einschlagen könnte und wird. Sein sanfter Flow moonwalkt so viel kreativer auf "Up The Side" als alles, was Durk und Baby aufgießen. Auch die anderen Features nimmt man deshalb mit Kusshand, einfach, weil sie den Sound etwas aufbrechen. Meek Mill macht Stimmung auf "Still Runnin", Travis Scott und Rod Wave liefern ihr Standard-Programm. Aber hey – es ist ja schon aussagekräftig genug, wie sehr man sich hier über jedes Feature freuen möchte.

Denn Baby und Durk kommen nicht sehr gastlich daher. Ja, "The Voice Of The Heroes" bedient die Stärken des Duos. Da Album birgt zahllose Parts, in denen sie flowen, auf denen ihre Stimmen leiden und kratzen, hier und da hebt einer von ihnen durchaus auch ein bisschen ab. Aber am Ende des Tages kam für keinen der beiden Kataloge ein Highlight hinzu. Schon mal einen Song von Lil Durk oder Lil Baby gehört? Ja? Dann wisst ihr haargenau, wie diese Platte klingt.

Trackliste

  1. 1. The Voice Of The Heroes
  2. 2. 2040
  3. 3. Hats Off (feat. Travis Scott)
  4. 4. Who I Want
  5. 5. Still Hood
  6. 6. Man Of My Word
  7. 7. Still Runnin (feat. Meek Mill)
  8. 8. Medical
  9. 9. How It Feels
  10. 10. Lying
  11. 11. Okay
  12. 12. That's Facts
  13. 13. Please
  14. 14. Up The Side (feat. Young Thug)
  15. 15. If You Want To
  16. 16. Rich Off Pain (feat. Rod Wave)
  17. 17. Make It Out
  18. 18. Bruised Up

2 Kommentare

  • Vor 9 Tagen

    "Schon mal einen Song von Lil Durk oder Lil Baby gehört? Ja? Dann wisst ihr haargenau, wie diese Platte klingt."

    Klingt doch eher nach ner Empfehlung für Fans?!

    Naja, wack af, wie die meisten Lil's.

  • Vor 9 Tagen

    Ich muss sowohl bei Durk als auch Lil Baby anmerken, dass beide sehr gut als Gastmusiker funktionieren, aber auf eigenen Projekten sehr monoton kommen. Gäbe es diese Feature-Songs nicht, würde ich sogar sagen, dass Lil Baby momentan einer der überbewertetsten Rapper ist. Durk hatte zumindest während seiner Anfangsphase noch ein wenig mehr Ecken und Kanten, den habe ich 2012 neben Chief Keef mitgefeiert.

    Dieses Projekt habe ich nach ungefähr der Hälfte ausgemacht, weil mir da irgendwie gar nichts abging. Normalerweise habe ich bei solchen vollgeladenen Rap-Alben immer mindestens einen oder zwei Tracks dabei, die ich in Playlists packe. Aber hier war mir einfach alles zu unspektakulär.

    Bei Lil Baby braucht man vielleicht auch einen strengen Executive Producer, der da mal vorschreibt, welche Beats er zu picken hat und welche Flows funktionieren. Alleine kriegt er das auf den eigenen Alben überhaupt nicht hin.